Er: „Mir ist langweilig.“
Ich: „Dann lies ein Buch!“
Mein Sohn ist acht und ich finde, er sollte lesen. So viel wie möglich. Ich will das einfach. Ein bisschen tut er es ja auch. Aber es läuft nicht genau so, wie ich mir das vorstelle. Grundsätzlich findet er Bücher schon genauso großartig wie unsere ganze Familie. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während wir anderen, wenn wir ein Buch fertig gelesen haben, uns das nächste schnappen, macht er das anders. Er schnappt sich nämlich nicht das nächste Buch, sondern fragt, was er machen soll, ihm sei langweilig. Sage ich dann, dass er doch etwas lesen könne, dann sagt er Nein. Oder er fragt „Waaas denn?“ Diese Frage ist in unserem Haushalt die reine Provokation, denn man findet hier schwerlich eine Ecke, in der einem nicht Bücherstapel ins Auge fallen. Aber gut. Lege ich ihm eben drei Bücher hin, die alle drei superspannend und genau richtig für sein Alter sind. Was macht er? Er gähnt.
Natürlich könnte ich an dieser Stelle einfach aufgeben und mir denken: Der Leonhard ist eben kein Leser, der klettert lieber auf Bäume oder spielt Fußball oder Klavier. Der Witz aber ist, dass ich es besser weiß. Denn wenn ich mir die Zeit nehme und wir uns aufs Sofa oder in eines unserer Betten kuscheln und eines der drei Bücher, die ich ihm so sehr und vergeblich angepriesen habe, zu lesen anfangen, dann passiert folgendes: Ich lese vor. Er hört aufmerksam zu. Und zwar auch, wenn ich ihm eine Stunde lang vorlese oder zwei. Er liest sogar parallel mit. Wenn ich aus einem „Und“ ein „Aber“ mache, dann weist er mich umgehend darauf hin, dass da aber ein „Und“ stehe. Ob ich wohl nicht richtig lesen könne?
Er: „Bitte, nur noch zwei Seiten.
Nur noch zwei!“ – Ich: „Okay.“
Wenn er dies sagt, hüpft mein Herz vor Glück. Diese gemeinsamen Lesezeiten zählen zu den schönsten Beschäftigungen, die Leonhard und ich miteinander teilen – neben Fußball spielen und anderen Abenteuern draußen. Allerdings ist es so, dass ich ihm leider nicht den ganzen Tag vorlesen kann, weil ich muss ja auch noch das Geschirr abspülen oder Klo putzen oder ein bisschen was für Geld arbeiten. Also sage ich nach einer gewissen Zeit: „Okay, jetzt hören wir mal wieder mit dem Lesen auf.“ Und was sagt er? „Och, nein, es ist gerade so spannend! Nur noch zwei Seiten!“ Klar, dass mich das freut. Also lese ich noch zwei Seiten. Bin ich dann fertig und klappe das Buch zu, fleht er: „Bitte! Jetzt wirklich nur noch zwei Seiten!“ Dieses Spiel könnten wir ewig so fortführen. Aber wie gesagt: das Klo, der Abwasch, das Geld …
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