Johanna v. Wild über "Die Erleuchtung der Welt" | BUCHSZENE

„Verzehre mich in Selbstzweifeln, gehe meinem Mann auf die Nerven.“ Johanna von Wild erzählt von der Entstehungsgeschichte ihres historischen Romans „Die Erleuchtung der Welt“.

Johanna von Wild, Autorin von „Die Erleuchtung der Welt“, erzählt von Ihren Gefühlen beim Schreiben

5. Juni 2019 | Johanna von Wild

Titelbild Die Erleuchtung der Welt

© Bolko Olha shutterstock-ID:530899900

Ich wollte nicht über irgendwelche Königinnen in England schreiben.

Mai 2017. Zuerst war da nur der Wunsch zu schreiben. Ein historischer Roman sollte es werden. Eine vage Idee, aber sonst nichts. Eine weibliche historische Persönlichkeit sollte darin vorkommen. Nur wer? Es gibt ja derer viele. Aber ich wollte nicht über irgendwelche Königinnen in England schreiben, das haben schon einige vor mir getan.

Mechthild von der Pfalz – ich war gleich fasziniert von der Frau.

Dann stöberte ich doch erstmal zu Hause durch unsere Buchregale. Ein Buch fiel mir auf, das mein Mann vor zwanzig Jahren einmal geschenkt bekommen hatte. Ich schlug es auf, und Fortuna hatte ihre Hände im Spiel. „Mechthild von der Pfalz – 1419 – 1482“ heißt das Kapitel, und ich war sogleich fasziniert von dieser Frau. Ja, über sie möchte ich schreiben. Ihr Leben erzählen. Nicht als Biographie, sondern ich lasse sie von einer fiktiven Person begleiten.

Dann erste Zweifel: Wird der Verlag mein Buch überhaupt annehmen?

Okay, Laptop starten, los geht´s. Schnell sind zwanzig Seiten geschrieben, ein grobes Exposé erstellt. Dann der erste Zweifel. Wird der Verlag mein Buch überhaupt annehmen? Bisher habe ich dort nur Krimis verlegt. Egal, fragen kostet nichts. Erstmal eine E-Mail an die Programmleitung, ob überhaupt Interesse an dem Stoff besteht. Einen Tag später die Antwort: „Klingt toll. Hast du ein Exposé? Wie ist dein Zeitplan? Wir legen das Projekt an.“ Was ich bereits habe, schicke ich hin. Antwort noch am selben Abend: „Dann veröffentlichen wir im Frühjahr 2019.“

All die Ludwigs und Friedrichs – hatten die denn keinen anderen Namen?

Ich bin begeistert, und die Finger fliegen nur so über die Tasten. Schnell komme ich voran, verbringe viel Zeit mit Recherche und raufe mir die Haare, weil mich die vielen Ludwigs und Friedrichs der damaligen Zeit fast um den Verstand bringen. Hatten die denn keine anderen Namen für ihre Sprösslinge?! Okay, also erstmal Ordnung reinbringen, welcher Ludwig gehört zu welchem Stammbaum und so weiter. Macht es doch gleich etwas einfacher.

Der Herbst nähert sich und noch immer habe ich nur ein halbes Buch.

Dann kommt der Sommer, und ich verbringe lieber Zeit im Freien anstatt vor dem Laptop. Ich habe ja Zeit, muss doch erst im März 2018 abgeben. Der Herbst nähert sich und noch immer habe ich nur ein halbes Buch fertig. Außerdem muss ich das, was ich bisher geschrieben habe, erst einmal wieder lesen, bevor ich weiterschreiben kann. Weitere Recherchen, ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verzettele. So viele interessante Personen und Geschichten aus dem Spätmittelalter, auf die ich stoße. Kaufe mir Bücher, surfe durch das Netz, eine befreundete Historikerin leiht mir ein Buch über die Mode der Jahrhunderte. Alles echt spannend. Dabei fand ich Geschichte auf dem Gymnasium zum Gähnen. ‚Wahrscheinlich werde ich alt‘, denke ich, ‚wenn ich mich nun plötzlich für längst vergangene Zeiten erwärme.‘

Wie soll ich das schaffen? Ich verzehre mich in Selbstzweifeln.

Ende November sind erst zweihundert Normseiten fertig – wie soll ich das nur schaffen? Schließlich habe ich ja auch noch einen Job, einen Haushalt und ein Pferd zu versorgen. Ich verzehre mich in Selbstzweifeln, gehe meinem Mann auf die Nerven. „Bitte, lies doch mal, was ich bisher geschrieben habe.“ Er lehnt kategorisch ab, bestärkt mich aber, dass ich weitermachen soll. Glaubt an mich. Tut mir gut, und ich schreibe wieder.

Kann nicht schreiben, wenn ich nicht vollkommen alleine bin.

Weihnachten passiert nichts. Kann nicht schreiben, wenn ich nicht vollkommen alleine bin, es reicht auch nicht, nur das Zimmer zu wechseln. Brauche vollkommene Ruhe – keine Musik, kein Telefon, nichts. Erst dann kann ich in meine Geschichte abtauchen, mit meiner Protagonistin fühlen, leiden und freuen und Hassgefühle für die Bösen in diesem Roman entwickeln. Gut, dass mein Mann nach Neujahr gleich wieder an die Uni geht. Ich hab ihn ja wirklich gerne um mich, aber nicht, wenn ich schreiben will.

Mausarm! Habe aber keine Zeit zum Arzt zu gehen. Muss schreiben.

Der Abgabetermin rückt näher. Ich schreibe und schreibe, endlich fertig. Jetzt erst beginnt die Arbeit. Alles lesen. Am besten laut – dann merkt man die Fehler schneller. Worte ändern, Sätze hinzufügen, manche Dinge streichen, Grammatikfehler ausmerzen. Wieder und wieder. Das Ergebnis: RSI Syndrome, besser bekannt als Mausarm. Tut sehr weh, aber egal. Habe keine Zeit zum Arzt oder Physiotherapeuten zu gehen. Schließlich will ich meinen Probelesern das Manuskript so perfekt wie möglich in die Hand geben. Klappt auch. Meine Probeleser sind super, innerhalb von zwei Wochen habe ich alle Manuskripte zurück. Überarbeite noch zweimal, dann schicke ich das Werk an den Verlag. Und das einen Monat vor Abgabetermin!

Der Inhalt von Johanna von Wilds „Die Erleuchtung der Welt“ in Kurzform:

Heidelberg, 1427. Da Helenas Vater seine Schulden nicht bezahlen kann, verkauft er seine Tochter an einen Winzer als Magd. Dem Mädchen widerfährt Schreckliches auf dem Weingut und es flieht. Das Schicksal lässt Helena zur engsten Vertrauten von Prinzessin Mechthild von der Pfalz werden, und sie folgt ihr nach Stuttgart und Urach. Doch ihre Vergangenheit holt Helena ein, sie trifft eine falsche Entscheidung und die Freundschaft zu Mechthild wird auf eine harte Probe gestellt …

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?