Mädchen vom Dorf sagt Plastikmüll Kampf an | BUCHSZENE

„Wir Menschen machen zu viel Plastikmüll“, sagte die neunjährige Vanessa aus dem Dorf unseres Kolumnisten zu ihrer Mama. Und sie änderte auch gleich was. Woraufhin TV-Teams das Dorf stürmten. Steinleitners Woche.

Wie ein Mädchen aus einem kleinen Dorf dem Plastikmüll den Kampf ansagte und alle mitmachten

1. Mai 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Noch besser leben ohne Plastik - Nadine Schubert

Nadine Schubert

Noch besser leben ohne Plastik

ISBN 978-3-96006-015-4

112 Seiten | € 13,00

oekom

Das Meer ist voller Plastik. Wenn die Meere das fressen, sterben sie.

In unserem Dorf lebt ein Mädchen, das heißt Vanessa und ist neun Jahre alt. Eines Tages kam Vanessa aus der Schule und sagte zu ihrer Mama: „So geht das nicht mehr weiter. Wir Menschen machen zu viel Müll. Das Meer ist voller Plastik und wenn die Tiere es fressen, sterben sie. Mama, was machen wir, damit die Menschen weniger Plastik in die Welt werfen?“ Vanessa und ihre Mutter dachten nach und hatten eine Idee: Erst einmal muss man die Menschen überhaupt darauf aufmerksam machen, wieviel Plastik sie produzieren. Und so starteten die beiden eine spektakuläre Aktion .

Der Plastik-Berg, den wir auftürmten war erschreckend hoch – und er stank.

In unserem Dorf wird der Plastikmüll alle vier Wochen in Gelben Säcken von einem Recycling-Unternehmen abgeholt. Vanessa und ihre Mutter überzeugten uns Dorfbewohner davon, die Gelben Säcke schon einen Tag vor der Abholung einzusammeln. Drei hilfsbereite Bauern, viele Kinder und Erwachsene fuhren mit Traktoren und Anhängern durchs Dorf, luden die Gelben Säcke auf und stapelten sie vor dem kleinen Rathaus aufeinander. Der Berg, der dabei entstand, war erschreckend hoch – und er stank. Wir alle staunten aber nicht nur über die riesige Menge an Plastik, die in nur vier Wochen in unserem kleinen Dorf anfällt, sondern auch darüber, was die Leute anscheinend so alles in die Gelben Säcke hineinstecken: Batterien, Stacheldraht, Kaffeereste, Katzenfutter, Bananenschalen, Teebeutel, Wursthäute, Papiermüll und verschimmelte Kroketten.

Das Fernsehen kam, um uns beim Plastik-Fasten zuzusehen.

Der erste Teil von Vanessas Plan hatte gut geklappt. Jetzt kam der spannende zweite Teil: Unser Dorf würde in den nächsten vier Wochen versuchen, weniger Plastikmüll zu produzieren. Wir wollten Plastik fasten. Ein Fernsehteam und mehrere Reporter kamen zu uns, weil sie neugierig waren, ob es gelingen würde, den riesigen Gelbe-Sack-Berg schrumpfen zu lassen.

Quelle: BR Mediathek

Wir entwickelten einige Methoden, um den Plastikmüll zu reduzieren.

In den folgenden Wochen sprachen wir alle viel miteinander darüber, wie man weniger Plastikmüll produzieren kann. Und wir stellten schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist. Denn in den meisten Geschäften und Supermärkten, in denen man einkauft, wird man praktisch gezwungen, mehrfach verpackte Lebensmittel zu kaufen. Immerhin fanden wir einige Möglichkeiten der Einsparung: Manche Metzger erlaubten uns, eigene Behältnisse zum Einkauf mitzubringen und legten uns da die Wurst hinein. Wir stellten fest, dass kleinere Läden flexibler auf solche Wünsche reagieren können. Und dass man oftmals auch eine Plastikverpackung durch eine Papiertüte ersetzen kann – beim Obst zum Beispiel. Manche Waren packten wir auch einfach direkt an der Supermarktkasse aus und ließen den Plastikmüll dort, um klar zu machen: Wir wollen euer Plastik nicht, sondern nur das Essen, was darin ist.

Wir nahmen aber auch einige erschreckende Tatsachen zur Kenntnis.

Allerdings nahmen wir in der Zwischenzeit auch einige erschreckende Tatsachen zur Kenntnis: Nicht nur im Meer schwimmen Tonnen von Plastik, vielmehr haben jüngst Forscher in einem Liter vermeintlich unberührtem Arktis-Eis 12.000 Kunststoffpartikel festgestellt – von 17 verschiedenen Kunststofftypen. Das Plastik ist mittlerweile überall. In der Arktis, im Wasser, sogar im Erdreich. Ja, ohne uns dies bewusst zu machen, essen wir längst auch Plastik, denn natürlich lassen sich auch die Nahrungsmittel nicht von den winzigen Partikeln, die aus langsam zerfallenden Müllstücken entstehen, freihalten.

Dann kam der Tag der Wahrheit.

Aber bei allem Grübeln über den vielen Plastikmüll wummerte die ganze Zeit vor allem eine in unserem Kopf: Würden es uns gelingen, den Berg aus Gelben Säcken zu schrumpfen? Der Tag der Wahrheit kam. Dieses Mal warteten drei Kamerateams auf uns und wir stapelten erneut den Müll vor dem Rathaus. Das Ergebnis war ernüchternd: Wenn überhaupt, so hatten wir die Menge nur minimal verringert. Trotzdem war die Aktion ein Erfolg. Denn Vanessa hat uns in Sachen Plastikmüll aufgeweckt. Und nicht nur uns: Den Fernsehbeitrag haben allein im Internet rund 70.000 Menschen angesehen. Und unser Dorf bleibt dran. Wir wollen das Plastik nicht. Denn eines ist klar: Wenn wir nichts ändern, wird es uns eines Tages töten.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


Zur Biografie von Jörg Steinleitner



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