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Wege aus dem Hamsterrad - Dr. Libby im Interview über das „Rushing Woman Syndrom“

Dr. Libby

© Nacho Rivera, www.nacho-rivera.com

16. Mai 2017 | Interview: Jörg Steinleitner, Nana Klaass | Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten


Fühlen Sie sich auch manchmal überfordert, wie aufgezogen und gehetzt? Rennen Sie auch Tag für Tag wie ein Hamster im Rad, nur damit alle anderen glücklich sind? Dann könnten Sie eine Rushing Woman sein. Die Biochemikerin Dr. Libby hat diesem Phänomen ein eigenes Buch gewidmet. Im Interview mit BUCHSZENE.DE spricht sie über das „Rushing Woman Syndrom“, über die Zusammenhänge zwischen Kaffee und der Biochemie der Sexualhormone und zwischen einer überfüllten Mailbox, gestresstem Kuchenbacken und Lebensfreude.


Dr. Libby, Sie haben ein krankhaftes Phänomen entdeckt – das „Rushing Woman Syndrom“. An welchen Symptomen können Frauen erkennen, dass sie unter diesem Syndrom leiden?

Das Rushing Woman Syndrom ist das Ergebnis meiner Beobachtungen der vergangenen 20 Jahre. Mir ist aufgefallen, dass sich die Lebensgewohnheiten der Frauen verändert haben und dadurch auch ihre Gesundheit. Wie zu keiner anderen Zeit jemals zuvor, versuchen heute viele Frauen so schnell wie möglich alles für jeden zu tun. Dadurch – das machen meine Forschungen deutlich – sind die Reproduktionssysteme und Geschlechtshormone vieler Frauen unter Druck geraten.

Welche Symptome haben Sie beobachtet?

Sowohl psychische als auch physische. Es scheint gleichgültig zu sein, ob eine Rushing Woman zwei oder 200 Dinge am Tag erledigt, wenn sie sich nur in diesem gehetzten Zustand befindet. Sie ist wie aufgezogen und rennt wie ein Hamster im Rad, um ihren täglichen Kampf zu meistern. Sie hat selten das Gefühl zu gewinnen und gibt immer mehr und mehr. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, es sei nicht genug. Sie ist überfordert und manchmal fühlt sie, dass sie es nicht schafft. Manchen Frauen gelingt es, dies laut zu äußern – oder aber sie behalten es für sich und fressen es in sich hinein: hinein in ihren Magen, der sich wie zugeschnürt anfühlt. Eine Rushing Woman trinkt viel Kaffee, wenn es ihr schlecht geht; sie glaubt, ihre tägliche Dosis unbedingt bekommen zu müssen. Sie redet sich selbst ein, sie brauche das, um ihr Energielevel zu halten oder um ihr Gehirn in Schwung zu bringen, um fit zu bleiben oder auch für eine bessere Verdauung.

Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass die gesundheitlichen Probleme einer Rushing Woman noch viel weiter reichen können.

Eine Rushing Woman kann auch Probleme mit ihrer Periode haben. Zum Beispiel unregelmäßige oder klumpige Blutungen, PMS, polyzystisches Eierstocksyndrom oder eine ausgedehnte Menopause. Es ist übrigens auch nicht ungewöhnlich, dass sich diese Frauen überfordert fühlen und unter einem schwachen Kurzzeitgedächtnis leiden, um nur ein paar weitere Symptome zu nennen.

Ihr rastloser Einsatz rund um die Uhr, ihr Grundgefühl, dass nie ausreichend Zeit zur Verfügung steht, kombiniert mit einer niemals endenden To-do-Liste, hat einen derart signifikanten Einfluss auf die weibliche Gesundheit, dass ich beschlossen habe ein Buch darüber zu schreiben.

Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Frauen von dem Rushing Woman Syndrom betroffen sind?

Das liegt unter anderem daran, dass es seit einiger Zeit selbstverständlich ist, dass Frauen Arbeiten übernehmen, die früher ihre Väter erledigt haben; gleichzeitig aber haben sie all die traditionellen Aufgaben ihrer Mütter beibehalten. Das hat sich für viele Frauen zu einer extremen Doppelbelastung entwickelt, mit wenigen oder gar keinen Erholungspausen. Ihr rastloser Einsatz rund um die Uhr, ihr Grundgefühl, dass nie ausreichend Zeit zur Verfügung steht, kombiniert mit einer niemals endenden To-do-Liste, hat einen derart signifikanten Einfluss auf die weibliche Gesundheit, dass ich beschlossen habe ein Buch darüber zu schreiben. Wir Frauen können das natürlich alles meistern. Aber mein Wunsch ist es, den Menschen bewusst zu machen, dass wir unseren Körper nie zuvor so herausgefordert haben wie heute. Und das hat gesundheitliche Folgen für einfach zu viele Frauen.

Warum leben Frauen so, dass sie in diese gesundheitliche Abwärtsspirale geraten?

Die scheinbar unvermeidliche Notwendigkeit in Eile zu leben, kommt von einem eigentlich sehr schönen Wunsch – wir kümmern uns gerne um all die Menschen, die uns umgeben. Aber die tieferen Gründe liegen weiter zurück, verborgen in einer alten Geschichte. In dieser Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, heißt es, wir seien nicht gut genug, so wie wir sind. Wir seien nicht groß genug, nicht schlank genug, schön genug, schlau genug, nicht auf der Höhe der Zeit. Weil wir glauben, dass wir so wie wir sind, uns und anderen nicht genügen, verbringen wir viel Lebenszeit damit, andere glücklich zu machen und stellen deren Bedürfnisse über unsere eigenen. Wir hetzen uns ab und tun alles dafür, dass uns die anderen lieben und schätzen, weil wir hoffen, dann nicht abgewiesen, kritisiert, verachtet oder angefeindet, sondern geliebt zu werden.

Das Besondere an Ihrem Ansatz ist, dass Sie – wie bereits bei Ihren Bestsellern „Stoffwechsel-Geheimnis“ und „Stoffwechsel-Kick“ – Ihre Theorie nicht nur auf äußerliche Beobachtungen stützen, sondern auch auf medizinische und biochemische Werte. Welche medizinischen Werte können bei Frauen, die das „Rushing Woman Syndrom“ haben, verändert sein – und was lässt sich daraus ganz konkret schließen?

Stress wirkt sich direkt auf die Geschlechtshormone aus und kann deshalb zu Gesundheitsproblemen wie dem polyzystischen Eierstock-Syndrom, Unfruchtbarkeit, ausgedehnter Menopause und Wucherungen in der Gebärmutter führen; außerdem zu Erschöpfung, beeinträchtigten Drüsenfunktionen, Reizdarm, Blähbauch und Schilddrüsenunterfunktion. Dies alles lässt sich an der menschlichen Biochemie ablesen.

Was wäre die Lösung?

Wir sollten unsere Wahrnehmung von Druck und Dringlichkeit reduzieren. Dann können wir unser Hormonniveau auch wieder normalisieren. Zum Beispiel kann chronischer Stress zu einem erhöhten Cortisolspiegel (Stresshormon) und einem Ungleichgewicht bei dem Schilddrüsenhormon T3 führen. Erhöhte Cortisolwerte sind auch ein Signal an unseren Körper, die Progesteronproduktion herunterzufahren. Das bedeutet, wenn der Stress reduziert wird, finden die Geschlechtshormone wieder zu ihrem natürlichen Gleichgewicht.

„Sexualhormone können uns mit Energie und Vitalität erfüllen oder uns das Leben zur Hölle machen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Inwiefern?

Östrogen und Progesteron sind zwei Haupthormone der weiblichen Sexualhormone. Ihr Zusammenspiel hat das Potenzial, uns glücklich oder traurig, lebhaft oder ängstlich zu machen; die Haut pickeliger oder klarer aussehen zu lassen oder uns das Gefühl zu geben unsere Kleidung sitze enger oder weiter. All diesen Druck verursachen nur diese beiden Hormone! Progesteron ist das Hormon, von dem wir alle immer gerne einen vollen Tank hätten. In unserem Körper wirkt es wie ein Anti-Depressivum, es hilft gegen Ängste, es entschlackt und es erlaubt uns das eingelagerte Körperfett aus unseren Energiereserven zu verbrennen.

Könnten Sie das bitte noch genauer erklären?

In der ersten Hälfte des Menstruationszyklus‘ ist Östrogen das dominante Hormon, das das Gewebe der Gebärmutter vorbereitet. Der Eisprung erfolgt dann ungefähr am 14. Tag des Zyklus‘, wenn Progesteron als dominantes Hormon bereitgestellt wird. Aber in unserem herausfordernden Leben kann die Balance zwischen Östrogen und Progesteron leicht gestört werden, genauso wie die Tätigkeit unserer Nebennierendrüsen, in denen Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol produziert werden. Wenn dieser Fall eintritt, wird Östrogen zum dominanten Hormon in den Tagen oder Wochen vor der Menstruation und verursacht ein wahres Gefühlschaos.

 

Sie wiegen Ihre Patientinnen nie. Weshalb nicht?

Wenn man sich wiegt, wiegt man in Wirklichkeit seinen Selbstwert. Ich habe viele Frauen erlebt, die innerhalb eines Tages drei Kilo zunehmen können – es wäre untertrieben zu sagen, dass dies wenig hilfreich für deren seelisches Gleichgewicht ist. Wenn man morgens auf die Waage geht und 70 Kilo wiegt und am Abend wiegt man 73 Kilo, speziell wenn man vernünftig gegessen und auch Sport getrieben hat, dann ist es einfach nachzuvollziehen, dass man sich verzweifelt fühlt und sich fragt, wie zur Hölle das passieren konnte. Die Hormonlevel verändern sich ständig im Laufe eines Monats, sodass zum Beispiel der Flüssigkeitsanteil variiert – und das wiederum kann das Gewicht beeinflussen. Ich helfe den Leuten den Fokus weg vom Gewicht, hin zu ihrer Gesundheit zu richten. Wissen Sie, das Abnehmen wird zum ganz natürlichen Vorgang, sobald Sie sich besser um sich kümmern.

Ernährung ist für Sie der eine wichtige Punkt für einen Ausweg aus dem Rushing Woman Syndrom. Der andere ist eine generelle Verhaltensänderung. Sie halten es für notwendig, dass wir unsere Grundüberzeugungen zerpflücken. Wie soll das gehen?

Leben Sie bewusster, seien Sie achtsamer gegenüber sich selbst. Denken Sie darüber nach, was die wahren Gründe Ihres Handelns und Ihrer Entscheidungen sind. Selbstwahrnehmung anstelle Selbstverurteilung ist der erste Schritt raus aus dem Hamsterrad.

Es geht unter anderem auch darum, wie man sich persönlich wahrnimmt und wie geliebt man sich fühlt. Aber wie können wir daran etwas drehen?

Wir würden niemals mit Fremden, Freunden, Kollegen oder Familienmitgliedern so ruppig umgehen, wie wir dies manchmal mit uns selbst tun. Behandle dich selbst wie ein liebenswertes Kind. Jede Veränderung, die sich langfristig und positiv auf jemanden auswirken soll, basiert auf Freundlichkeit. Wenn wir wissen, dass wir uns selbst gut genug sind, dann behandeln wir uns auch dementsprechend; dieses Wissen verändert die Nahrung, die wir für uns auswählen, es gibt den Ausschlag, ob wir uns vom Sofa losreißen und einen Spaziergang machen, es wirkt sich auf den Job aus, für den wir uns bewerben, auf die Freunde, die wir finden und es beeinflusst unsere positiven und negativen Gedanken im Alltag sowie das Verhältnis zu unseren Mitmenschen.

Wenn man verstanden hat, warum man etwas tut, kann man sich für genau das Verhalten entscheiden, das der Gesundheit gut tut oder welches absolut unvermeidbar und notwendig ist.

Frauen sollen hinterfragen, ob sie Angst haben, etwas falsch zu machen, weil sie zum „braven Mädchen“ erzogen wurden, das immer gut und fleißig sein will. Warum halten Sie das für so wichtig?

Weil wir den Glauben und die Gründe, die die Basis unserer bewussten und unbewussten Entscheidungen bilden, nicht aus den Augen verlieren dürfen. Wenn man verstanden hat, warum man etwas tut, kann man sich für genau das Verhalten entscheiden, das der Gesundheit gut tut oder welches absolut unvermeidbar und notwendig ist.

Warum widmen Sie einen ganzen Abschnitt dem Thema „E-Mail“?

Eine überfüllte Mailbox bereitet vielen Frauen Stress und Angst. Die Frauen fühlen sich, als ob sie diese Mailbox niemals in den Griff bekommen könnten. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Zeit an keinem Tag ausreicht, um alles zu erledigen, dann wird unser Körper zwangsläufig Stresshormone produzieren; und die werden wiederum unseren Stoffwechsel beeinflussen und letztendlich darüber entschieden, ob wir uns für Fett oder Glucose als Nahrung entscheiden.

Ganz besonders gut gefallen hat mir der Abschnitt „Sinnvolle Taten“. Darin schlagen Sie Dinge vor, mit denen wir unser Leben mit Sinn füllen können – Müll aufsammeln, sich ehrenamtlich engagieren, lächeln, Kuchen backen und in ein Altenheim bringen. Was passiert mit uns, wenn wir so etwas tun?

Dinge für andere zu tun und einen Beitrag für die Welt zu leisten, ist Nahrung für unsere Seele – es bringt uns Freude und erinnert uns daran, dankbar zu sein für alles, was wir haben. Außerdem haben Studien gezeigt, dass wir nicht gleichzeitig dankbar und gestresst sein können.

Lesen Sie Teil 2 des Interviews mit Dr. Libby

Dr. Libby Autorin von Das Rushing Woman Syndrom

„Das Rushing Woman Syndrom“ – Dr. Libby über Kaffee, Diäten und ihre Wirkung auf unser Wohlbefinden

Wussten Sie, dass Kaffee den Körper in einen permanenten Alarmzustand versetzt? Die Biochemikerin und Autorin von „Rushing Woman Syndrom“ Dr. Libby über Alkohol, Diäten und was uns gut tut.
Zum Interview mit Dr. Libby

© Kimberley Archer, www.kimberleyarcher.co.uk

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