Marc Raabe "Schlüssel 17": Frau Bluhm liest! | BUCHSZENE

Frau Bluhm rezensiert Marc Raabes Thriller „Schlüssel 17“, der sie an ein berühmtes Vorbild erinnert

Titelbild Schlüssel 17 - Marc Raabe

shutterstock @ Namning Bild-ID: 582305095

1. April 2018 | Frau Bluhm


In Marc Raabes „Schlüssel 17“ entdecken fünf Jugendliche eine Leiche in einem Kanal. Als die Polizei nach ihr suchen will, ist sie weg! Frau Bluhm fällt über den Thriller ein eindeutiges Urteil.


Frau Bluhm liest: „Schlüssel 17“ 5 von 5 Blu(h)men

5 Blumen Frau Bluhm liest


Fünf Jugendliche entdecken eine Leiche in einem Berliner Kanal

Wie eine Entscheidung, die in der Kindheit getroffen wird, ganze Leben nachhaltig verändern kann, darüber philosophiert Marc Raabe in seinem aktuellen Thriller „Schlüssel 17“. In diesem Reihenauftakt begegnen wir dem vierzehnjährigen Tom Babylon am Vortag des schlimmsten Tages seines Lebens: Bei einer Mutprobe entdeckt die Clique von fünf Jugendlichen eine Leiche in einem Kanal bei Berlin. Sie scheint schon länger dort unter Wasser zu liegen, um den Hals ein Schlüssel, in den die Zahl 17 eingeritzt ist. Die Teens beschließen erst einen Tag später zur Polizei zu gehen, den Schlüssel erwähnen sie dabei nicht. Doch als die Ermittler kurz darauf nach der vermeintlichen Leiche tauchen, ist diese nicht mehr aufzufinden. Die Polizei tut den Vorfall als kindlichen Scherz ab und hat außerdem Wichtigeres zu tun: Toms jüngere Schwester Viola verschwindet spurlos.

Tom Babylon ist Kommissar des LKA in Berlin

Fast 20 Jahre später ist Tom Babylon Kommissar beim LKA in Berlin. Er hat es sich zum Lebensziel gemacht, seine Schwester zu finden, von der er glaubt, sie sei immer noch am Leben, obwohl vor Jahren ein Körper aus dem Fluss geborgen wurde, den die Polizei als den ihren identifizierte. Als Leser erhalten wir direkten Einblick in Toms Seele und seinen Kopf, und bekommen sehr schnell mit, dass der Ermittler von der Suche nach Viola regelrecht besessen ist, ja sogar regelmäßig innere Dialoge mit ihr führt. Doch seit 19 Jahren laufen seine Untersuchungen ins Leere, bis er am 3. September 2017 an einen Tatort in den Berliner Dom gerufen wird. Vor Ort findet sich eine grotesk ausgestellte Leiche – um den Hals einen Schlüssel mit der Nummer 17!

Der Thriller erinnert an „ES“ von Stephen King

Marc Raabe hat bei der Zeichnung seiner Charaktere wirklich gute Arbeit geleistet, da man fast augenblicklich mit Tom mitfühlt und ihn auf seiner Reise begleiten möchte. Durch die Einschübe, die uns der Autor in Form von Toms Erinnerungen liefert, erfahren wir im Laufe des Buches immer mehr über den Vorfall einst und die weitere Entwicklung der Jugendlichen. Ein wenig erinnerte mich die Geschichte beim Lesen an die wohl bekannteste Coming-of-Age-Erzählung ihrer Art: „ES“. Doch statt gruselige Clowns und blutige Bäder zu inszenieren, zaubert Marc Raabe ein ganz anderes Monster aus dem Hut, das seinen Weg zurück in die Welt der Erwachsenen findet: die Wirklichkeit.

Die Leiche vom Dom ist nur der Gipfel der Vertuschungen

Tom Babylon und seine Kollegin Sita Johanns graben sich immer tiefer in den Fall ein und beginnen schon bald zu begreifen, dass die im Dom gefundene Leiche nur der Gipfel des Eisbergs von Entscheidungen und Vertuschungen ist, deren Auswirkungen zurückreichen bis in die Zeit vor der Wende.

Marc Raabe wirft ein Rätsel nach dem anderen auf – genial!

Und auch, was das Thema Spannung angeht, braucht Marc Raabe sich keineswegs vor dem Meister des Thrills Stephen King zu verstecken. Das Buch erweist sich, gerade durch die oben schon erwähnten gut platzierten Flashbacks als absoluter Pageturner. Die gut durchdachte Geschichte leistet dabei einen hohen Anteil, genau wie die interessanten Protagonisten, das zwar hohe, aber auch gut zu lesende sprachliche Niveau und der Rätselfaktor. Rätseln lassen kann Marc Raabe seine Leser nämlich aufs Feinste. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber in der Mitte überrascht er mit einer Verwicklung, die mir schier den Atem nahm. Marc Raabe ist ein Meister der Andeutung, der Einflechtung von kleinen Details, die einen als Leser denken lassen, man sei dem Täter auf der Spur. Falsch gedacht. Mehr sage ich nicht.

Am besten gefällt mir bei diesem Buch der philosophische Ansatz

Was mir aber an diesem Buch wirklich am besten gefällt, ist der wahnsinnig gute Aufbau und der fast schon philosophische Ansatz der ganzen Thematik. Tom Babylon und seine Freunde sind Teenager, als sie Ereignisse in Gang setzen, von denen sie keine Ahnung haben. Wie sollten sie auch? Ich mag die beiläufige Einflechtung der Dialektik von Schicksal und Zufall in diesem Buch wirklich sehr. Der Autor hat es mit einer Subtilität gelöst, die einen nachdenklich stimmt, ohne einem das Gefühl eines erhobenen Zeigefingers zu geben.

Ich kann die Lektüre wirklich nur empfehlen

Fazit: Marc Raabes „Schlüssel 17“ ist ein durchdachter und spannend aufgebauter Thriller, der alles beinhaltet, was ein gutes Buch so braucht. Ich kann ihn nur jedem empfehlen.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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