Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch. Kritik | BUCHSZENE

Zwei Paare auf einer dänischen Insel. Von Anfang an liegt erotische Spannung in der Luft. Jan Christophersen zaubert aus dieser Ausgangssituation mit „Ein anständiger Mensch“ einen meisterhaften Roman.

In Jan Christophersens „Ein anständiger Mensch“ geht es um Verführung und Vertrauen, Erotik und Tod

16. Dezember 2019 | Jörg Steinleitner

Jan Christophersen

Ein anständiger Mensch

ISBN 978-3-86648-607-2

352 Seiten | € 24,00

mare

Romantik (5/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (5/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Ein anständiger Mensch

© Expensive shutterstock-ID: 1103511062


Jan Christophersens Hauptfigur Steen ist ein prominenter Schriftsteller

„Komm, lass uns abhauen. Noch ist Zeit.“ Diesen Satz spricht der Erzähler auf der zweiten Seite von Jan Christophersens Roman „Ein anständiger Mensch“. Und erst in der Rückschau begreift man, dass Steen Friis auf unheimliche Art geahnt haben muss, was alles noch kommen wird oder zumindest könnte. Steen, er ist fernsehbekannter Schriftsteller und zählt zu Deutschlands Geistesgrößen, sagt diesen Satz zu seiner Frau. Eigentlich sind die Philosophin Frauke und der „Anstandsonkel“, wie er auch scherzhaft genannt wird, weil er für seine Bücher über Anstandsfragen berühmt ist, auf dem Weg zu einem unverfänglichen Treffen: Sie wollen am Hafen Freunde abholen.

Gero sieht aus wie eine jüngere Version von Robert Redford

Ute ist Steens Lektorin und ihr Lebensgefährte, mit dem sie noch nicht so lange liiert ist, heißt Gero und arbeitet als Computerspezialist für ein Startup, das Schönheitsprodukte aus Quallen herstellt. Die vier wollen ein gemeinsames Wochenende auf der dänischen Insel verbringen, auf der Steen ein Häuschen besitzt. Hierher zieht er sich regelmäßig für Wochen zum Schreiben zurück. Frauke und Steen fahren im Auto zum Hafen, wo ihre Gäste mit Geros schickem Boot einlaufen werden. Steen mag kein Wasser, kein Meer und von daher auch das Segeln nicht. Gero sieht aus wie eine jüngere Version von Robert Redford und hat Wirkung: „Gero presste Frauke auf eine Art an sich, als wären sie schon seit Ewigkeiten befreundet, dabei gehörte er als Utes ‚Neuer‘ erst seit knapp eineinhalb Jahren dazu.“

Wie eine Katze streicht Ute um den Mann der anderen herum

Auch die Begrüßung zwischen Ute und Steen schildert Jan Christophersen mit Worten, die in Leserin und Leser eine gewisse Erwartungshaltung entstehen lassen: „Wie eine Katze strich sie direkt vor mich, erfasste auch meine andere Hand und führte beide hinter dem Rücken zusammen. Ich konnte die beginnende Rundung ihres Hinterns spüren. Bauch und Oberkörper drückte sie gegen mich und blickte mir von schräg unten in die Augen.“

Die beiden Paare haben Überkreuz-Geheimnisse und Abenteuerlust

Von Anfang an liegt erotische Spannung über dem Zusammentreffen der zwei Paare. Mit der Präzision eines Schriftstellers, der genau weiß, was er tut, enthüllt Jan Christophersen Scheibchen für Scheibchen, dass es Überkreuz-Geheimnisse zwischen den Paaren gibt, vor allem zwischen Steen und seiner Lektorin Ute. Mit fein ausgewählten Bildern macht er Andeutungen, die der Lektüre eine immer stärkere Sogwirkung verleihen. Interessant dabei ist, dass Jan Christophersen die Paarbeziehungen jeweils als in sich intakt darstellt, und doch ist bei beiden Paaren eine Bereitschaft zum Abenteuer zu spüren.

„Ich habe da eine verrückte Idee im Kopf“, sagt Frauke leise …

Das entscheidende Gespräch findet zwischen den Eheleuten Frauke und Steen statt: „Frauke drückt ihr Gesicht in meine Haare. Ich höre ihren Atem direkt an meinem Ohr. „Ich habe da eine verrückte Idee im Kopf“, sagt sie leise. „Aber ich muss dich erst fragen.“ Die Idee, die Frauke elektrisiert – man ahnt es schon – hat mit Freiheit und Sex zu tun. Steen stellt sich dumm. Aber Frauke insistiert: „An diesem Wochenende könnte sich da was ergeben. Könnte. Ich weiß nicht, ob es passiert. Aber ich würde schon gerne. Verstehst du?“

Schließt „Ein anständiger Mensch“ eine solche Wette ab?

Vorher bereits erfahren wir von einer Wette, die die Lektorin Ute mit Steen eingegangen ist: Weil er, der Ratgeberautor, immer auf die vielen durchschnittlichen Skandinavien-Krimis schimpft, triezt ihn Ute mit der Behauptung, er würde so einen Roman vermutlich nicht hinbekommen. Steen widerspricht und sie vereinbaren einen Deal: Wenn Steen einen Krimi zusammenbekommt, wird Ute ihm ein Nacktfoto von sich geben. Schafft er es nicht, muss er ihr eines von sich schenken. Der Kriminalroman, den Steen dann unter Pseudonym schreibt, wird eines seiner erfolgreichsten Werke. Seiner Frau erzählt er nichts von dem Krimi und natürlich auch nichts von dem Nacktfoto.

Jan Christophersen zählt zu den besten Erzählern unserer Zeit

Damit hat Jan Christophersen die Bühne bereitet für ein Drama, dessen Ausmaße man erst ganz zum Schluss mit entsetztem Staunen zur Kenntnis nimmt. Es wird seine Heldinnen und Helden tief in den Inselwald führen, in tatsächliche Dunkelheit und in eine der Seele, in erotische Momente und beschämende Peinlichkeiten – und es wird sie sogar dem Tod ins Auge blicken lassen. Der Schriftsteller, der zu den besten zählen dürfte, die derzeit auf Deutsch veröffentlichen, bedient sich dabei einer Sprache, die literarisch und dabei von betörender Klarheit ist. Diesen Roman zu lesen, bereitet große Freude – dies trotz seines emotional wirklich grausamen Endes.

 

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