„Raumpatrouille“ von Matthias Brandt – In der Kritik | BUCHSZENE

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Matthias Brandts „Raumpatrouille“ in der Kritik

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5. Januar 2017 | Jörg Steinleitner


Matthias Brandts „Raumpatrouille“ erzählt Geschichten aus dem Leben eines Kinds, das ein total normales und doch vollkommen außergewöhnliches Leben im Schatten des Kanzleramts führt. Es ist ein autobiografisches Buch voller liebevoll beobachteter Details aus den 70er-Jahren, aber keine Autobiografie. Eine heiter-gelassene Geschichten-Sammlung, auf ideale Weise geeignet als Entspannungslektüre für Menschen mit prall gefüllten Terminkalendern. Hier ist unsere Kritik.

„Mein Vater stürzte nicht, er kenterte.“

Viele Verlage haben herausgefunden, dass es leichter ist, indem man einen fernsehbekannten Autor darum bittet, ein Buch zu schreiben. Natürlich neigt man als Buchleser dazu, dieses allzu durchschaubare Manöver zunächst einmal mit einem Nasenrümpfen zu quittieren. Doch im Fall von Matthias Brandts „Raumpatrouille“ ist dieses Nasenrümpfen bei aller Kritik unangebracht. Der Schauspieler Matthias Brandt hat mit „Raumpatrouille“ ein nettes kleines Erinnerungsbüchlein verfasst. Es enthält 14 so handliche wie harmlose Geschichten, mit denen man sich gut die Zeit vertreiben kann. Eine Autobiografie ist es nicht, wenngleich die Geschichten durchaus autobiografisch wirken.

„Der Präsident sah aus dem Fenster und lächelte.“

Matthias Brandt entführt uns mit ihnen in seine Kindheit im Haushalt seines Vaters, des Bundeskanzlers Willy Brandts. Allerdings spielt dieser Kanzler in den meisten Geschichten von „Raumpatrouille“ keine Rolle. Dennoch ist er stets präsent. Denn natürlich prägt ein Bundeskanzlervater den Alltag seines Sohnes, schon allein wegen der ganzen seltsamen Menschen, die sein Leben bevölkern: Wachleute und Fahrer, denen man Streiche spielen kann; Kollegen, von denen einer Herr Wehner heißt und der den mangels Übung des Radfahrens nicht mehr sehr mächtigen Bundeskanzler-Vater zu einem Fahrradunfall nötigt; außerdem ein Nachbar namens Heinrich Lübke, der einmal Bundespräsident war. Letzteren besucht der kleine Matthias Brandt gelegentlich und höflichkeitshalber, um mit ihm Kakao trinkend beisammen zu sitzen und zu schweigen.

„Wieder überlegte ich, ob es mich wirklich gab, oder ob ich mir meine Existenz nur einbildete.“

Allen Geschichten Matthias Brandts liegt eine heitere Gelassenheit zugrunde. Sehr gut gelingt es ihm, dem erwachsenen Leser die kindliche Perspektive zugänglich zu machen. Auch beschreibt er mit Liebe zum Detail die Innen- und Außenräume der Bundesrepublik der 1970er-Jahre, ihre Designs und Gegenstände, ihre Marken, Farben und Tonalität. So eignet sich diese Nicht-Autobiografie auch sehr gut dazu, sich selbst an diese Zeit zu erinnern. Da Matthias Brandts Geschichten nicht zusammenhängen, kann man sie lesen und tagelang beiseitelegen, um dann wieder nahtlos einzusteigen. Diese Geschichten-Sammlung ist zweifellos die ideale Entspannungslektüre für Menschen mit prall gefüllten Terminkalendern.

„Konnte ich das ersehnte Leben nicht einfach spielen?“

Bei aller Gelungenheit von „Raumpatrouille“ darf ein Hinweis auf das Buch von Matthias Brandts Bruder, Lars Brandt, nicht unterbleiben: „Andenken“ erschien 2006 und war auch ein Bestseller. Und es ist vermutlich das literarisch und politisch interessantere Werk. Im besten Falle empfehle ich die Lektüre beider Bücher. Auf gänzlich unreißerische, angenehm humorvolle, mitunter melancholische Weise gewähren sie Einblicke: in das total normale und doch vollkommen außergewöhnliche Leben als Mitglied einer privaten „Raumpatrouille“ im Schatten des Kanzleramts.

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Matthias Brandt
Matthias Brandt

Geboren 1961 in Berlin, wuchs Matthias Brandt als jüngster Sohn des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner zweiten Ehefrau Rut auf.
Zur Biografie von Matthias Brandt

Matthias Brandt
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