Ann Granger "In des Waldes düstren Gründen" | BUCHSZENE

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Ein Mann, eine Schrotflinte, eine Leiche – Frau Bluhm liest Ann Grangers „In des Waldes düstren Gründen“

Titelbild In des Waldes düstren Gründen - Ann Granger

Shutterstock © mangostock Bild-ID: 122901190

22. Februar 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Trieb ihn der chronische Geldmangel mit einer Schrotflinte in den Wald? Ann Grangers Ermittlerin Jessica Campbell hat da so ihre Zweifel. Frau Bluhm verrät, was sie von „In des Waldes düstren Gründen“ hält


Frau Bluhm liest „In des Waldes düstren Gründen“: 4 von 5 Blu(h)men


Ann Granger schreibt so wie England ist

Wer englische Kriminalliteratur liebt, der kommt an Autorin Ann Granger keinesfalls vorbei. Ganze fünfzehnmal schickte die Autorin das kuriose Ermittlerpaar Meredith Mitchell und Alan Markby ins Rennen, die nicht nur selbst irgendwann die Liebe zueinander entdeckten, sondern auch von den Lesern uneingeschränkte Sympathie entgegengebracht bekamen. 2006 entschieden die beiden sich endlich zur Hochzeit (nur Mulder und Scully brauchten dafür länger), doch leider endete damit auch die Reihe um die beiden Ermittler. Wer aber damit rechnete, fortan auch nichts mehr aus dem Polizeirevier des kleinen Städtchens Weston St. Ambrose zu hören, der war schief gewickelt, denn kurze Zeit später wurde Superintendent Markby von Ian Carter abgelöst und Markby selbst begrüßte noch eine neue Kollegin im Revier.

Mit Jessica Campbell kommt moderner Wind nach Winston St. Ambrose

Mit Jessica Campbell, der Hauptfigur von Ann Grangers neuer Reihe, bezog eine junge, flippige Frau Stellung im Polizeirevier von Weston St. Ambrose, die jede Menge frischen Wind mitbrachte. Wo man sich beim Lesen der Mitchell-und-Markby-Serie immer noch ein wenig im letzten Jahrhundert wägte, so ermittelten Campbell und ihre Kollegen von Anfang an mit modernster Technik und schnellen Abläufen. Smartphones und DNA-Analysen standen auf der Tagesordnung und auch die zwischenmenschlichen Abläufe wurden modernisiert.
Es ist kaum zu glauben, aber Ann Granger, die ja selbst eher einer älteren Generation angehört, hat es wieder einmal geschafft, sich neu zu erfinden.
Und doch hat sie dabei nichts von ihrem typischen englischen Charme und der gewohnt ruhigen Schreibweise verloren. Jess Campbell ermittelt mittlerweile zum fünften Mal, in diesem Jahr eben „In des Waldes düstren Gründen“.

Verdächtige gibt es ebenso viele wie Motive

Das Opfer dieses Buchs, Carl Finch, wird im Wald an einem Baum lehnend gefunden. Die Schrotflinte noch in der Hand. Auf den ersten Blick scheint es so, als hätten der chronische Geldmangel und die ewig währenden Reibereien mit seiner Stiefschwester Harriet ihren Tribut gefordert und Carl in den Selbstmord getrieben. Doch wie so oft in den Büchern von Ann Granger, kommt ein Zufall zum Tragen: Der Finder der Leiche ist kein anderer als Tom Palmer, seines Zeichens ein guter Freund von Jessica Campbell und zufälligerweise auch Pathologe.

Am Tatort erwarten Jessica Campbell allerlei Ungereimtheiten

Dem geschulten Auge entgehen die Ungereimtheiten am Tatort nicht, und schon bald wird klar, dass Carl nicht freiwillig aus dem Leben schied, sondern dass jemand nachgeholfen hat. Die Ermittlungen, während derer alle schmutzigen Geheimnisse der sonderbaren Familie aufgedeckt werden, beginnen. Im Zentrum: Harriet Kingsley. Sie und der Verstorbene waren Geschwister mit unterschiedlichen Eltern. Modernes Patchwork eben. Doch nach dem Tod von Harriets Vater geht Carl leer aus, und das, obwohl dieser ihn immer behandelt hat wie einen eigenen Sohn. Und auch Harriet hing sehr an ihrem Stiefbruder. Tatsache aber ist, dass irgendjemand Carl erschossen hat. War es Harriets Ehemann Guy, der nicht nur seine eigenen Pläne mit dem geerbten Geld hat, sondern auch noch ehemaliger Soldat ist? Harriets Freundin Tessa, die wie eine Glucke über deren Aussagen und Wohlbefinden wacht? Und was ist überhaupt aus dem exzentrischen Mann aus dem Prolog geworden, der mit Carl in undurchsichtige Geschäfte verstrickt war? Am Ende war es vielleicht sogar Harriet selbst …

Jedes Buch von Ann Granger ist ein kleiner Englandurlaub

Wie von ihr gewohnt, führt uns die Autorin in die englische Provinz, die mit unglaublichem Charme und typisch britischem Flair gezeichnet ist. Ihr Schreibstil und der ruhige Aufbau des Spannungsbogens folgen wie immer einer dahinplätschernden Stringenz, ohne im Mindesten langweilig zu sein. Das Einzige was ich mir immer beim Lesen denke ist: „Very british!“ Vom Stil her angelehnt an die großen Namen wie Agatha Christie oder Edgar Wallace kommt auch Ann Granger ohne blutige Details und aufgeblasenen Spannungsaufbau aus. Die Menschen stehen bei ihr im Mittelpunkt. Und zwar immer sehr bodenständig und realistisch, weshalb man nach dem Lesen fast wieder das Gefühl hat, einen kleinen Englandurlaub hinter sich zu haben. Einzig und allein das abrupte Ende stört mich ein wenig, weshalb ich nicht die volle Blu(h)menzahl verteilen will.

Und wie ist es mit Carter und Campbell – läuft da was?

Doch die Parallelhandlung der aufkeimenden Gefühle zwischen Superintendent Carter und Jess geben einen schönen Kontrapunkt für alle Shipper unter uns. Natürlich sehr langsam und gesittet, wie es sich für Engländer gehört.
Unaufgeregt, ruhig und angenehm zu lesen, ist „In des Waldes düstren Gründen“ ein Kriminalroman, den man getrost weiterempfehlen kann. Für alle Fans natürlich ein absolutes Muss.

Katharina Bluhm
Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf…
Zur Biografie von Frau Bluhm

Katharina Bluhm
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