Frau Bluhm liest Palace of Glass. Die Wächterin | BUCHSZENE

Home >> Magazin >> Kolumnen >> Frau Bluhm liest >>

Frau Bluhm liest C. E. Bernards „Palace of Glass – Die Wächterin“, Band 1 der neuen Trilogie

Palace of Glass C E Bernard

shutterstock © Kate Kultsevych Bild-ID: 590731367

4. Mai 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


C. E. Bernards Heldin Rea aus „Palace of Glass“ kann per Hautkontakt Gedanken lesen. Als Leibwächterin des Prinzen wird diese geheime Fähigkeit für sie zum Problem. Kann man ohne Berührung lieben?


 Frau Bluhm liest „Palace of Glass – Die Wächterin“: 4 von 5 Blu(h)men


Rea kann allein durch Berührung Gedanken lesen und ändern

London, in der nicht allzu weiten Zukunft: Rea Emris ist äußerlich gesehen ein Mädchen, sie arbeitet in einem Modegeschäft, wohnt mit ihrem Bruder in einer kleinen Wohnung und muss sich jeden Cent vom Munde absparen. Doch Rea ist nicht normal: Sie ist eine Magdalena, ein Mensch, der dazu fähig ist, den Geist eines anderen Menschen allein durch Hautberührung zu erforschen, seine Gedanken zu lesen und sein Denken zu verändern. Und genau deshalb, weil es Menschen wie sie gibt, verbot die Regierung vor mehr als 20 Jahren jeglichen Hautkontakt unter seinen Bürgern. Zu ihrem eigenen Schutz selbstverständlich, denn wie sollte man sich sonst vor diesen unberechenbaren Magdalenen schützen können. Auf Grund ihrer angeborenen Fähigkeiten sind die nämlich das Feindbild Nummer eins in Großbritannien, und die wenigen Übriggebliebenen leben unerkannt im Verborgenen.

Eines Tages wird C. E. Bernards Heldin Leibwächterin des Prinzen

Doch lässt sich die sogenannte „Hautgier“, die alle Magdalenen in sich tragen, nur bedingt unterdrücken, und so begegnen wir Rea zum ersten Mal bei einem der absolut illegalen Straßenkämpfe, die sie unter dem Decknamen „roter Kardinal“ bestreitet. Diese Kämpfe sind für sie das einzige Mittel das auszuleben was sie ist und ausgerechnet dort, in der Subkultur des Verbrechens, soll sich ihr Leben plötzlich zum Besseren wenden: Sie wird beobachtet und als neue Leibwächterin des künftigen Thronfolgers auserwählt. Doch um die Tatsache zu verschleiern, dass der Thronfolger überhaupt in Gefahr ist, soll sie sich als Verlobte des Prinzen tarnen. Wie, um Himmels Willen, soll Rea bei diesem engen Kontakt weiterhin verbergen was sie ist? Und als wäre das nicht schon schlimm genug, ist Prinz Robin auch noch ein junger Mann, der Rea alles andere als kalt lässt. Bald schon entwickeln sich Gefühle zwischen den beiden, und Rea selbst steht vor einer noch viel gefährlicheren Frage, als zu Anfang gedacht: Wie kann man sein Wesen vor jemandem verbergen, den man liebt?

Dieses Buch hat alles, was ein gutes Jugendbuch braucht

Dieses Buch, das als erster Band einer Trilogie gedacht ist, hat alles, was ein gutes Jugendbuch (oder Buch für junggebliebene Erwachsene wie mich) braucht: eine gute Grundgeschichte, eine Protagonistin, in die man sich gut einfühlen kann, Spannung und eine gute Portion Liebe. Auch die weiteren Figuren sind vielfältig und allesamt interessant und liebenswert. Bis auf die Bösen natürlich, die sind nur interessant. Und Böse gibt es in diesem Buch zuhauf, was sich in einem gut aufgebauten Spannungsbogen und überraschenden Entwicklungen äußert. Die Prise Magie schadet der Geschichte auch nicht. Angelockt wird man durch das wirklich wunderschöne Äußere des Buches, mit seiner herrlich romantischen Schrift und dem wie zufällig platzierten roten Seidenband, das ganz wesentlich mit der Geschichte selbst zu tun hat. Was genau, das verrate ich nicht, man möchte ja noch ein paar Dinge selbst herausfinden.

Man stelle sich nur mal vor, jeder Hautkontakt wäre uns untersagt!

Wirklich begeistert war ich allerdings schon von der Grundidee dieser ganzen Welt, die der unseren so ähnlich, aber doch in einem ganz entscheidenden Punkt fremd ist: Man stelle sich nur mal vor, man existiere in einer Gesellschaft, in der jeglicher Hautkontakt, selbst unter Familienmitgliedern, untersagt wäre. Einzig und allein Ehepartner bilden die Ausnahme und dies auch nur zu Zwecken der Fortpflanzung. In der Woche, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, habe ich selbst mal darauf geachtet, wie oft ich, bewusst oder unbewusst, mit anderen Menschen in Hautkontakt komme. Es fing bei der Geldrückgabe an der ALDI-Kasse an und endete mit der tröstenden Umarmung nach einem aufgeschürften Knie. Man umarmt die beste Freundin, streichelt dem Kind beim Vorlesen das Haar und küsst den Mann, den man liebt. Ohne Ehe und Fortpflanzung. Rechnet man all diese kleinen Berührungen weg, bleibt unter dem Strich die Rechnung bei viel weniger Bakterien und viel weniger Freude am Leben. Allein sich solch eine Gesellschaft vorzustellen gruselt mich zu Tode.

Man wird fast schon philosophisch gestimmt

Unweigerlich denkt man dann darüber nach, wie viel weniger wir uns heute berühren, wo wir doch alle so herrlich gefangen sind in unserer wunderbaren Welt des Social Media und der ganzen Technik, die uns das Leben so wahnsinnig erleichtern soll. Tut sie ja auch, ich will‘s ja nicht bestreiten, und ohne fließend Wasser und Nachttischlampe möchte ich auch nicht unbedingt auskommen müssen, aber dennoch müsste man mal aktiv darüber nachdenken, wie viel direkter Kontakt uns tagtäglich so verloren geht. Wahrscheinlich mehr, als wir uns überhaupt bewusst sind.

Das Buch hat mir super gefallen – nur eines war mir etwas zu viel

C. E. Bernards „Palace of Glass – Die Wächterin“ ist ein spannender Serienauftakt und ziemlich philosophisch und tiefgründig für ein Jugendbuch. Allerdings bleibt der Spaß beim Lesen überhaupt nicht auf der Strecke, auch für typisch jugendliche Verhaltensweisen und hormonelles Ungleichgewicht hatte C. E. Bernard noch Platz zwischen ihren Seiten. Für mich an manchen Stellen vielleicht sogar manchmal etwas zu viel, deswegen ziehe ich eine Bluhme ab, aber ich bin ja auch schon längst aus dem Alter raus, das die eigentliche Zielgruppe bestimmt. In jedem Fall eine Reihe mit viel Potential. Das Schöne ist, es dauert auch gar nicht lange, bis Teil zwei erscheint: Schon am 29. Mai kann man weiterlesen. Was ich in jedem Fall tun werde. Denn nach Großbritannien führt Reas Weg nach Frankreich, und das will ich in keinem Fall versäumen.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Share this post:
Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Share this post:
Mehr zur Rubrik
Kraftausdrücke und eine übersexualisierte 12-Jährige
Helene Hegemanns Roman „Bungalow” – Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018
Titelbild Bungalow Helene Hegemann

Frau Bluhm liest Slider posts | 21. September 2018 | Von Frau Bluhm

Eine psychisch kranke Mutter, eine übersexualisierte 12-Jährige und Bungalows in Hakenkreuzform in einem beinahe dystopischen Berlin. Frau Bluhm ist geschockt von Helena Hegemanns Roman „Bungalow“.

Eine Mutter, eine Tochter und ein langer Sommer
Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers” ist ein Mutter-Tochter-Roman, der ans Herz geht
Titelbild Vom Ende eines langen Sommers - Beate Teresa Hanika

Familienromane Frau Bluhm liest | 11. September 2018 | Von Frau Bluhm

Die Beziehung zwischen Marielle, 40, zu ihrer Mutter war nie gut. Doch nach dem Tod der Mama, erreicht Marielle in Paket, das vieles verändert. Beate Teresa Hanikas „Vom Ende eines langen Sommers“.

Der Killer arbeitet an einer Galerie der Toten
Chris Carters Thriller „Blutrausch” ist gruselig und genial wie ein guter Horrorfilm
Titelbild Blutrausch - Chris Carter

Frau Bluhm liest | 6. September 2018 | Von Frau Bluhm

Ein Mörder, der an einer Galerie der Toten arbeitet. Tatorte, die über die gesamten USA verstreut sind. Chris Carters „Blutrausch“ ist der neunte Band der Serie um den Psychologen Robert Hunter.

Mit Wladimir Kaminer auf hoher See
Wladimir Kaminers Roman „Die Kreuzfahrer“ – kritisch gelesen von unserer Kolumnistin Frau Bluhm
Titelbild Die Kreuzfahrer Wladimir Kaminer

Frau Bluhm liest | 28. August 2018 | Von Frau Bluhm

Frau Bluhm liest Wladimir Kaminers „Die Kreuzfahrer“ und muss sehr oft lachen. Auch erkennt sie vieles wieder, was sie selbst auf einer Kreuzfahrt erlebte. Aber sie übt auch Kritik. Hier ist ihre Kolumne.


Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.