Was macht Corona mit den Familien? | BUCHSZENE

Wie reagieren Kinder auf das Eingesperrtsein wegen Corona? Wie gut funktioniert Homeschooling? Wie beschäftigen sich die Eltern und warum gibt es Streit? Eine Corona-Kolumne aus dem Homeoffice.

Eine Kolumne über Familienleben, Kindererziehung und Homeschooling in Zeiten von Corona

27. März 2020 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Titelbild Steinleiters Woche Coronaferien Kolumne

©Sharomka shutterstock-ID 1472056928

Die Meinungen meiner Kinder über die „Corona-Ferien“ sind gespalten

Der Tag, an dem ich erfahre, dass meine Kinder wegen Corona vorerst nicht mehr zur Schule gehen werden, ist ein Freitag. Die Meinungen meiner Sprösslinge über diese neue Situation sind geteilt: „Kacke, dann müssen wir alle Schulaufgaben nachschreiben!“, schimpft Leonhard, 6. Klasse. „Eigentlich mag ich die Schule – mir werden meine Klassenkameraden fehlen“, meint meine Tochter Elsa mit der Melancholie einer Sechzehnjährigen. Nur  die 14-jährige Isabella ist total begeistert: „Cool, fünf Wochen Osterferien – da leg ich mich ins Bett und lese nur noch!“

Die Krise legt verborgene Talente bei Lehrern frei – und alte Bücher

Nach einer schulfreien Woche hat sich das mit dem Nur-noch-im Bett-liegen-und-lesen mehr oder weniger erledigt. Die Schul-Cloud steht nämlich bereits am Dienstag, nur drei Tage nach Verkündung der Schulschließung. Und seither werden die Kinder eingedeckt mit Hausaufgaben. Ein Sprachenlehrer tut sich mit besonders üppigem Lernpensum hervor, was die Kinder echt übel finden. Ein anderer Mathelehrer allerdings entpuppt sich als Youtube-Star. Er hält jede seiner Unterrichtsstunden in einem anderen Sportdress ab. An dem Tag, an dem er sich als Fußballer verkleidet, läuft er zur Champions-League-Hymne ins Youtube-Klassenzimmer ein. Die Krise ist eine Chance für das Entdecken verborgener Talente. Oder alter Bücher. Ich zum Beispiel habe mir einen angestaubten Roman des finnischen Trinkers und Romanautors Arto Paasilinna aus dem Regal gegriffen: „Im Wald der gehenkten Füchse“ dürfte ich das letzte Mal vor zwanzig Jahren gelesen haben. Die Geschichte handelt von zwei Männern, die sich in einer Hütte im Wald verschanzen, Bier trinken und saunieren. Einer von ihnen ist ein Major, der andere ein Berufsverbrecher. Schräger geht’s nicht.

Der strenge Deutschlehrer hat eine Bitte an seine Schülerinnen

Aber es bleiben dieser Tage auch brisante Fragen unbeantwortet: „Wieso kommen eigentlich in Kunst und Musik keine Hausaufgaben?“, rätselt Leonhard. (Hoffentlich lesen die betreffenden Lehrer diesen Text nicht – die Kinder haben so schon ausreichend zu tun.) Der Deutschlehrer, der sonst immer etwas unzufrieden mit den Schreibleistungen seiner Schülerinnen und Schüler ist, bittet sie nach wenigen Tagen darum, kürzere Aufsätze zu schreiben. Und schließlich erteilt er nur noch eine mündliche Lektüreaufgabe. Das Eingesperrtsein zeigt uns ganz neue Grenzen auf.

Wie soll man bitte zwei Monate ohne Bier-Pong aushalten?

Insgesamt finden meine Kinder das Homeschooling gut, wobei jedes seine eigene Taktik verfolgt: Leonhard steht schon um acht Uhr auf und erledigt sofort alle Aufgaben des Tages. „Dann kann ich danach machen, was ich will.“ Isabella schluppt gegen Mittag total verpennt und im Schlafanzug aus ihrem Zimmer („Boah, ist das hell!“), weshalb bei ihr oft noch um Mitternacht das Licht brennt. Sie macht ihre Hausaufgaben anscheinend lieber nachts. Elsa, die im vergangenen Jahr das Partyleben für sich entdeckt hat, blickt, seit der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Ausgangssperre verkündet hat, mit kritischem Blick in die nächsten Wochen: „Wie soll man bitte zwei Monate ohne Bier-Pong aushalten?!“ Ganz ohne Freunde zu sein, das ist für einen Teenager eine Horrorvorstellung, ganz klar.

Was macht es mit der Familie, wenn sie zusammengezwungen wird?

Dafür wächst unter Zwang die Familie zusammen. Am ersten Ausgangssperre-Sonntag machen wir eine völlig neue Erfahrung: Leonhard, Isabella und Elsa radeln mit mir zwei Stunden bei ziemlich frostigen Temperaturen durch die oberbayerischen Hügel. Es ist undenkbar, dass diese Radtour an einem normalen Sonntag ohne Corona auch nur den Hauch einer Chance hätte. Aber so, wenn man „nur“ mit seinen Familienmitgliedern draußen etwas unternehmen darf? Die Kinder finden toll, dass kaum Autos auf den Straßen unterwegs sind. „Könnte man nach der Corona-Zeit nicht öfter mal einen autofreien Sonntag machen?“, schlägt Elsa vor.

In Küche und Garten tauchen völlig neue Möglichkeiten auf

Aber auch andere Unmöglichkeiten bekommen plötzlich eine Chance: Seit gefühlt zwei Jahren mümmelt ein Braten vom Bio-Rind in unserem Eisfach herum. Nie war Zeit dazu, ihn zuzubereiten. Gestern befreie ich ihn aus der Kälte. Für einen Braten braucht es Muße. Jetzt haben wir sie. Da Leonhard seine Schulpflichten bereits um elf Uhr morgens erledigt hat, kümmert er sich seither um die diversen, selbst gebauten Bretterverschläge, die er in den vergangenen Jahren im Garten vernachlässigt hat. Als unser ordnungsliebender Nachbar sieht, dass Leonhard endlich das Garten-Gerümpel aufräumt, kommt er sofort mit einer Handvoll Karamell-Bonbons angesprintet.

Es gibt aber auch knallharte Familien-Streitthemen wegen Corona

Allein Helena, meine Frau, ist mitunter schwer ansprechbar. „Springflut“, die schwedische Serie, die sie in der ZDF-Mediathek entdeckt hat, verfügt über hohes Suchtpotential. „Was hast du gesagt?“ erwidert sie auf egal welche Frage, und wenn die Antwort kommt, ist sie schon wieder in einem dunklen schwedischen Wald verschwunden. Das klingt alles harmonisch, allerdings gibt es auch Nickligkeiten: Wir stoßen beim Homeschooling mit der Anzahl der im Haushalt vorhandenen Computer an unsere Grenzen. Alle Hausaufgaben müssen per PC herunter- und hochgeladen werden. Elsa setzt ihre Interessen dabei recht robust durch, was bei den jüngeren Geschwistern für Empörung sorgt. Da müssen wir Eltern dazwischengehen und diplomatische Lösungen finden. Eventuell auch einen zusätzlichen Laptop anschaffen.

Das Homeschooling bringt auch unlösbare Probleme mit sich

Zudem gibt es gelegentlich Hausaufgaben, die sich weder mit dem Material aus der Schul-Cloud, noch mit Youtube-Videos lösen lassen. Die „landwirtschaftliche Nutzung der äußeren Tropen“ zählt dazu. Und wenn während der Diskussion über die Mysterien des Geographieunterrichts dann noch der Chef anruft und Leonhard unüberhörbar laut in das Gespräch hinein fragt: „Papi, wer ist das da am Telefon – wieso redest du so komisch?“ Dann ahnen wir, dass wir Corona überleben werden, aber auch, dass es gut ist, wenn es irgendwann vorbei ist.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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