Die eine ist Fotografin. Die andere Spitzensportlerin. Beide haben Träume, die von Bundesrepublik und DDR in Frage gestellt werden. Katharina Fuchs‘ fesselnder Roman „Lebenssekunden“ im Buchtipp.

Katharina Fuchs‘ Roman „Lebenssekunden“ erzählt ein packendes Stück Zeitgeschichte

1. März 2021 | Bernhard Berkmann

Titelbild Lebenssekunden

©iravgustin shutterstock-ID 289674419

Die fünfzehnjährige Angelika hat Talent und ein klares Ziel vor Augen

Angelika Schmid weiß genau, was sie mal werden will: Fotografin! Doch diese starke Frauenfigur, die sich Katharina Fuchs ausgedacht hat, ist erst fünfzehn, als ihr großer Traum für immer zu platzen scheint. Angelika fliegt von der Schule – und das wird im Deutschland der 50er-Jahre nicht verziehen. Allerdings verfügt die junge Frau über ein außergewöhnliches Talent: Als Fotografin hat sie den Blick für den richtigen Moment und das optimale Bildarrangement. Dennoch will ihr kein Betrieb in Kassel eine Lehrstelle geben.

Was tun, wenn keiner dich will? Angelika ergreift die einzige Chance

Aber Angelika glaubt an sich. Sie weiß, was sie kann. Und sie hat einen unbändigen Willen. Zum Glück will es schließlich auch das Schicksal, dass ihr doch noch ein Fotograf eine Chance gibt – ausgerechnet einer aus der DDR, die später in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird. Die Chance, die sich ihr bietet, nutzt Angelika mit Begeisterung. Bald schon beherrscht sie ihr Handwerk in Perfektion. Weil sie viel Zeit und Passion investiert, gehen ihr bald schon sämtliche Handgriffe, die für die Produktion eines Fotos erforderlich sind, wie im Schlaf von der Hand. Und sie ist fleißig: Es gibt Tage, da steht sie acht Stunden im Labor. Angelika liebt es, zu beobachten, wie die Konturen der Menschen und Gegenstände auf ihren Fotos langsam in der Entwicklerflüssigkeit sichtbar werden.

Christine soll ihrem Land bei der Olympiade Ruhm und Ehre bringen

Aber Katharina Fuchs platziert noch eine zweite faszinierende Frauenfigur in den Mittelpunkt ihres Romans „Lebenssekunden“: Christine Magold lebt zur selben Zeit in der DDR und wird in Ostberlin zur Leistungsturnerin gedrillt. Seit sie zwölf Jahre alt ist, arbeitet sie auf dieses Ziel hin. Das bringt unangenehme Härten mit sich. Dafür sind Christine die Turnübungen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Bei jeder einzelnen Dehnung weiß sie genau, welches Schwachstelle ihres Körpers betroffen ist, wann sie vorsichtig sein muss, welche ihrer Bänder schon gezerrt oder gerissen, welcher Knochen schon einen Ermüdungsbruch hatte und welches Gelenk ausgekugelt wurde. Christine soll ihrem Land bei den Olympischen Spielen Ruhm einbringen. So der Plan. Wären da nur nicht Christines Zweifel: Sind es all die Qualen wirklich wert? Wo bleibt die Freiheit?

Plötzlich ist der Mut zweier Frauen die Währung, die Leben retten kann

Die Schicksale der beiden jungen Frauen kreuzen sich, als die DDR-Regierung den Bau der Mauer beschließt. Plötzlich ist Mut eine Währung, die Leben retten kann – und Angelika und Christine haben eine ganze Menge davon. Aber gerade dieser Mut bringt sie in dramatische Situationen.

Katharina Fuchs erzählt ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

Auf der Basis sorgfältiger Recherche und mit großem Einfühlungsvermögen für ihre beiden mitreißenden Protagonistinnen erzählt Katharina Fuchs dieses wichtiges Stück Zeitgeschichte. Die Gründung des Deutschen Turn- und Sportbunds in der DDR markierte 1957 den Beginn eines einzigartigen Auslese- und Leistungssystems – unter Ausübung der totalen Kontrolle über Körper und Geist seiner Athleten.

Eine Fotografin, eine Spitzensportlerin und die Interessen der Mächtigen

Gleichzeitig drohte die Bundesrepublik jedem Staat, der diplomatische Kontakte zur DDR knüpfte, mit dem Abbruch der Beziehungen. Das wirkte sich auch auf den Sport aus. Die politische Führung der DDR setzte von nun an alles daran, mit ihrer Auswahl der besten Sportler bei der Olympiade die ganze Welt zu beeindrucken. Doch nicht alle, von denen dies erwartet wurde, spielten dieses opportunistische Spiel mit. Eine Fotografin und eine Spitzensportlerin hatten eigene Vorstellungen von ihrem Leben. Nah an der Wahrheit entwickelt Andrea Fuchs Roman „Lebenssekunden“ vor unseren Augen eine so spannende wie berührende Geschichte.


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