Peter Beck: Die Spur des Geldes. Interview | BUCHSZENE

Wie entstehen Thriller wie die um Tom Winter, den Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank? Sein Erfinder Peter Beck verrät es im Werkstatt-Gespräch über Kaffee, Schreibblockaden und Irrwege.

Peter Beck, Autor des Krimis „Die Spur des Geldes“, gewährt spannende Einblicke in sein Schreiben

1. April 2019 | Interview: Bernhard Berkmann

Titelbild Die Spur des Geldes

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Herr Beck, anlässlich des Erscheinens Ihres neuen Kriminalromans „Die Spur des Geldes“ würden wir uns gerne darüber unterhalten, wie Ihre Geschichten entstehen.

Gerne.

Wie kommen Sie auf die Ideen hinter Ihren Krimis? Was inspiriert Sie?

Schreiben ist für mich Arbeit am Gedanken, zu 99 Prozent Arbeit und nur zu 1 Prozent Inspiration. Ich versuche mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen und sauge laufend neue Ideen auf, sei das ein Charakterzug, eine Geste, der Lichteinfall oder der Geruch an einem der Schauplätze. Diese Eindrücke fließen beim Schreiben dann ein. Da ich zu Beginn jeweils nur eine grobe Vorstellung, einen roten Faden der Geschichte habe, ist mein Ziel immer auch, mich selber zu überraschen. Wenn ich mich selber überrasche, überrasche ich auch die Leserinnen und Leser.

Wie recherchieren Sie Ihre Thriller?

Die meisten Schauplätze kenne ich von meinen Reisen. Ich mache immer Fotos, als Erinnerungshilfen. Zudem setze ich pro Jahr einige Projekte in größeren Unternehmen um. Das gibt mir eine Insiderperspektive. Ich lerne jedes Mal neue, spannende Facetten und Persönlichkeiten kennen. Diese Erfahrungen baue ich dann ein, sodass aus unzähligen Puzzleteilen schlussendlich das fertige Manuskript entsteht. Aber da ich jeweils Vertraulichkeitserklärungen unterschreibe ist natürlich alles schön verschleiert, und in meinen Büchern steht: Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufällig.

Haben Sie persönliche Schreib-Marotten?

Nicht dass ich wüsste. Aber ich räume vor dem Schreiben immer meinen Arbeitsplatz auf und schließe auf dem Computerbildschirm alle Fenster. Und ich mache jede Stunde fünf Minuten Pause, trinke alle zwei Stunden einen Kaffee und schreibe am Morgen besser als am Nachmittag. Ruhe und Routine hilft.

Wie gehen Sie mit Schwierigkeiten beim Schreiben um?

Blockaden im Sinne von leerem Bildschirm anstarren kenne ich eigentlich nicht. Wenn ich Probleme mit der Geschichte oder einer Figur habe, mache ich Pause oder mache etwas komplett anderes. Schlimmer als nichts schreiben ist etwas Langweiliges zu schreiben. Dann muss ich am Folgetag mühsam flicken und überarbeiten. Normalerweise tröste ich mich damit, dass der Text mit jeder Überarbeitungsrunde etwas besser wird. Ein guter Text ist Fleißarbeit. Von wegen Gothe-Zitat: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, aber ich hatte keine Zeit für einen kurzen.“

Gibt es für Sie auch Irrwege beim Schreiben?

Die sind für mich am gefährlichsten. Wenn ich am Ende des Monats merke, dass ich tagelang in die falsche Richtung geschrieben habe, braucht es große Überwindung das Geschriebene wieder zu löschen. In „Korrosion“ hatte es beispielsweise eine Familie mit vier Kindern. In etwa der Hälfte des Buches habe ich mich durchgerungen, eines der Kinder komplett zu streichen. Das war Zeitverschwendung, denn ich musste hunderte von Stellen anpassen. Der „Kindsmord“ war hart, aber letztendlich gut für die Geschichte.

Gibt es etwas, das Sie beim Schreiben derart stört, dass Sie es gar nicht brauchen können?

Ja, Ablenkung. Um produktiv zu schreiben, brauche ich Ruhe. Viele Autoren schreiben in Cafés oder im Zug. Das kann ich nicht so gut. Bei diesen Gelegenheiten beobachte ich lieber Leute oder Landschaft und lasse meine Gedanken schweifen. Dabei kommen mir oft Ideen, die ich – wenn immer möglich – notiere und in ruhigen Zeiten dann ins Manuskript einbaue.

Nutzen Sie ein Schreibprogramm? Haben Sie eine bestimmte Arbeitstechnik?

Nein, ich schreibe ganz gewöhnlich in Microsoft-Word. Ich bevorzuge kurze Kapitel und mein einziger Trick ist, dass ich jeweils mit einem umfangreichen Inhaltsverzeichnis arbeite. Ich notiere in jeder Kapitelüberschrift Datum, Zeit, Ort, Charakter und Schlüsselereignisse. So habe ich die ganze Struktur jederzeit im Blick. Die Inhaltsverzeichnis-Funktion ermöglicht es mir, mit zwei Mausklicks präzise im Text herumzuspringen, sodass ich neue Kapitel und Textblöcke einfügen oder zu lange Kapitel aufteilen kann.

Haben Sie bestimmte Schreibzeiten?

Ja, ich bin eher ein Morgenmensch und schreibe deshalb am produktivsten von acht bis zwölf Uhr, und dann noch zwei, drei Stunden am Nachmittag. Nach mehr als sechs, sieben Stunden nimmt bei mir aber die Qualität ab. Dann habe ich zwar an einem Tag viele Zeichen produziert, verliere aber am nächsten Tag viel Zeit mit Nachbessern.

Wie kommen die Titel Ihrer Thriller zustande?

Das ist ein heikles Thema, denn in meinen Verträgen musste ich das letzte Wort zum Titel bis jetzt immer dem Verlag abtreten. Da Manuskripte, an denen man monatelang gearbeitet hat, ein wenig wie eigene Kinder sind, ist es nicht ganz einfach, wenn der Verlag meinen Vorschlag für den Worttitel zurückweist. Zum Glück hat der Verlag mich aber immer in die Diskussionen mit einbezogen. Auch wichtig ist natürlich der Bildtitel, denn die Leserinnen sollen das Buch ja in die Hand nehmen oder im Internet anklicken. Da man über Geschmack bekanntlich trefflich streiten kann, gibt es jeweils verschiedene Meinungen. Die Gespräche mit der Grafikerin, dem Vertrieb und dem Marketing sind jedoch immer sehr wertvoll. Jede Perspektive macht das Cover noch etwas besser. Beim ersten Buch habe ich gelitten, aber heute schätze ich diese Auseinandersetzung sehr.

Hatten Sie anfangs auch Misserfolge?

Selbstverständlich. Aber Misserfolg und Erfolg sind relativ und eine Frage der Perspektive. Auf der einen Seite würde wahrscheinlich jeder Autor gerne noch mehr Bücher verkaufen. Auf der anderen Seite macht es mich stolz, dass Tom Winter bei immer mehr Leserinnen und Lesern ankommt. Gerade habe ich eine Mail von einem Tom-Winter-Fan in Australien erhalten. Das motiviert mich natürlich. Mit der englischen Ausgabe der Reihe im Londoner Oneworld Verlag hat das Schreiben für mich eine zusätzliche Dimension bekommen. Als ich das englische Hörbuch im Auto zum ersten Mal hörte, war das eine surreale Erfahrung. Ich wusste genau, was kommt, aber der Profischauspieler, dem ich ein paar Monate vorher noch die Akzente der wichtigsten Personen erklären musste, gab dem Text eine ganz neue Qualität.

Wie lange hat es eigentlich gedauert, Sie einen Verlag gefunden haben?

Uuuh, das war eine sehr zähe Angelegenheit. Das Manuskript des ersten Bandes war 2009 fertig. Naiv wie ich damals war, habe ich die ersten Kapitel mit Exposé und einem netten Begleitbrief an ein Dutzend Verlage geschickt. Dann geschah – nichts. Bestenfalls erhielt ich nach ein paar Monaten eine nichtssagende Absage. Das war schlimmer als sich auf eine Stelle bewerben. Nach diesen ernüchternden Erfahrungen, suchte ich mir eine Agentin, die das Manuskript nach einigen Umwegen dann an den Kölner Emons Verlag verkaufen konnte. 2013, also vier Jahre, nach dem ersten Entwurf wurde aus dem Manuskript mit „Söldner des Geldes“ endlich ein richtiges Buch.

Soeben ist mit „Die Spur des Geldes“ der dritte Thriller um Tom Winter erschienen. Wird Ihr Held eigentlich mit jedem Band etwas älter?

Wenn ich darüber nachdenke, muss ich sagen: Ja, ein wenig. Aber Winter ist noch lange nicht im Altersheim, sondern immer noch wortkarger Sicherheitschef einer diskreten Schweizer Bank. Auf den mittlerweile gut 1300 Seiten gibt es übrigens keine Beschreibung seines Aussehens. Die Leserinnen und Leser haben viel Fantasie und malen sich selbst aus, wie Winter aussieht.

Wenn Tom Winter älter geworden ist – gibt es dann also keine Action mehr?

Doch, doch. Selbstverständlich gibt es noch einige handgreifliche Auseinandersetzungen. Aber Winter ist im dritten Band doch etwas abgeklärter. Wahrscheinlich ist „Die Spur des Geldes“ auch etwas atmosphärischer; teilweise fast ein Roadmovie, bei dem hinter jeder Kurve eine Überraschung lauert. Dabei hilft Winters einmalige Rolle in der Krimilandschaft. Er ist bei der Bank ein Insider, sieht die Geldflüsse. Und da tote Kunden bekanntlich schlecht für’s Geschäft sind, wird ihm auch nie langweilig. Für mich als Autor ist das praktisch, denn ich kann ihn thematisch und geographisch überall hinschicken. In „Die Spur des Geldes“ geht’s zum Beispiel von Berlin über Istanbul bis ins russische Krasnodar.

In „Die Spur des Geldes“ geht’s um Wasser, genauer um unser Trinkwasser?

Ja. Für uns Europäer ist sauberes Wasser glücklicherweise so selbstverständlich, dass wir uns darüber nur selten Gedanken machen.

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?