Ein Anwalt im Sabbatical. In dem Seebad, in dem sich einst die Gruppe 47 traf, gerät er an einen Trinker. Heinz Strunks „Ein Sommer in Niendorf“ liest sich wie im Rausch.

Unbarmherzig legt Heinz Strunk in „Ein Sommer in Niendorf“ menschliche Schwächen bloß

27. Juni 2022 | Jörg Steinleitner

Heinz Strunk

Ein Sommer in Niendorf

ISBN 978-3-498-00292-3

240 Seiten | € 22,00

Rowohlt

Romantik (4/5)

Komik (2/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (5/5)

Unterhaltung (5/5)

Titelbild Ein Sommer in Niendorf

Das Unheil ergießt sich in fein dosierten Tröpfchen über die Hauptfiguren

Was für ein schrecklicher – schrecklich guter Roman! Mit „Ein Sommer in Niendorf“ verwickelt uns Heinz Strunk in eine Geschichte, deren unheilvollen Lauf wir von Anfang an absehen. Aber dadurch, dass er das Unheil in fein dosierten Tröpfchen auf seine Hauptfiguren niederkommen lässt und er uns gleichzeitig mit sprachlich fein austarierten Beobachtungen und irren Szenen fesselt, gibt es kein Entrinnen. Man muss lesen, bis zum Ende.

Heinz Strunks Held ist ein 51-jähriger Anwalt, der sich eine Auszeit nimmt

Heinz Strunks erbärmlicher Held Dr. Roth ist ein 51-jähriger Anwalt in einem dreimonatigen Sabbatical. Die Zeit möchte er in dem Ostseebad Niendorf verbringen und seine Familiengeschichte aufschreiben, die er zuvor von den mittlerweile verstorbenen Vorfahren auf Band aufgenommen hat. Roth verfügt über Vermögen, eine Ex-Frau, die nach einer Lebenskrise gläubig geworden ist, und eine erwachsene Tochter mit Geldproblemen.

Ein Alkoholiker, die Gruppe 47 und ein Strandkorbverleih

In Niendorf, wo auch einmal ein Treffen der Gruppe 47 stattgefunden hat, auf das die Erzählung immer wieder Bezug nimmt, mietet sich Roth ein Appartement mit Meerblick. Die Situation könnte ideal sein, um vom Job Abstand zu gewinnen und zu schreiben. Doch gleich zu Beginn seines Aufenthalts gerät Roth in die Fänge des Verwalters seiner Wohnung. Breda betreibt neben der Hausverwaltung auch noch einen Strandkorbverleih und einen Spirituosenladen. Letzterer ist der Anfang von Roths Verhängnis.

Eine hinterhältige Mischung aus Fürsorglichkeit und Aufdringlichkeit

Breda ist ein schwerer Trinker, gesundheitlich angeschlagen und eigentlich ein Ekel. Allerdings gelingt es ihm mit einer hinterhältigen Mischung aus ehrlicher Fürsorglichkeit und penetranter Aufdringlichkeit, Roth in einen immer tieferen, alkoholischen Sumpf hinabzuziehen. In seinem Kielwasser trinkt Roth alles, was die Sinne vernebelt, vom Chablis bis zum Rum-Cola, und lernt dabei die Theken- und gastronomische Landschaft Niendorfs von ihren dunkelsten Seiten kennen.

Was an Heinz Strunks Roman „Ein Sommer in Niendorf“ fesselt uns?

Im Verlauf des Romans spielen eine junge, dralle Bedienung, die Roths Libido anspricht, ein liebenswertes, älteres Ehepaar, das Roth in seinem Niedergang bis zur Peinlichkeit bemuttert, sowie Bredas beleibte Freundin zentrale Rollen. Wenn man sich diese Inhaltsangabe ansieht, fragt man sich, wie es Heinz Strunk gelingt, aus diesem Grusel-Plot ein rauschhaftes Lektüreerlebnis zu kreieren.

Verhängnisvolle Entscheidungen und die Faszination des Ekels

Es sind mehrere Faktoren, die sich hier zu einem virtuosen Stück Literatur verbinden. Zunächst das Realistische an der Situation: Wie Roth aus seinem sicheren Dasein in den sozialen Morast abgleitet, ist absolut glaubwürdig. Zum Zweiten spielt Heinz Strunk auf geniale Weise mit der Faszination des Ekels. Zum Dritten leiden wir mit Roth und seinen Fehlentscheidungen mit und wünschen uns, dass er an den vielen Weggabelungen, die sich ihm bieten, einmal die richtige Richtung einschlagen möge. Natürlich tut er dies nicht.

Heinz Strunks Beobachtungsgabe ist außergewöhnlich

In seiner Schwäche wirkt Roth menschlich, wir mögen ihn, obwohl er uns am laufenden Band zum Fremdschämen zwingt. Hinzu kommt Heinz Strunks faszinierende Beobachtungs- und Beschreibungsgabe. Unbarmherzig legt er mit ihr menschliche Fehler, Lügen, Hässlichkeiten, die mitunter allzu misslungene Architektur unseres Zusammenlebens bloß. Ob der Schluss des Romans, bei dem eine Frau eine gewisse Rolle spielt, ein Happy End ist, muss jeder selbst entscheiden.

 

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