Bea Berger, Tina Tall: Heiliger Gummistiefel | BUCHSZENE

Lehrerin Susi Schniebel erwischt ihren Mann in flagranti. Vor lauter Frust stürzt sie sich ins Partyleben und landet im Kloster. Bea Berger und Tina Tall im Interview über ihren Roman „Heiliger Gummistiefel“.

Bea Berger und Tina Tall im Interview über ihre Komödie „Heiliger Gummistiefel“

2. Dezember 2019 | Interview: Tim Pfanner

Titelbild Heiliger Gummistiefel

©Aaron Amat shutterstock-ID: 1146976574

Frau Berger, Frau Tall, Ihr Roman „Heiliger Gummistiefel“ erzählt die Geschichte einer jungen, ungeschickten Realschullehrerin.

Bea: Genau. Susi Schniebel erwischt ihren Freund Jochen in flagranti mit der vollbusigen Nachbarin Peggy. Als wäre das noch nicht genug des Üblen, leistet sie sich auf einer großen Benefizveranstaltung ihrer Schule eine landesweite Blamage im Radio. Susi steht haarscharf vor der Suspendierung. Die ersehnte Verbeamtung rückt in weite Ferne und ihr Leben ist plötzlich ein einziger Scherbenhaufen. Susi braucht jetzt vor allem eines: Ablenkung!

Tina: Zum ersten Mal im Leben lässt sie es so richtig krachen. Es kommt, wie es kommen muss und endet in einem Filmriss. Susi erwacht am nächsten Morgen völlig verwirrt auf der Bordtoilette eines Reisebusses. Dieser ist voller Senioren auf dem Weg in ein Karmelitenkloster in der Oberpfälzer Pampa. Die Tatsache, dass sie nichts anderes am Leib trägt, als ein überdimensioniertes Peniskostüm, macht die Situation nicht gerade leichter. Da ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Sie haben Ihren neuen Roman „Heiliger Gummistiefel“ zu zweit geschrieben. Aber jede Autorin hat doch ihre eigene Art und Weise, Ideen auf Papier zu bringen. Wie schreibt man zu zweit?

Bea: Bevor wir überhaupt anfangen konnten, haben wir monatelang an der Story herumgetüftelt bis sie uns rund erschien. In der heißen Phase war es dann ein ständiges „Text hin und her schieben“. Dazu haben wir uns über eine Dropbox verbunden. Lücken und Unklarheiten haben wir dann telefonisch geklärt. Solche Gespräche konnten dann schon mal bis weit nach Mitternacht dauern.

Tina Tall: Wir haben gemeinsam die Idee entwickelt, die Charaktere und natürlich den Plot. Eine von uns hat dann den Rohtext geschrieben, während die andere für die Feinheiten zuständig war. So bekamen wir schon in der Entstehungsphase einen einheitlichen Zungenschlag hin. Zur Überarbeitung sind wir dann beide gemeinsam in Klausur gegangen.

Gibt es da auch mal Streit oder Meinungsverschiedenheiten?

Tina: Selbstverständlich gibt und gab es die, und nicht immer kamen wir gleich zu einer einvernehmlichen Lösung. Aber letztlich steht das Projekt im Vordergrund. Und da uns nicht nur die Arbeit, sondern auch eine Freundschaft verbindet, können wir uns dann doch immer prima einigen.

Bea: Wenn zwei Köpfe an ein und derselben kreativen Sache arbeiten, gehen die Meinungen über die Umsetzung schon mal auseinander. Und wenn diese beiden mitunter auch noch recht unterschiedliche Ansichten und Lebensgewohnheiten haben, dann wird es richtig spannend. Wir haben das ganz einfach gelöst: Unsere Unterschiede betrachten wir als Bereicherung. Wir beleuchten den Blickwinkel des anderen und denken dann zumindest mal drüber nach. Ohne diese Vorgehensweise wären diverse Szenen im Buch gar nicht erst entstanden.

 Im „Heiligen Gummistiefel“ geht es turbulent, mitunter skurril zur Sache. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Tina: Im Team zu arbeiten ist einerseits eine Herausforderung, andererseits herrlich kreativ. Wenn die eine nicht weiterkam, steuerte die andere einen Gedanken bei, so dass das Rad immer in Bewegung blieb. Da sprudeln die Ideen! Die Lachanfälle, die wir dabei hatten, sind kaum noch zu zählen.

Bea: Allein muss man sich oft vieles aus den Fingern saugen. Zu zweit kommen die humorvollen Geistesblitze viel leichter daher. Viele Details zum „Heiligen Gummistiefel“ entstanden auch im Rahmen der Recherche im Kloster Reisach, das als Vorlage für den Handlungsort diente. Kleinigkeiten, wie etwa die Wutader auf der Stirn des cholerischen Schuldirektors Fürst, der unsere Protagonistin, die Lehrerein Susi Schniebel, der Schule verweist, entspringen tatsächlich eigenen Erfahrungen. Wenn man im Schreib-Flow ist, fließen diese automatisch mit ein.

„Heiliger Gummistiefel“ spielt größtenteils in einem Kloster. Wieviel Realität steckt in Ihrer Geschichte?

Bea: Den Grundriss des Vorbilds in Reisach haben wir übernommen. Es kann sein, dass wir bei der Küche und beim Speisesaal etwas geflunkert haben, aber wir mussten eine Reisegesellschaft verköstigen. Da hatten wir keine andere Wahl. Auch am Tagesablauf der dort lebenden Mönche haben wir uns weitgehend orientiert. Die echten Padres haben natürlich keinerlei Ähnlichkeit mit denen aus unserer Geschichte … Sie sind viel Cooler. Zwei davon haben sogar einen Motorradclub gegründet: die „Karmelitos“. Man kann sich denken, dass die bisherigen Motorradsegnungen dort spektakulär gewesen sind.

Tina: In unserem Roman steht unter anderem die Existenz des Klosters auf dem Spiel. An allen Ecken und Enden bröckelt die Fassade, und der Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Das haben wir eins zu eins so vom Karmelitenkloster Reisach übernommen. Auch dort kämpften die Mönche jahrelang um den Erhalt der Gebäude. Diesen Kampf haben sie vor Kurzem aufgegeben. Die Karmeliten haben das Kloster verlassen. Es steht jetzt leer, und keiner weiß, was daraus nun werden soll.

Es gibt einige Figuren, die der Protagonistin Susi Schniebel den Aufenthalt im Kloster erschweren. Andere geben ihr Rätsel auf. Was zeichnet diese Persönlichkeiten aus?

Tina: Unsere Figuren sind allesamt liebenswürdig, aber machen auch Fehler und lassen sich von ihren Impulsen leiten. Alle haben eine Schwäche: Susi Schniebel zum Beispiel ist furchtbar tollpatschig, Pater Gregor schrecklich mürrisch, Pater Felix extrem ängstlich … Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen. Ihre Schwächen zaubern dem Leser ein Lächeln ins Gesicht.

Bea: Sie machen zudem eine Entwicklung durch, aus der sie am Ende verändert hervorgehen. Einige umgibt ein Geheimnis, das natürlich Stück für Stück gelüftet wird. Da ist zum Beispiel der äußerst attraktive Hausmeister Ben, der sich vor irgendetwas im Kloster zu verstecken scheint. Oder der feiste Pater Jakob, der sein Schoko-Cookie-Rezept auf Teufel-komm-raus mit dem Kochlöffel verteidigt. Andere wie der würdevolle Prior Eugen oder die betagte Hermine, die ihre Seniorengruppe wie ein General führt, sehen ihr Weltbild durch Susi gehörig auf den Prüfstand gestellt.

Was haben die Figuren und die Geschichte mit Ihnen zu tun?

Bea: Sagen wir’s mal so. Susis unüberlegtes Handeln aus dem Bauch heraus ist mir nicht fremd. Ich bin selbst ein Mensch, der gerne die Tür zuschmeißt und im selben Moment bemerkt, dass der Schlüssel noch im Haus liegt. Wer mal ein bisschen flexibles Chaos erleben möchte, der kann gerne einen Tag mit mir verbringen. Außerdem liebe ich es, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Davon treffen mit unseren Figuren im Buch ja so einige aufeinander.

Tina: Wir alle haben Schwächen und Stärken. Gerade in unserer leistungsorientierten Gesellschaft richtet man sich gerne nach den gängigen Werten und ignoriert seine eigenen Grenzen. Auch ich war mal in einer beruflichen Situation, die ich von Anfang an nicht wollte, aber die von mir erwartet wurde. Diese Phase war nicht schön. Dennoch konnte ich viel daraus lernen. Zum Beispiel, dass es besser ist, seinem Herzen zu folgen, so wie es auch unsere Protagonistin Susi Schniebel tut.

Gibt es etwas, das Sie beim Schreiben inspiriert?

Bea: Texte fließen bei mir besonders gut, wenn um mich herum Bewegung ist. Deshalb schreibe ich gerne in Cafés, wo das Kommen und Gehen und die Stimmung der Gäste auf mich wirken, wie ein geistiger Katalysator. Außerdem sitze ich dort direkt an der Quelle meines liebsten und wichtigsten Schreib-Treibstoffs: Kaffee! Ohne den geht gar nichts. Inspiration ziehe ich im Alltag aus allem was mir begegnet. Da kann jede noch so kleine Situation den Impuls für einen Handlungsstrang oder einen ganzen Roman geben.

Tina: Mich inspirieren vor allem bestimmte Stimmungen die ich auffange. Intuitiv kommen dann Szenenfragmente vor mein inneres Auge. Dann reicht mir etwas Ruhe, ein Laptop und gedämpftes Licht und schon versinke ich in der Figur und in der Welt, in der sie sich bewegt.

„Heiliger Gummistiefel“ ist ja in erster Linie ein witziges Buch. Was zeichnet in Ihren Augen guten Humor aus?

Tina: Guter Humor transportiert subtil eine Message, die das Publikum zum Denken anregt und es gleichzeitig zum Lachen bringt.

Bea: Humor ist ein meilenweites Feld auf dem sich so ziemlich alles tummelt. Den einen reicht schon ein leichtes Schmunzeln, andere müssen Tränen lachen um etwas für lustig zu befinden. Es ist also schwierig, den Nerv der breiten Masse zu treffen. Ich persönlich nehme es mit dem Humor nicht allzu ernst. Für mich darf er gerne tiefschwarz oder staubtrocken sein. Über extrem flache Sparwitze kann ich genauso lachen, wie über tiefsinnige Satire oder provokanten Slapstick. Ich gehöre definitiv nicht zu der Sorte Mensch, die sich zum Lachen in der Abstellkammer versteckt.  

Wie geht’s jetzt weiter mit Ihnen beiden?

Tina: Derzeit arbeiten wir beide an eigenen Projekten. Aber wenn diese abgeschlossen sind, ist eine weitere Zusammenarbeit denkbar. Wir sind für alles offen.

Bea: Wir sehen uns weiterhin als Team. In unseren Projekten stehen wir uns deshalb mit Rat und Tat zur Seite. Ideen für weitere gemeinsame Bücher gäbe es zu genüge. Es ist nicht auszuschließen, dass da in naher Zukunft noch mal was kommt.

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