Christoph Ransmayr „Cox oder Der Lauf der Zeit“ | BUCHSZENE

„Ich habe dieses Buch in einer einzigen Nacht durchgelesen“ – Genießen Sie eine in pathetischer und ausschweifender Sprache erzählte Geschichte aus dem fernen China, die mehr mit unserer Gegenwart zu tun hat, als wir auf den ersten Blick annehmen würden.

Christoph Ransmayrs „Cox oder Der Lauf der Zeit“

1. Dezember 2016 | Jörg Steinleitner

Christoph Ransmayr

Cox oder Der Lauf der Zeit

ISBN 978-3-10-082951-1

304 Seiten | € 22,00

Fischer

Romantik (5/5)

Komik (1/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (3/5)

Unterhaltung (4/5)

Christoph Ransmayr

© Magdalena Weyrer

Ein Uhrmacher aus London wird zum Kaiser von China gerufen. Der Machthaber konfrontiert ihn mit einem Wunsch, der so wahnwitzig ist wie gefährlich. Doch der Uhrmacher nimmt den Auftrag an. Fortan droht ihm der Tod. Diese Gefahr steigert sich umso mehr, als der Uhrmacher sich auch noch in die schönste Konkubine des Kaisers verliebt. Wird er diese doppelte Bedrohung überleben? Und falls ja: Zu welchem Preis?

„Nein, der Kaiser wollte ihren Kopf.“

Dies gleich vornweg: Wer keine langen Sätze mag, sollte die Finger von Christoph Ransmayrs Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ lassen. Allen anderen, den sprach- und poesieverliebten Lesern, den romantischen Schwelgern, den historisch Interessierten, den Uhrenliebhabern und jenen, die sich für China interessieren, sei dieses Werk unbedingt empfohlen.

Ransmayr erzählt darin die Geschichte eines Uhrmachers, den es so nie gab: Der Londoner Alister Cox ist, so erfindet ihn Ransmayer, der beste Uhrenkünstler seiner Zeit, also des 18. Jahrhunderts. Sein Alltag besteht daraus, Zeitmesser für die Reichen und Mächtigen der Epoche zu fertigen. Er ist erfolgreich und vermögend. Und doch ist er aufgeregt, als ihn eines Tages ein Auftrag aus dem fernen China ereilt: Kaiser Qíanlóng lädt Cox dazu ein, gen Osten zu reisen, um dort seine Kunst unter Beweis zu stellen. Der Uhrmacher wittert ein gutes Geschäft, willigt ein und begibt sich gemeinsam mit drei Gefährten, die selbst meisterhafte Handwerker sind, auf die lange Reise nach Peking.

„Manche Diener und Eunuchen am Hof hatten den Allerhöchsten in 20 Jahren kein einziges Mal zu Gesicht bekommen.“

Auf der langen Schiffsreise führen die Männer die kostbarsten und kompliziertesten Uhrenmodelle mit sich, die ihre Werkstätten bevorraten. Doch bei ihrer Ankunft stellen sie fest, dass der Kaiser bereits über eine gigantische Uhrensammlung verfügt und keinerlei Interesse an ihrem Angebot hat – an all den diamantbesetzten, gold und silbern schimmernden Wunderwerken der Technik, die sie eigens für ihn mitgebracht hatten.

„Ein Uhrwerk, das die Äonen der Ewigkeit messen konnte und dessen Zahnräder über alle Menschenzeit hinaus schlagen würde.“

Stattdessen beauftragt der Potentat sie mit der Fertigung einer Uhr, welche in der Lage ist, die Dauer der Ewigkeit zu messen. Die Männer, die den Kaiser wochenlang gar nicht zu Gesicht bekommen und die ihr Haus in der Verbotenen Stadt nicht verlassen dürfen, machen sich ans Werk. Doch je länger sie an dieser Uhr der Jahrhunderte werkeln, umso klarer wird: Die Fertigstellung dieses Meisterwerks könnte sie das Leben kosten. Denn wie soll es zugehen, dass einfache Handwerker, dazu noch welche aus dem fernen London, eine Uhr herstellen, welche die einzigartige Position des Kaisers als ewiger Herrscher über alle Zeiten und die Unendlichkeit in Frage stellt? Arbeiten die Männer womöglich in emsiger Blindheit auf ihre eigene Vernichtung hin? Mit Kreaturen, die seine Gottgleichheit in Frage stellen, lässt der Kaiser kurzen und brutalen Prozess machen. Schon wegen viel geringerer Vergehen wird man zu jener Zeit in China auf grausamste Weise zu Tode gefoltert.

„Die wenigen Sekunden, die Cox dieses Mädchen sehen durfte, riefen in ihm eine brennende Erinnerung wach.“

Neben der Arbeit an dieser Weltuhr, die Ransmayr in malerisch-reicher Sprache mit literarischem Pathos und betörender Genauigkeit schildert (unglaublich, welche Recherche hinter diesem Buch steckt!), erzählt der Autor auch von einer Liebe, der sein Held Cox verfällt. Er verliert sein Herz an die schönste Konkubine des Kaisers und damit an eine Frau, die für den Uhrmacher aus London beinahe ebenso gefährlich werden könnte wie die perfekte Uhr, an der er arbeitet. Denn natürlich hat niemand die Frau des größten Herrschers der Welt zu begehren, schon gar kein Uhrmacher aus London.

„Er schlug die Augen auf und sah das Gesicht der unberührbarsten, verbotensten Frau des Reiches.“

Zudem beschreibt Ransmayr den Wahnwitz des Lebens am Hof eines Gottkaisers, für den Menschenleben nichts zählen und dessen Herrschaft mit beispielloser Gewalttätigkeit durchgesetzt wird. Dies allein wäre schon packend genug. Doch scheint es, als hätte Ransmayr beim Erzählen noch an eine zweite Wahrheit jenseits der literarischen Oberfläche gedacht, als er diesen parabelhaften Roman schrieb: Denn hin und wieder kredenzt er auch Sätze und Bilder, die den Leser unweigerlich an die Zustände der Gegenwart erinnern, an die heutigen Herrscher und Knechte, an das mitunter skrupellose Ringen der Mächtigen der Welt um Einfluss und Ansehen und an ihre Bereitschaft in allerletzter Konsequenz auch über Leichen zu gehen. Insofern ist dieser historische Roman auch brandaktuell.

In diesem Beitrag geht es um:
Christoph Ransmayr

Geboren 1954 in Wels/Oberösterreich, studierte Christoph Ransmayr Philosophie und Ethnologie und arbeitete als Journalist. 1982 erschien sein erster Roman. Seither veröffentliche er mehrere Bücher, für die er u.a. mit den nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Auch viele internationale Auszeichnungen schmücken seine Vita, so etwa der Prix Aristeion der… Weiterlesen »


Zur Biografie von Christoph Ransmayr


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