Wie mein Nachbar ins Drogengeschäft einstieg | BUCHSZENE

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Kürzlich hatte ich mit meinem Nachbarn einen Breaking-Bad-Moment – Steinleitners Woche

Steinleitners Woche Kolumne 144

4. April 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Jörg Steinleitner kennt seinen Nachbarn seit 20 Jahren. Doch eines Nachts ertappt er ihn bei einem gleißenden Zelt in der Küche und feinem Werkzeug in der Hand. Rigobertos neues Drogenlabor?


Ein Zelt in der Küche – der Breaking-Bad-Moment mit dem Nachbarn

Kürzlich hatte ich mit meinem Nachbarn so einen Breaking-Bad-Moment. Rigoberto wohnt in der Wohnung neben dem italienischen Ferienappartement, in dem wir jedes Jahr Urlaub machen. Wir kennen ihn seit über zwanzig Jahren. Er war mal ein reicher Mann mit großer T-Shirt-Fabrik. Doch dann kamen die Chinesen und machten billigere T-Shirts und Rigoberto verlor alles. Pfändung, Zwangsversteigerung, Krankheit. Am Ende war er so verzweifelt, dass er mit einem Vorschlaghammer durch die Fabrikräume rannte und alles kurz und klein schlug. Seither ist er depressiv und kommt nicht mehr aus dem Haus, außer zum Blumengießen. Rigoberto sieht ein bisschen aus wie ein dick und grau gewordener Jean Reno und er liebt Pflanzen.

Scheinwerfer, feines Werkzeug – produzierte er nun heimlich Drogen?

Als wir vor einigen Tagen im Dunkeln an der Ferienwohnung ankamen, stand das Fenster zu Rigobertos Küche offen. Zwischen Küchenzeile und Tisch stand ein mindestens hüfthohes weißes Zelt, grell beleuchtet mit Scheinwerfern. Ob die Scheinwerfer innen oder außen angebracht waren, konnten wir nicht genau erkennen. Wir sahen Rigoberto, wie er über das Zelt gebeugt mit einem feinen Werkzeug hantierte. Er trug seinen dunkelblauen Adidas-Anzug und eine Kippe im Mundwinkel. Er wirkte sehr konzentriert und gar nicht depressiv wie zuletzt immer. Hatte Rigoberto ein neues Geschäft aufgemacht? Produzierte er nun heimlich Drogen, um seinen Lebensstandard wieder dahin bringen, wo er einmal gewesen war?

Schreie in der Nacht, vermutlich eine Rockerspezialität

Das mit den Nachbarn ist ja so eine Sache. Das erste Mal, als mir bewusst wurde, dass das Nachbarschaftsverhältnis ein besonderes ist, da war ich elf. Die schrillen Schreie einer Frau hatten mich mitten in der Nacht geweckt. Im Halbdunkel der Wohnung fand ich eines unserer Fenster gekippt. Die Schreie kamen von unter uns. Es war die Frau des Motorradrockers, die da schrie. Ihre Töne machten mir nicht direkt Angst, aber sie verstörten mich. Ich lauschte eine Weile und wunderte mich. In der Schule hatten wir Aufklärung schon gehabt. Aber da war nicht die Rede davon, dass Frauen so laut kreischten. Ich vermutete, dass es eine Motorradrocker-Spezialität war.

Über Nacht ist er mit seinem Drogenlabor umgezogen

Rigoberto hat gemerkt, dass wir sein Zelt entdeckt haben. Denn ab dem Folgetag war sein Küchenfenster immer verschlossen und der Vorhang zugezogen. Und als es mir am übernächsten Tag gelang, einen Blick hineinzuwerfen, da war es weg. Rigoberto war mit seinem Drogenlabor umgezogen.

Sie schrie „Halt die Fresse!“ und manchmal wurde es handgreiflich

Als Studenten hatten Helena und ich eine Weile lang in einem Haus mit vielen wirklich armen Bewohnern gelebt. Die Wände waren dünn wie Pappmaché. Und so hörten wir jede Nacht zwei Frauen streiten. Vermutlich eine ältere und eine jüngere. Jede Nacht warfen sich die beiden Frauen dieselben Dinge vor: Dass die eine zu viel Geld ausgegeben habe. Dass sie natürlich nach einem Job suche. Dass sie zu laut schnarche. Dass sie nicht immer herumlaufen solle. Dass sie die Halt die Fresse! Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie auch handgreiflich wurden. Jede Nacht lag ich wach und hörte dieses schmerzvolle Theater an. Es war grauenhaft. Ich stellte mir, wie die beiden – vermutlich Mutter und Tochter, vermutlich gezwungen aufgrund der Unwägbarkeiten des Berufslebens – in einer Einraumwohnung lebten und einfach nur verzweifelt waren. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und versuchte herauszufinden, wer die beiden waren. Ihre Wohnung gehörte zu einem anderen Hauseingang. Ich ging also hinüber, las die Klingelschilder und rechnete die Stockwerke durch. Dann klingelte ich bei Frenzel-Kohlmeier. Nichts rührte sich. Ich klingelte noch einmal. Nichts. In der Folgenacht wieder das Gestreite. Wir zogen irgendwann weg. Heute denke ich an Jens Spahn und fühle mich wegen meines Wegziehens von damals schlecht.

Unser Nachbar wirkt viel fröhlicher dieser Tage – weiß ich den Grund?

Rigoberto hat nun definitiv kein Zelt mehr in der Küche. Aber er wirkt viel fröhlicher dieser Tage. Gestern hat er mit einem Elektriker über Belüftungsmöglichkeiten für die Küche gesprochen. Ich kenne mich mit der Drogenproduktion nicht so gut aus. Aber vermutlich braucht man dafür eine gute Belüftung. Es könnte jedoch auch sein, dass Rigoberto in seinem Zelt zarte, kleine Pflänzchen zieht. Wie gesagt, er liebt Blumen. Und der Frühling ist da.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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