Ein irres, ein berauschendes, ein berührendes Buch – Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“

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Ein irres, ein berauschendes, ein berührendes Buch – Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


2. Mai 2016 | Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Benjamin von Stuckrad-Barre hat in den vergangenen Jahren hart an sich gearbeitet, um zu einem der unsympathischsten Prominenten Deutschlands zu werden. In seinem Buch „Panikherz“ zeigt er sich von einer völlig neuen Seite: als beinahe an Drogen krepiertes menschliches Wrack, als liebenswerter Udo-Lindenberg-Fan und als gnadenloser Kritiker seiner selbst. Dieses Buch ist so berührend, wild und verrückt, dass Sie es lesen müssen!

„Ich, völlig hinüber, drogenabhängig und im Volldelirium, wurde von, jetzt kommt der Gag, Udo Lindenberg zum Arzt gebracht, ausgerechnet ich, ausgerechnet von Udo.“

Oh, nein, denkt man sich: Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch „Panikherz“, das ist vermutlich so eine Art Lebensbeichte eines Größenwahnsinnigen. Das will ich nicht, das brauche ich nicht zu lesen. Ist nicht Stuckrad-Barre der Mann, der sich in den vergangenen Jahren einen Namen als überheblichster Selbstdarsteller Deutschlands gemacht hat? Der zahllose Schriftstellerkollegen, Musiker, Kultur- und Fernsehleute so gnadenlos in die Pfanne gehauen hat, dass es beim Zusehen und Mitlesen schmerzte? Klar ist er ein brillanter Beschreiber des Zustands unserer Gegenwart, aber trotzdem: Muss ich lesen, wie dieser Unsympath sein Leben mithilfe von Tonnen von Drogen gegen die Wand gefahren hat? Muss ich?

Auf LSD durch einen Kleiderschrank zu wandeln, ist sehr interessant, weil man sich angeregt mit einem Halstuch unterhalten kann, Toten begegnet und Gürtel als dreidimensionale Musik begreift und so.

Jetzt passen Sie mal auf: Ja, dieses Buch müssen Sie lesen! Sie müssen! Es ist eine Lektüre über den Rausch des Lebens und über die Lust am Erzählen. Obendrein eine Lektüre, die den Leser selbst in einen Rausch versetzt. Ganz ehrlich: Seit Jahren hat mir kein Buch so viel Spaß gemacht wie dieses Machwerk. Denn erstmals nutzt Stuckrad-Barre seine Schreib- und Beobachtungskunst dazu, sich selbst zu beschreiben und zu beobachten. Und dies tut er mit genau derselben Gnadenlosigkeit, mit der er sonst über andere schrieb. Wenn man diese witzige, fiese und vermutlich ziemlich ehrliche Selbstanalyse liest, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für ein krasser Typ, was für eine krasse Vita!

Wir fahren den Sunset Boulevard hinunter, die untergehende Sonne im Rücken … und Gottschalk liest vor: ‚Legends don’t retire. They reinvent.

Angefangen bei seiner Kindheit im Pastorenelternhaus erzählt Stuckrad-Barre, wie er wurde, was er ist. Das Kindheitskapitel ist vielleicht noch das belangloseste im ganzen Buch. Aber dann, wenn er von seiner Unverfrorenheit berichtet, mit der er zu einem der bekanntesten Autoren unseres Landes wurde und sich dabei stets wie ein Hochstapler fühlte; wie er sich diesen Weg ins Rampenlicht so raffiniert wie durchtrieben hinaufschlawinerte; wie er sich mit allen erdenklichen Drogen das Hirn vernebelte, weil er im tiefsten Herzen doch kein Verbalbrutalo, sondern ein hochsensibler Charakter ist; wie er Essgestörter, Kokainsüchtiger, Alkoholiker wurde; wie er komplett zugeknallt mit Drogen größenwahnsinnige Schreib-, Musik- und Hörbuchprojekte startete, die von vornherein zum Scheitern verurteilt waren; wie er beste Freunde und andere Berühmtheiten (Campino, Udo Lindenberg u.v.m.) verhöhnte, verprellte, ausnützte, bloßstellte; wie er Hotelzimmer in Müllhalden verwandelte und in Entzugskliniken landete; wie er schließlich von Udo Lindenberg auf eine Art vor dem sicheren Drogentod gerettet wurde, die nur jemand beherrscht, der selbst sämtliche Rausch- und Drogensümpfe überlebt hat, die das Leben für die Künstler und Irren der Welt bereithält.

Ich erfuhr Udos Großzügigkeit und Menschlichkeit in einer für mich sehr kippligen, ausweglosen Situation.

Wenn Stuckrad-Barre dies alles erzählt, dann wird man lesend zum staunenden Kind und vergisst, wer und wo man selbst sich gerade befindet. Man ist einfach nur noch auf diesem durchgeknallt-genialen Panikdampfer mit einem wild klopfenden Panikherz unterwegs und steht gemeinsam mit Udo und Stuckiman (so nennt Lindenberg seinen Schützling Stuckrad-Barre) Stürme des Lebens durch wie sie nur wenige erleben, zum Glück! Hat Stuckrad-Barre früher Popliteratur geschrieben, so ist er jetzt endgültig zum Rockliteraten geworden. Ob man Udo Lindenberg und seine Musik nun mag oder nicht, ist für die Freude an diesem Buch vollkommen unwichtig. Wobei man als Leser schon ein ganz schön verrohter Holzklotz sein muss, um nicht nach dem Lesen zum Udo-Fan zu konvertieren. „Udo liebt Menschen. Das tut er wirklich“, schreibt Stuckrad-Barre irgendwann. Und man tut sich schwer zu glauben, dass dies für Stuckiman nicht auch gilt.

Benjamin von Stuckrad-Barre

Geboren 1975 in Bremen, war Benjamin von Stuckrad-Barre Musikkritiker und Gagschreiber für Harald Schmidt, ehe er selbst mit Werken wie „Soloalbum“, „Livealbum“ und „Remix“ berühmt wurde. Er moderierte Fernsehsendungen, schrieb…
Zur Biografie von Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre

Geboren 1975 in Bremen, war Benjamin von Stuckrad-Barre Musikkritiker und Gagschreiber für Harald Schmidt, ehe er selbst mit Werken wie „Soloalbum“, „Livealbum“ und „Remix“ berühmt wurde. Er moderierte Fernsehsendungen, schrieb…
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