„Fremde Freunde“ – Interview mit Max Küng - BUCHSZENE.DE

Drei Paare fahren gemeinsam in den Urlaub. Sie kennen sich nicht richtig. Kann das gut gehen? Max Küng im Interview über seinen Roman „Fremde Freunde“ und die gar nicht so einfache Sache mit den Ferien.

Max Küng im Interview über seinen an Untiefen reichen Urlaubsroman „Fremde Freunde“

5. Juli 2021 | Interview: Jörg Steinleitner

Fremde Freunde

Herr Küng, in Ihrem Roman „Fremde Freunde“ fahren drei Paare mit ihren 12-jährigen Söhnen nach Frankreich in den Urlaub. Die Erwachsenen kennen sich nicht richtig, das Einzige, was sie verbindet, ist die Tatsache, dass ihre Söhne gemeinsam in die Schule gehen. Reicht das für gelungene Ferien?

Diese Voraussetzungen könnten zu wunderbaren Ferien führen, denn was gibt es Schöneres, als Freundschaften zu schließen oder zu verfestigen? Und dann noch in den Ferien! In einem herrlichen Haus in Frankreich! Aber leider kommen die Dinge ja oft anders, als dass man sie sich denkt. Und in dieser Beziehung bilden meine Protagonistinnen und Protagonisten keine Ausnahme.

Die zentralen Figuren sind Jean und Jacqueline, Besitzer einer Werbeagentur. Sie haben das Haus gekauft, können es sich aber eigentlich nicht leisten. Sie verfolgen einen geheimen Plan mit den anderen beiden Paaren …

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber die Geschichte des Buches handelt auch davon: Wie absichtslos sind offensichtlich absichtslose Unternehmungen wirklich? Wem kann man vertrauen? Und was lauert unter der schönen Oberfläche?

Bernhard ist Zahnarzt, Veronika Grafikerin – ihre Beziehung befindet sich in einer nicht so guten Phase.

Ja, die beiden haben es nicht gerade einfach, die armen Leute, aber sie investieren noch ein bisschen in die Aufrechterhaltung ihrer Beziehungsfassade, wahren den Schein. Damit sind sie ja nicht alleine.

Das dritte Paar besteht aus der Sängerin Salome und dem Schauspieler Filipp, der vor nicht allzu langer Zeit eine Affäre mit einer Schauspielschülerin hatte. Die gesamte Konstellation hört sich einerseits sehr normal an, andererseits nicht optimal für einen erholsamen Urlaub. Sehen Sie das auch so?

Ja, es sind alles sehr normale Menschen. Aber die haben eben auch sehr normale Probleme. So wie wir alle sie kennen. Deshalb fand ich ein Ferienhaus einen so guten Ort für diese Geschichte: Man kann sich dort nicht wie im Alltag vor sich und den anderen verstecken. Man ist quasi auf offenem Feld.

Sie beschreiben dieses Saint-Jacques-aux-Bois sehr anschaulich. Gibt es diesen Ort? Haben Sie einen Wohnsitz in Frankreich?

Ich hätte gerne ein Haus in Frankreich, auch wenn ich ein problematisches Verhältnis zu dieser Sprache habe! Saint-Jacques-aux-Bois ist zwar ein fiktiver Ort, doch die Gegend ist real, ich kenne sie als Feriengast. Mir gefiel dieser Landstrich der Franche-Comté sofort, denn er ist ziemlich unspektakulär und kein touristischer Hotspot, die Szenerie ist wunderbar und teils gar pittoresk, manchmal aber auch spürt man die Landflucht und die wirtschaftliche Tristesse. Es kommt dort auf unaufgeregte Art viel zusammen. Ein idealer Schauplatz für eine paar kleine Dramen.

In Ihrem Roman „Fremde Freunde“ geht es auch um erotische Phantasien –eine der Figuren ist bei Tinder. Kann das gut gehen?

Die Gedanken sind frei! Und ja, gut beobachtet: Es gibt Sex in diesem Buch, aber er findet bloß als Fantasie oder in der Erinnerung statt. Ich denke, viele Paare um die 50 teilen wohl diese Erfahrung, denn die Realität ist manchmal ja grausam weit weg von dem, was wir uns vorzustellen imstande sind.

Waren Sie selbst schon einmal mit Freunden im Urlaub? Das gemeinsame Einkaufen ist jedenfalls ein Problem, das stellen auch die drei Paare fest …

Ja, ich habe – wie wohl wir alle – Erfahrungen mit Urlaub im Gruppenverband und mit den damit verbundenen Problemen. Ich bin mit den Figuren des Buches vertraut. Die Kochlust von Jean etwa ist mir wohlbekannt. Auch die Hemmungen von Bernhard, eine Bananenschale ohne schlechtes Gewissen in die Landschaft zu schmeißen. Diese Dinge als Autor aus sich herauszuschneiden und eventuell aufzublasen und ein bisschen zu verändern und aus diesen Teilen neue Persönlichkeiten zu basteln, das ist eine der schönsten Arbeiten des Romanschreibens. Man könnte sagen: Jede Figur ist eine Art Frankenstein-Monster meiner selbst.

Je mehr Tage verstreichen, umso mehr Merkwürdigkeiten geschehen: Wein verschwindet und auch Salomes Christophorus-Medaillon. Jemand vollendet heimlich Jacquelines Puzzle und die Hasen Rambo und Schnüffi verschwinden spurlos. Am Ende spitzt sich die Sache gefährlich zu.

Anfangs macht sich niemand große Gedanken über diese Vorkommnisse, es sind ja auch bloß Petitessen, kleine Ungereimtheiten. Vor allem die Gastgeber möchten nicht, dass man auch nur irgendwie denken könnte, diese Ferien seien nicht perfekt. Doch eben: Es geschehen Dinge. Natürlich verdächtigt man sich bald einmal gegenseitig, bis klar wird, dass hier noch etwas anderes im Gange ist.

Jean findet eine Ratte im Klo. Spätestens hier ist klar, dass dieser Urlaub nicht so richtig erholsam sein kann. Ist Ihr Buch ein Plädoyer für den Urlaub zu Hause – genau das Richtige also für die Corona-Zeit?

Nein, ganz im Gegenteil, es ist das perfekte Buch, um unter einem großen Baum in einem Liegestuhl in Frankreich fläzend gelesen zu werden. Und um eine bisschen über Ferien nachzudenken, denn es sind ja durchaus interessante Zeiten. Auch da sie so rar sind, verglichen mit der Zeit, die wir im Hamsterrad Alltag verbringen. Da herrscht ein enormer Druck. Zudem kosten sie immer auch eine schöne Stange Geld. Ferien müssen einfach gelingen, auf Teufel komm raus! Gerade deshalb ist die Absturzgefahr groß. Zudem kann man sich in den Ferien nicht wie im Alltag im Büro verstecken, sondern verbringt die ganze Zeit mit seinem Mann, seiner Frau. Und wenn dann noch der Alkohol als Enthemmungswaffe dazukommt … all dies ist eine explosive Mischung.

Eines Nachts begegnen sich der nur mit einer Unterhose bekleidete Jean und die attraktive Veronika. Verraten wir noch mehr?

Nur so viel: Die beiden erfahren diese Situation auf ziemlich unterschiedliche Art und Weise. Ihre Gedanken sind nicht eben deckungsgleich. Das ist ja auch mit das Tolle an einem Roman: Dass man die Dinge durch unterschiedliche Augen betrachten kann.

„Nicht selten kam es ihm vor, als bräuchte er den größten Teil der Ferien dazu, sich vom Stress zu erholen, den die Reiserei verursacht hatte“, denkt sich der Werber Jean an einer Stelle. Berichten Sie da aus eigener Erfahrung oder planen Sie bereits Ihre nächsten Ferien?

Ironischerweise fahre ich übermorgen in die Ferien und bin gerade dabei, einen Fahrradträger fürs Autodach zu montieren und eine Packliste zu erstellen, denn ohne Liste geht es nicht. Trotzdem weiß ich, dass ich die Hälfte vergessen werde und wir dann in den Ferien ankommen und jemand wird als erstes fragen: „Hat jemand das Ladekabel für das iPhone gesehen?“

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