Wie meine Frau joggend einen Chinesen fand | BUCHSZENE

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Was tut ein Schriftsteller, wenn seine Frau immer wieder Fund-Menschen aus dem Wald mitbringt?

Titelbild Das Buch vom Laufen Kolumne Steinleitners Woche 157

17. Oktober 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


„Ich glaubte meiner Frau zunächst nicht, aber dann rollte doch ein Chinese in einem schrottigen Polo auf den Hof.“ Jörg Steinleitners Kolumne über Chinesen, Basketballerinnen und andere Fund-Menschen.


Mach mal schnell Kaffee, ich habe beim Joggen einen Chinesen gefunden

Jüngst kam meine Frau vom Laufen zurück und rief mir zu: „Mach mal schnell Kaffee, ich habe beim Joggen einen Chinesen gefunden!“ Dann ging Helena duschen. Natürlich kochte ich keinen Kaffee, ich saß gerade am Gartentisch und schrieb, und das mit dem Chinesen, den sie beim Dauerlauf gefunden haben wollte, konnte doch nur ein Witz gewesen sein.

Auf oberbayerischen Feldwegen findet man eher selten Chinesen

War es aber nicht. Helena stand noch unter der Dusche, da fuhr ein ziemlich schrottiger, weinroter Polo in unsere Hofeinfahrt. Und als sich die Tür öffnete, stieg tatsächlich ein Chinese aus. Er sah jung und fröhlich aus. Ich staunte. Der Chinese sagte „Hello“, er sprach passables Englisch. Ich wagte nicht zu fragen, wie er und Helena … und warum … und wieso beim Joggen … na ja, wie diese ganze merkwürdige Situation zustande gekommen war. Merkwürdig war es allemal, schließlich wohnen wir auf dem oberbayerischen Land und da findet man vielleicht mal eine Blume oder einen Bauern am Wegesrand, aber normalerweise keine Chinesen. Schon gar nicht einen einzelnen Chinesen in einem altersschwachen Auto. Wenn, dann treten die hier in Gruppen und mit Bussen auf. Aber dies bei uns eigentlich auch nicht, dazu sind wir einfach zu wenig Neuschwanstein.

Die Erzählungen unseres Fund-Chinesen legten nahe, dass er Hunger habe

Der gefundene Chinese bekam von uns Kaffee und Kuchen und er erzählte uns, dass er ein Landwirtschaftsstudent aus Peking sei. Für ein Auslandssemester aber sei er nun hier in Bayern und studiere die hiesige Bio-Landwirtschaft. Nach dem Kaffee und dem Kuchen ging der Chinese nicht, sondern blieb sitzen und erzählte uns, auf welchen Bauernhöfen er schon überall gewesen sei und was es dort Feines zu essen gegeben habe. Man muss wissen, dass den Chinesen das Essen vermutlich wichtiger ist als die Liebe. Oder zumindest gleich wichtig. Wir interpretierten die Erzählungen von den fabelhaften Mahlzeiten so, dass wir uns allmählich ums Abendessen kümmern sollten.

Irgendwann fragte ich mich, wie lange er noch bleiben würde

Während wir Köttbullar aßen – Helena hat schwedische Vorfahren – fragte ich mich, was dieser Chinese jetzt eigentlich bei uns wollte. Schließlich sind wir keine Bauern und auch nicht durchwegs bio. Aber es gefiel ihm so gut bei uns. Ob er jetzt wohl bei uns bleiben würde?, fragte ich mich. Beziehungsweise wie lange. Ich verfügte über sehr wenig Erfahrung mit Fund-Chinesen in Bayern, weshalb es mir schwer fiel, einzuschätzen, wie lange unser Gast noch bleiben würde. Jedenfalls aß und lobte er Helenas Köttbullar reichlich.

Hatte unser Gast etwas mit meiner Vergangenheit als Rechtsanwalt zu tun?

Der Abend schritt voran. Wo würde er übernachten? Die Höflichkeit verbot es, ihn zu fragen. Und weil er mit den Informationen über seine Herkunft sehr sparsam blieb, fühlten wir uns auch nicht bemüßigt, ihm ein Nachtlager anzubieten. Aber in meinem Kopf rumorte es: Ich hatte während meiner Referendarszeit mal in einem Rechtsberatungsprojekt in Peking gearbeitet – für den Nationalen Volkskongress und das chinesische Wirtschaftsministerium. Auch hatte ich mal eine Delegation chinesischer Richter nach Neuschwanstein und unters Goldene Dachl von Innsbruck begleitet.

Dann zückte der Fund-Chinese vom Feldweg sein Smartphone

War unser Gast ein chinesischer Spion? Stammte er aus einer der Kaderfamilien, die im Unterdrückungsapparat ganz oben stehen? Irgendwann sagte er, wie aus heiterem Himmel, er müsse jetzt gehen. Wieso?, fragte ich völlig überrumpelt. Er zog sein Handy und zeigte mir Fotos von hübschen, großen Frauen. Da müsse er jetzt hin. Auf die stehe er. Aha, brummte ich. Ja, antwortete er, das seien die Basketballerinnen des TSV 1860 Wasserburg. Die zählten zu den besten in Deutschland. Wenn er jetzt losfahre, dann komme er noch pünktlich zum Spiel.

Eine Limousine mit einem halben Dutzend langbeiniger Sportlerinnen

Plötzlich hatte es unser Fund-Chinese sehr eilig. Ich brachte ihn gerade noch dazu, mir seinen Namen aufzuschreiben, eine Adresse – so behauptete er – habe er derzeit nicht; dann war er weg. Er versprach allerdings, sich sofort nach seiner Rückkehr nach Peking zu melden. Nun, das hat er bis heute nicht getan. Manchmal denke ich an ihn. Manchmal stelle ich mir vor, dass Helena vom Dauerlauf nach Hause kommt und hinter ihr rollt ein Auto mit Diplomatenkennzeichen und abgedunkelten Scheiben her. Und dass das Auto dann anhält und unser Fund-Chinese steigt aus, mit einem halben Dutzend langbeiniger Basketballerinnen. Aber das sind Träume.

Kürzlich hat Helena wieder etwas beim Dauerlauf gefunden

In der Realität ist es so, dass Helena kürzlich vom Joggen nach Hause kam und hinter ihr her holperte ein gemütlicher Campingbus mit finnischem Kennzeichen. Dem Bus entstieg ein etwa dreißigjähriges Pärchen. Ich habe noch nicht viele Finnen gesehen, aber die beiden sahen finnisch aus. Blond, hellhäutig, sympathisch. Helena rief mir zu, die Finnen bräuchten meine Hilfe und ging duschen. Ich klappte meinen Laptop zu und begrüßte die Ankömmlinge.

Sie kämen aus Finnland, erklärte das junge Pärchen

Was ich für sie tun könne? Schüchtern erklärte der junge Finne in sehr gutem Englisch, zum Glück hätten sie Helena hinten auf dem Feldweg neben dem Bundeswehr-Schießplatz getroffen. Der Weg dort sei sehr dicht bewachsen gewesen. Sie kämen aus Finnland und wollten nach Kroatien. Ob sie denn da nicht auf dem richtigen Weg gewesen seien? Na ja, sagte ich, der Feldweg beim Schießplatz sei nun – wenn man die Strecke Finnland-Kroatien betrachte, also von der ganz groben Richtung her – durchaus nicht vollkommen verkehrt. Allerdings, fügte ich an, wüsste ich da eine komfortablere Strecke. Aber jetzt koche ich erst einmal Kaffee.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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