Lisa McInerney: Glorreiche Ketzereien. Kritik | BUCHSZENE

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10. Dezember 2018 | Birte Vandar | Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


Muss Liebe scheitern in einer irischen Stadt, in der Familiendramen, die Kirche und Kriminalität den Alltag bestimmen? Lisa McInerneys „Glorreiche Ketzereien“ ist ein von feinem Humor getragenes Debüt.


In Lisa McInerneys „Glorreiche Ketzereien“ geht es um Familientragödien in Irland, die Liebe und den Tod


Glorreiche Ketzereien

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„Glorreiche Ketzereien“ ist ein Roman über die Macht des Zufalls und fehlende Lebensentwürfe

Der erste Teil von Lisa McInerneys „Glorreiche Ketzereien“ stellt die Personen in ihrem aktuellen Erleben vor, und gleichzeitig wird ihre Vorgeschichte transportiert. Hier ist der jugendliche Drogendealer und seine große Liebe; da die schrullige ältere Dame, die aus Versehen einen Einbrecher tötet; dort ihr Sohn, der das organisierte Verbrechen der Stadt kontrolliert und daher kein Risiko eingehen kann. Diese Vorstellung ist so unaufgeregt und unangestrengt aufgebaut, dass es nicht schwerfällt, die wichtigsten Personen von Beginn an auseinanderzuhalten. Wie wessen Verbindungen allmählich enger gezogen werden, wird zum echten Lesevergnügen.

Von der Liebesgeschichte bis zum Nachbarschaftsstreit ist alles dabei

Der erschlagene Einbrecher wird nie tot aufgefunden, obwohl seine Freundin nicht aufhört zu suchen. Doch genau deswegen gibt es Verwicklungen und Erpressungen, die, kombiniert mit den ungünstigen Prognosen für einige Personen, ein hochexplosives Gemisch ergeben. Kinder werden geboren, andere nicht, Verbrecher gehen ins Gefängnis, andere nicht. Am Ende hat jeder auf irgendeine Weise in das Leben jedes anderen eingegriffen.

In manchen Szenen steckt eine unglaubliche Intensität

Es fällt Lisa McInerney leicht, die Sympathien des Lesers zu lenken: die junge Liebe des kleinkriminellen Jugendlichen – ehrlich, eng, wahr, einen Gefängnisaufenthalt überdauernd – man kann sie nachempfinden. Warum nur fühlt sie sich mit einem Mal an wie zum Scheitern verurteilt? Kurz nach der Hälfte denke ich, jetzt könnte ein kleiner Bogen das Buch beenden. Jetzt einmal die richtige Entscheidung getroffen, und es wäre ein gutes Buch über menschliche Verwicklungen und Tragödien geworden. Aber von der Seitenanzahl her sind wir erst bei der Hälfte – es wird sie geben, die Katastrophe.

Lisa McInerneys Roman ist ein sehr irisches literarisches Werk

„Glorreiche Ketzereien“ ist sehr irisch: die Häresien, die Christlichkeit. Eine Frauengestalt, die dem Buch eher die Unschuld nimmt als der Todesfall, mit dem die Geschichte ihren Lauf nimmt. Eher als der Drogenweg des jugendlichen Dealers. Eher als die sich wiederholende Geschichte der unglücklichen Mutterschaft.

Kurz vor Schluss erhöht Lisa McInerney noch einmal das Erzähltempo

Jedes Kapitel hat seinen eigenen Hauptdarsteller. Nur wenige sind nicht vom allwissenden Autor geschrieben, und jene – kursiv gedruckt – sind noch einmal direkter, jeweils aus der Ich-Perspektive. Und sie tragen Überschriften, die einen enormen Feinsinn verraten. Kurz vor Ende gibt Lisa McInerney diese Struktur auf, jetzt switcht sie zwischen unterschiedlichen Handlungsorten umher. Das erhöht die Schnelligkeit: Alles läuft deutlich auf die Katastrophe zu …

Poetische Sprache, feiner Humor – aber auch einige Ungereimtheiten

Die poetische Sprache lässt über Ungereimtheiten hinwegsehen. Immer wieder fallen Sätze, die in ihrer Schönheit bezaubern oder von einem ganz feinen Humor zeugen. Das lässt zahlreiche Tippfehler oder inhaltliche Widersprüche – vielleicht handelt es sich auch um Übersetzungsfehler? – verschmerzen. So erfahren wir zum Beispiel auf Seite 40 und den folgenden Seiten von einer Frau, dass sie die Spirale trägt, dann ihre Unschuld verliert und etwas später schwanger wird. Diese Reihenfolge ist nicht eben logisch. Oder auf S. 83 steht: „Ihm war schlecht wie einem kleinen Krankenhaus.“ Ich habe noch nie ein Krankenhaus gesehen, groß oder klein, dem übel geworden wäre. Auf Seite 165 bis 175 duzt die ältere Frau ihre junge Gesprächspartnerin, siezt sie auf Seite 170 und duzt sie danach wieder. Dann wieder versöhnt Lisa McInerney mit Sätzen wie auf Seite 436: „Der Rahmen, den man um sein Leben herumbaut, ist ein brüchiges Ding, und in einer Stadt voll mit einander verbundenen Seelen kann ein einziger gebrochener Balken den Spitzen und Schatten der Skyline bedrohlich werden“.

Man lacht über bitterbösen Humor, und manchmal schmerzt es sogar

Laut Umschlag ist der Roman eine bitterböse Komödie. Den ersten Lacher gibt es schon nach wenigen Seiten. Dennoch: Teilweise hat „Glorreiche Ketzereien“ beim Lesen geschmerzt, so eindringlich hat Lisa McInerney die Personen, ihre Unzulänglichkeiten, ihre Liebe und die Unausweichlichkeit ihres Handelns beschrieben. Es ist gut vorstellbar, dass aus dieser Vorlage einmal ein rabenschwarzer Film entstehen wird.

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