
Herr Richter, mit „Ohne Herz“ legen Sie Ihren zweiten Neuschwanstein-Thriller vor. Die Geschichte handelt von einem gefährlichen Komplott gegen König Ludwig, von einer brutalen Kindesentführung, von Sprengungen am legendären Schloss und von allerlei Hofintrigen. Bis wohin reicht bei diesem Plot die Wahrheit und wo beginnt Ihre Phantasie?
Ich würde sagen, Wahrheit und Fiktion verschmelzen ineinander. Von Lesern, die sich gut mit der Materie rund um Ludwig II. auskennen, wurde sogar schon angeregt ein Begleitbuch zu erstellen, damit es dem einen oder anderen leichter fällt Historisches und Erfundenes auseinanderhalten zu können. Ich möchte mich zum einen unbedingt an historische Fakten halten, die Epoche authentisch darstellen. Neben meinen eigenen Recherchen arbeite ich deshalb eng mit einem Historiker zusammen. Andererseits schreibe ich ja auch Unterhaltungsliteratur –und gerade das spannende Leben von Ludwig II., die Mystifizierung seiner Person, die wunderbaren Schauplätze seines Lebens und die zahlreichen Gerüchte rund um sein Wirken und seinen Tod bieten doch den idealen Nährboden dafür. Und dann noch mein Fund in einer beinahe vergessenen Dorfchronik: Es verschwand beim Bau von Neuschwanstein ein kleines Seitengebäude, es stürzte einfach so in die Schlucht … Steilvorlage!
Das mit dem abgestürzten Schlossteil müssen Sie bitte etwas genauer erklären.
Bereits während meiner Zeit auf Neuschwanstein hatte ich gehört, dass irgendwann einmal ein Gebäudeteil abgestürzt sei. Keiner wusste etwas genaueres darüber. Bei meinen Recherchen zum ersten Neuschwanstein-Thriller „Ins Herz“ bin ich über einen Eintrag in der Chronik des Schwangauer Dorflehrers gestolpert, dass sich 1883 und 1885 seitlich vom Torbau ein Felssturz in die Pöllatschlucht ereignete. Dazu gibt es in der Chronik ein Blatt mit historischen Fotografien und einer unscheinbaren Notiz, dass dabei ein Seitengebäude beim Torbau 1883 in der Schlucht verschwand. An einer anderen Stelle in der Chronik heißt es dagegen, dass sich der Absturz erst 1885 ereignete. Ich fand diese Diskrepanz sehr interessant und verwunderlich, vor allem auch, dass es dazu keine näheren Informationen gibt. Beispielsweise in lokalen oder überregionalen Zeitungen der damaligen Epoche. Immerhin verschwand ein Gebäude am neuen Königsschloss. Und das zu einer Zeit, als die finanzielle Lage des Königs immer prekärer wurde und die Stimmen wegen einer Absetzung des Monarchen lauter wurden. Der ideale Aufhänger für eine spannende Geschichte.
Lassen Sie uns noch über die Intrigen sprechen: Beinahe jede zweite Figur scheint ihre eigenen Interessen zu verfolgen, loyal zum Monarchen verhalten sich wenige. War das wirklich so, damals?
Ein Paradebeispiel ist für mich Karl Hesselschwerdt, den der König schon aus seiner Kronprinzenzeit kannte und ihn kurz nach seiner Thronbesteigung in den königlichen Marstall beorderte. Hesselschwerdt genoss das volle Vertrauen des Monarchen und beerbte schließlich den Stallmeister Richard Hornig als Ludwigs Privatsekretär. Hornig hatte es nicht geschafft dem König neue Gelder für seine Schlossbauten zu beschaffen und fiel Ende 1885 in Ungnade. Hesselschwerdt nahm Hornigs Stelle als engster Vertrauter ein und gaukelte dem König mehr oder weniger vor, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis er ihm von privater Seite ein größeres Darlehn besorgen könne. Als die Lage der königlichen Kasse im Frühjahr 1886 immer hoffnungsloser wurde und Hesselschwerdt wahrscheinlich nicht mehr viel von Ludwig erwarten konnte, ließ er sich wegen einer vorgetäuschten Krankheit Woche für Woche beim König entschuldigen. Schließlich war er im geheimen Entmündigungsverfahren der Regierung einer der ersten, der gegen seinen König aussagte.
Welche der weniger prominenten Figuren sind historisch und welche haben Sie dazu erfunden?
Eine wichtige Rolle im Roman spielt das Dienstmädchen Marianna Rieger. Sie war Hirtin auf der Schachenalpe im Wettersteingebirge. Als sich Ludwig II. für den Bau eines Bergschlosses dort entschied, wurde sie als Dienstmagd eingestellt. Ihre Nachfahren leben noch immer in Partenkirchen. Von ihnen erfuhr ich mehr über ihre ungewöhnliche Geschichte, die ich in meinen Roman eingeflochten habe. Frei erfunden habe ich dagegen den Kastellan von Hohenschwangau, Lorenz „Lenz“ Baumgartner, der im ersten Teil, also in „Ins Herz“, noch Kastellansgehilfe war. Auch ich habe auf Neuschwanstein den Weg vom stellvertretenden Kastellan zum Kastellan beschritten. Vielleicht ist er ja so etwas wie mein Alter Ego. Schließlich verarbeite ich in meinen Büchern auch Erfahrungen und Erlebnisse aus zwanzig Jahren Neuschwanstein.
Wie Sie sagen, waren Sie selbst Kastellan auf Neuschwanstein. Deshalb verwundert es wenig, dass Sie alle örtlichen Details so genau beschreiben können. Aber woher kommt es, dass Sie auch Schloss Linderhof und das Schachenhaus so präzise darstellen? Woher wissen Sie das alles? Dieser Detailreichtum ist wirklich beeindruckend.
Vielen Dank! Dahinter steckt zum einen akribische Recherche. Glücklicherweise besitze ich eine Fülle an Literatur über die Schlösser von Ludwig II. von Bayern. Besonders wichtig sind dabei die zeitgenössischen, meist raren, Veröffentlichungen aus dem 19. Jahrhundert. Die neueren Werke sind für meine Bücher kaum brauchbar, da sich nach Ludwigs Tod vieles verändert hat. Ich möchte aber unbedingt authentisch bleiben. Zum anderen wohne ich nicht weit entfernt von Linderhof und dem Schachen, und konnte während des Schreibprozesses immer wieder vor Ort sein. Das war auch das Schöne beim Entstehen von „Ohne Herz“: die vielen Ausflüge.
Auch sonst erfährt man in Ihrem Roman viel über das Leben König Ludwigs – seinen Alltag, seine Gewohnheiten und seine Marotten. Woher haben Sie diesbezüglich Ihre Informationen?
Meine Frau Vanessa und ich teilen dieselbe Leidenschaft. Sie ist eine ausgesprochene Kennerin des Hauses Wittelsbach und mein Spezialgebiet sind Ludwig II. und seine Bauten. Mit unserer Heirat vereinigten sich also auch die Bibliotheken. Noch dazu war Vanessas Großvater viele Jahre Schlossverwalter auf Neuschwanstein, ein ausgesprochener Kenner von Ludwig II. und hat uns seine umfangreiche Bücher- und Dokumentensammlung vermacht. Besonders interessant sind dabei die nahezu unbekannten Lebenserinnerungen der einfachen Dienerschaft, die einen Einblick in das tägliche Leben am Hof geben. Ein wahrer Schatz für mich und meine Romane, da ich gerne aus der Perspektive dieser Menschen erzähle.
Meinen Sie, Sie hätten König Ludwig gemocht?
Definitiv! Ein Mensch mit Ecken und Kanten. Völlig unangepasst löste er sich von beinahe sämtlichen Konventionen seines Amtes und schenkte der Nachwelt ein imposantes Vermächtnis. Schlösser, Kunst und Musik waren seine Leidenschaft. Beinahe rücksichtlos, auch gegen sich selbst, versuchte er diese Interessen durchzusetzen. Dabei zeigte er auch ein beeindruckendes staatsmännisches Verständnis, was allerdings bislang nur unzureichend erforscht ist. Er war aber auch ein Träumer und Fantast. Das ist nicht negativ gemeint! Zuletzt unterschätzte er die Macht des bayerischen Beamtenapparates und ignorierte die finanziellen Interessen seiner nächsten Angehörigen. Er vertraute den falschen Menschen.
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