Eine Kolumne über kuschelige Sofas und kindliche Langeweile

Home >> Magazin >>

Eine Kolumne über kuschelige Sofas und kindliche Langeweile

23. Januar 2017 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Was tun, wenn sich mein Kind gerne vorlesen lässt, aber keine Lust hat, selber zu lesen? Papa Steinleitner hadert mit den Tücken der Leseförderung bei Jungs, die allzu gerne auf Bäume klettern und Fußball spielen.

Er: „Mir ist langweilig.“
Ich: „Dann lies ein Buch!“

Mein Sohn ist acht und ich finde, er sollte lesen. So viel wie möglich. Ich will das einfach. Ein bisschen tut er es ja auch. Aber es läuft nicht genau so, wie ich mir das vorstelle. Grundsätzlich findet er Bücher schon genauso großartig wie unsere ganze Familie. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während wir anderen, wenn wir ein Buch fertig gelesen haben, uns das nächste schnappen, macht er das anders. Er schnappt sich nämlich nicht das nächste Buch, sondern fragt, was er machen soll, ihm sei langweilig. Sage ich dann, dass er doch etwas lesen könne, dann sagt er Nein. Oder er fragt „Waaas denn?“ Diese Frage ist in unserem Haushalt die reine Provokation, denn man findet hier schwerlich eine Ecke, in der einem nicht Bücherstapel ins Auge fallen. Aber gut. Lege ich ihm eben drei Bücher hin, die alle drei superspannend und genau richtig für sein Alter sind. Was macht er? Er gähnt.

Natürlich könnte ich an dieser Stelle einfach aufgeben und mir denken: Der Leonhard ist eben kein Leser, der klettert lieber auf Bäume oder spielt Fußball oder Klavier. Der Witz aber ist, dass ich es besser weiß. Denn wenn ich mir die Zeit nehme und wir uns aufs Sofa oder in eines unserer Betten kuscheln und eines der drei Bücher, die ich ihm so sehr und vergeblich angepriesen habe, zu lesen anfangen, dann passiert folgendes: Ich lese vor. Er hört aufmerksam zu. Und zwar auch, wenn ich ihm eine Stunde lang vorlese oder zwei. Er liest sogar parallel mit. Wenn ich aus einem „Und“ ein „Aber“ mache, dann weist er mich umgehend darauf hin, dass da aber ein „Und“ stehe. Ob ich wohl nicht richtig lesen könne?

Er: „Bitte, nur noch zwei Seiten.
Nur noch zwei!“ – Ich: „Okay.“

Wenn er dies sagt, hüpft mein Herz vor Glück. Diese gemeinsamen Lesezeiten zählen zu den schönsten Beschäftigungen, die Leonhard und ich miteinander teilen – neben Fußball spielen und anderen Abenteuern draußen. Allerdings ist es so, dass ich ihm leider nicht den ganzen Tag vorlesen kann, weil ich muss ja auch noch das Geschirr abspülen oder Klo putzen oder ein bisschen was für Geld arbeiten. Also sage ich nach einer gewissen Zeit: „Okay, jetzt hören wir mal wieder mit dem Lesen auf.“ Und was sagt er? „Och, nein, es ist gerade so spannend! Nur noch zwei Seiten!“ Klar, dass mich das freut. Also lese ich noch zwei Seiten. Bin ich dann fertig und klappe das Buch zu, fleht er: „Bitte! Jetzt wirklich nur noch zwei Seiten!“ Dieses Spiel könnten wir ewig so fortführen. Aber wie gesagt: das Klo, der Abwasch, das Geld …

Und plötzlich liest er. Stundenlang.

Also sage ich dann doch irgendwann: „Nein, Leonhard, ich muss jetzt aufhören.“ Was dann passiert, ist interessant. Man könnte ja meinen, Leonhard, würde dann wieder sagen, dass ihm langweilig sei und was er tun solle. Macht er aber nicht. Vielmehr schnappt er sich das Buch, das wir gemeinsam angefangen haben und liest selber weiter. Er scheint nicht einmal zu bemerken, dass ich gar nicht mehr dabei bin. Plötzlich liest er wie im Rausch. Und zwar so lange bis er das Buch fertig gelesen hat. Wenn es ein dicker Schinken ist – gern auch stundenlang. Während dieser Zeit bin ich der glücklichste Kloputzer und Abspüler und Geldverdiener der Welt. Jedesmal denke ich mir dann: Super, endlich hat er’s kapiert! Ab jetzt wird er sich nie mehr langweilen!

Wie man sich nur irren kann. Am nächsten Tag, das Buch, das wir gemeinsam angefangen haben, hat er längst durch, verkündet mein Sohn: „Mir ist langweilig.“ Ich: „Dann lies was.“ Er: „Was denn?“ Na ja, denn Rest kennen Sie.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Share this post:
Mehr zur Rubrik
Wie ich aus Liebeskummer zur See fuhr und ein anderer wurde
Ist ein allgemeines Dienstpflichtjahr sinnvoll? Eine Kolumne über Seemänner, Liebeskummer und das Leben
Kolumne Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 15. August 2018 | Jörg Steinleitner

Was macht ein junger Mann mit Liebeskummer? Zur See fahren, hatte unser Kolumnist in Romanen gelesen. Und es getan. Eine Kolumne über Abenteuer und die Sinnhaftigkeit eines Dienstjahrs für junge Leute.

Warum geht das Leben so schnell vorbei?, fragte mein Sohn
Wieso geht das Leben so schnell vorbei? Warum ist es endlich? Und was hat das mit Ferien zu tun?
Titelbild Kolumne Steinleitners Woche 152

Steinleitners Woche | 1. August 2018 | Jörg Steinleitner

Wieso die Zeit so schnell vergehe, fragte Jörg Steinleitners Sohn kürzlich. Und wieso das Leben endlich sei? Während er nach einer Antwort suchte, nahm sich der Kolumnist etwas für die Sommerferien vor.

Warum haben Männer größeren Hunger als Frauen?
Männer und Frauen – streiten Sie auch oft über das Essen? Auf den Spuren eines Ernährungs-Rätsels
Männer und Frauen Steinleitners Woche Kolumne

Steinleitners Woche | 18. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Warum haben Männer mehr Hunger als Frauen? Wieso lieben sie Fleisch und Frauen Joghurt? Und wieso gibt’s darüber immer wieder Streit? Steinleitners Woche heute über Männer, Frauen und Ernährung

Verlieren ist eher was für Loser, findet mein Sohn
Steinleitner spricht mit seinem Sohn anlässlich der Fußball-WM über das Verlieren
Titelbild Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 4. Juli 2018 | Jörg Steinleitner

Verlieren sei scheiße, sagt Steinleitners Sohn nach dem Ausscheiden der Deutschen bei der Fußball-WM. Verlieren sei was für Loser. Der Auftakt zu einem Krisengespräch mit versöhnlichem Ausgang.

Nach oben Zurück zur Übersicht

Mit der Nutzung von BUCHSZENE.DE erklären Sie sich damit einverstanden, dass unser Internetauftritt und unsere Tools/Plugins Cookies zu Zwecken wie der Personalisierung von Inhalten und für Werbung einsetzen. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.