Eine spannende und nicht selten verstörende Lektüre
Ich habe Christoph Poschenrieders Roman „Ein Leben lang“ in einer Nacht gelesen. Eigentlich wollte ich schlafen, aber dieses Buch, das auf dem wahren Münchner „Parkhaus-Mord“ basiert, ist eine spannende und nicht selten verstörende Lektüre, die ihre ganz eigene Sogkraft entwickelt.Der Fall erregte wegen seiner Brutalität Aufsehen
Im Jahr 2006 wurde die Eigentümerin eines nur wenige hundert Meter vom Münchner Marienplatz gelegenen Parkhauses ermordet. Die Frau wurde mit einem stumpfen Gegenstand, vermutlich mit so etwas wie einem Baseballschläger, erschlagen. Der Prozess erregte großes Aufsehen. Zum einen wegen der Brutalität und Blutigkeit der Tat; zum anderen, weil schon sehr bald der Neffe des Opfers ins Visier der Ermittlungen geriet, der eigentlich als Erbe der kinderlosen Millionärin vorgesehen war. Als Motiv stand die Drohung der Ermordeten im Raum, den jungen Mann zu enterben, weil er sein Jurastudium abgebrochen und dies über Monate verheimlicht hatte. Und schließlich spielte auch noch die Gruppe bester Freunde des Tatverdächtigen eine Rolle: Sie hielten den Prozess an der Öffentlichkeit und kämpften um den Ruf ihres Vertrauten.Christoph Poschenrieder hat ein wesentliches Detail verändert
In Christoph Poschenrieders Roman ist das Opfer keine Frau, sondern ein Onkel des Tatverdächtigen. Ansonsten hat der Schriftsteller, der in den vergangenen Jahren mehrere Bestseller verfasst hat – darunter „Der unsichtbare Roman“ und „Mauersegler“ – wenig an den Tatsachen verändert. Man kennt die Geschichte also, sofern man seinerzeit die mitunter sensationsheischende Berichterstattung über den Münchner Parkhaus-Mord verfolgt hat. Umso erstaunlicher ist es, dass man Christoph Poschenrieders Ausführungen dennoch wie gefesselt folgt. Woran liegt das?In „Ein Leben lang“ werden Leser und Leserin selbst zu Ermittlern
Der Autor weicht in seiner Erzählweise von der üblichen Prosa ab. Sein Text setzt sich zusammen aus „Aussagen“ der besten Freunde des Tatverdächtigen, seines Anwalts und des Tatverdächtigen selbst, die er wohl in Gesprächen und Schriftwechseln mit ihnen gesammelt hat. Ich selbst habe diese Montagetechnik in meinem Kriminalroman „Der Fall Augustin Stiller“ auch einmal angewandt. Entscheidend für den Erfolg dieser Art zu schreiben, ist die Anordnung der einzelnen, in Gesprächen mit den „Zeugen“ gewonnenen Erkenntnisse. Hier darf man auf keinen Fall zu viel auf einmal verraten, sondern die teils widersprüchlichen Informationen Happen für Happen an die Leserinnen und Leser weitergeben. So werden sie selbst zu Ermittlern.Dieser Roman hat die Qualität, einen die ganze Nacht wach zu halten
Ein Leben lang
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