„Ich glaubte meiner Frau zunächst nicht, aber dann rollte doch ein Chinese in einem schrottigen Polo auf den Hof.“ Jörg Steinleitners Kolumne über Chinesen, Basketballerinnen und andere Fund-Menschen.
Mach mal schnell Kaffee, ich habe beim Joggen einen Chinesen gefunden
Jüngst kam meine Frau vom Laufen zurück und rief mir zu: „Mach mal schnell Kaffee, ich habe beim Joggen einen Chinesen gefunden!“ Dann ging Helena duschen. Natürlich kochte ich keinen Kaffee, ich saß gerade am Gartentisch und schrieb, und das mit dem Chinesen, den sie beim Dauerlauf gefunden haben wollte, konnte doch nur ein Witz gewesen sein.
Auf oberbayerischen Feldwegen findet man eher selten Chinesen
War es aber nicht. Helena stand noch unter der Dusche, da fuhr ein ziemlich schrottiger, weinroter Polo in unsere Hofeinfahrt. Und als sich die Tür öffnete, stieg tatsächlich ein Chinese aus. Er sah jung und fröhlich aus. Ich staunte. Der Chinese sagte „Hello“, er sprach passables Englisch. Ich wagte nicht zu fragen, wie er und Helena … und warum … und wieso beim Joggen … na ja, wie diese ganze merkwürdige Situation zustande gekommen war. Merkwürdig war es allemal, schließlich wohnen wir auf dem oberbayerischen Land und da findet man vielleicht mal eine Blume oder einen Bauern am Wegesrand, aber normalerweise keine Chinesen. Schon gar nicht einen einzelnen Chinesen in einem altersschwachen Auto. Wenn, dann treten die hier in Gruppen und mit Bussen auf. Aber dies bei uns eigentlich auch nicht, dazu sind wir einfach zu wenig Neuschwanstein.
Die Erzählungen unseres Fund-Chinesen legten nahe, dass er Hunger habe
Der gefundene Chinese bekam von uns Kaffee und Kuchen und er erzählte uns, dass er ein Landwirtschaftsstudent aus Peking sei. Für ein Auslandssemester aber sei er nun hier in Bayern und studiere die hiesige Bio-Landwirtschaft. Nach dem Kaffee und dem Kuchen ging der Chinese nicht, sondern blieb sitzen und erzählte uns, auf welchen Bauernhöfen er schon überall gewesen sei und was es dort Feines zu essen gegeben habe. Man muss wissen, dass den Chinesen das Essen vermutlich wichtiger ist als die Liebe. Oder zumindest gleich wichtig. Wir interpretierten die Erzählungen von den fabelhaften Mahlzeiten so, dass wir uns allmählich ums Abendessen kümmern sollten.
Irgendwann fragte ich mich, wie lange er noch bleiben würde
Während wir Köttbullar aßen – Helena hat schwedische Vorfahren – fragte ich mich, was dieser Chinese jetzt eigentlich bei uns wollte. Schließlich sind wir keine Bauern und auch nicht durchwegs bio. Aber es gefiel ihm so gut bei uns. Ob er jetzt wohl bei uns bleiben würde?, fragte ich mich. Beziehungsweise wie lange. Ich verfügte über sehr wenig Erfahrung mit Fund-Chinesen in Bayern, weshalb es mir schwer fiel, einzuschätzen, wie lange unser Gast noch bleiben würde. Jedenfalls aß und lobte er Helenas Köttbullar reichlich.
Hatte unser Gast etwas mit meiner Vergangenheit als Rechtsanwalt zu tun?
Der Abend schritt voran. Wo würde er übernachten? Die Höflichkeit verbot es, ihn zu fragen. Und weil er mit den Informationen über seine Herkunft sehr sparsam blieb, fühlten wir uns auch nicht bemüßigt, ihm ein Nachtlager anzubieten. Aber in meinem Kopf rumorte es: Ich hatte während meiner Referendarszeit mal in einem Rechtsberatungsprojekt in Peking gearbeitet – für den Nationalen Volkskongress und das chinesische Wirtschaftsministerium. Auch hatte ich mal eine Delegation chinesischer Richter nach Neuschwanstein und unters Goldene Dachl von Innsbruck begleitet.
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