T.C. Boyles "Das Licht" im Bestseller-Check | BUCHSZENE

Was geschieht, wenn sich eine Gruppe abenteuerlustiger Wissenschaftler in ein einsames Haus zurückzieht, um die Wirkung der Droge LSD zu erforschen? T.C. Boyles Roman „Das Licht“ im Bestseller-Check.

In T.C. Boyles Roman „Das Licht“ lotet ein Psychologie-Professor die Grenzen der Wissenschaft aus

24. April 2019 | Jörg Steinleitner

Das Licht

T.C. Boyle

Das Licht

ISBN 978-3-446-26164-8

384 Seiten | € 25,00

Hanser

Romantik (4/5)

Komik (3/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild Das Licht

© Mankauskas shutterstock-ID: 504333199

„Ich will das Zweite Licht sehen, ich will Gott sehen.“

Auf einer der ersten Seiten von T.C. Boyles Roman „Das Licht“ erklärt ein als „Herr Hofmann“ bezeichneter Wissenschaftler der Sekretärin seine neueste Entdeckung. Herr Hofmann ist Albert Hofmann, der Entdecker der Droge LSD. Er sagt: „… ich kann Ihnen sagen, dass ich so etwas noch nie erlebt habe. Es war, als wäre ich berauscht, urplötzlich betrunken, hier im Labor, am helllichten Tag. Aber außerdem und noch viel seltsamer: Als ich zu Hause war, habe ich alle möglichen phantastischen Formen und Bilder gesehen, sogar mit geschlossenen Augen.“

„Du nennst mich Schlampe? Du bist hier doch das Flittchen.“

Die Entdeckung von Lysergsäurediethylamid ist der Ausgangspunkt für alles, was später in „Das Licht“ passieren wird – Exzesse, Affären, Verbotenes, moralisch Fragwürdiges, Wahres, Menschliches. Aber noch etwas verbirgt sich in dieser Szene: eine Personengrundkonstellation, die T.C. Boyle in mehreren seiner Werke anwendet. Es ist die Grundkonstellation „nicht akademisch gebildete, unschuldige junge Frau trifft auf abgebrühten, wissenden Guru, der bereit ist alle bekannten Grenzen zu überschreiten“. Und wenn dieser Roman eine Schwäche hat, dann ist es diese: Mit jeder Seite, die wir in „Das Licht“ lesen, fühlen wir uns an ein anderes, vor einigen Jahren erschienenes Werk T.C. Boyles erinnert – sein Titel lautet: „Dr. Sex“.

„Er legte wie nebenbei die Hand auf ihren Schoß.“

Wer also „Dr. Sex“ kennt, den Roman, in dem T.C. Boyle ein zentrales Kapitel der wissenschaftlichen Erforschung der menschlichen Sexualität erzählt, wird sich bei der Lektüre von „Das Licht“ immer wieder denken: Diese Szene kommt mir bekannt vor. Diese Figurenkonstellation kommt mir bekannt vor. Dieser Konflikt kommt mir bekannt vor. Und obwohl „Dr. Sex“ ein wirklich brillanter Roman ist, ist es enttäuschend, in „Das Licht“ eine Art „Dr. Sex reloaded“ wiederzufinden.

„Ihr habt euch geküsst. Und aneinander herumgefummelt.“

Nach dem ersten Teil des Romans, der um Albert Hofmanns Experimente im Basel der 1940er Jahre kreist, macht T.C. Boyle einen Zeitsprung nach Cambridge und ins Jahr 1962. Hier nun begegnen wir Professor Tim Leary, dem wissenschaftlichen Guru, der den Rest der Geschichte vorantreiben wird. Allerdings ist Tim nicht die Hauptfigur, sondern sein junger Doktorand Fitz. Auch hier orientiert sich T.C. Boyle an der Figurenkonstellation, die sich in „Dr. Sex“ bereits als gut erwiesen hat. Und er geht noch weiter in der Adaption des Bewährten: An Fitz‘ Seite stellt er die etwas spießige, aber attraktive Joanie.

„Die Kürbisse ergossen Lavaströme, so dass überall Flammen züngelten.“

Um Professor Tim Leary versammelt sich bald ein Kreis junger Wissenschaftler samt ihrer Partnerinnen. Gemeinsam konsumiert man LSD; und das, was T.C. Boyle über die Sinneswahrnehmungen unter der Einwirkung der Droge erzählt, ist so zutreffend und präzise beschrieben, dass davon auszugehen ist, dass der Schriftsteller hier aus einem reichen eigenen Erfahrungsschatz geschöpft hat. Der Guru Professor Leary animiert zu immer neuen „Sessions“, die ganze Angelegenheit entwickelt sich vom chemischen Experiment zur Drogenorgie. Weil sich die Ausschweifungen immer schlechter in die geordneten Abläufe eines universitären Instituts einordnen lassen, mietet sich die Gruppe für einen Sommer in ein Haus im mexikanischen Zihuatanejo ein. Spätestens hier lockern sich die Sitten noch weiter, man trinkt zum LSD auch eine Menge Alkohol, nimmt andere Drogen, die Frauen laufen in Bikinis herum, eine starke sexuelle Komponente prägt den Alltag und die Polizei rückt an. Die Wissenschaftler werden zu Outlaws und fliegen aus dem Land.

„… den Schleier zerreißen, den Geist bereichern, seinen IQ vergrößern.“

Zurück in Cambridge verlieren der Guru und seine Gruppe allmählich das Gefühl dafür, was die Durchschnittsgesellschaft zu tolerieren bereit ist. Der Tag kommt, an dem Professor Tim Leary beschließt, mit seinen Jüngern in ein Haus in Millbrook zu ziehen. Das Leben, das sich hier entfaltet, hat mit Wissenschaftlichkeit nichts mehr zu tun. Weil T.C. Boyle all die Facetten des Drogenkonsums bis hierhin hinreichend auserzählt hat, lässt er seine Heldinnen und Helden nun – im Drogenrausch – die Freiheit der Liebe erkunden. Wir finden uns in einem hippiesken Szenario wieder, das nicht nur an „Dr. Sex“ erinnert, sondern auch an T.C. Boyles Hippie-Roman „Drop City“. Hier wie dort geht es nun um die Themen, die der „freie“ Liebe mit sich bringt: Eifersucht, Überwindung von Besitzstandsdenken und bürgerlichen Moralvorstellungen, die Herausbildung von Gruppenbewusstsein.

„Und vögeln. Wir sollen miteinander vögeln, oder?“

„Das Licht“ ist ein Roman im typischen T.C.-Boyle-Sound. Er ist genau erzählt, die Figuren werden bei der Lektüre lebendig. Menschliche Untiefen legt der amerikanische Schriftsteller mit der Souveränität des erfahrenen Romanciers frei. Allerdings bietet die Geschichte für Kenner von T.C. Boyles Werk wenig Überraschungen. Wer „Drop City“ und „Dr. Sex“ gelesen hat, ahnt von Anfang an, worauf das Drama um den Guru der Drogen und der freien Liebe hinauslaufen wird. 

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