
Die Wahrheit ist immer noch schlimmer
Als Krimiautorin begehe ich im Kopf brutale Morde und löse sie dann gleich selbst. Ich fühle mich dabei zuweilen ein bisschen wie eine gespaltene Persönlichkeit. In meinem neuesten Roman „Bis er gesteht“ jedoch gehe ich zurück zu meinen Wurzeln als Gerichtsreporterin: Es handelt sich um eine literarische Nacherzählung eines wahren Kindermordes.
Ich habe einen eigenartigen Beruf. Zum Rüstzeug, das ich als Krimiautorin benötige, gehören eine morbide Ader, eine überbordende Fantasie, eine tendenziell gespaltene Persönlichkeit, eine gehörige Portion Größenwahn und eine Faszination für das Böse. Ich verdiene mein Geld, indem ich in meinem Kopf ausgeklügelte Verbrechen oder gar brutale Morde begehe und sie dann auch gleich selbst löse. Ich schlüpfe in die Rolle von Personen, die es gar nicht gibt, die ich selbst erfunden habe, und springe beim Schreiben wortwörtlich ständig von einer fiktiven Figur in die andere.
So stecke ich beispielsweise auf Seite 20 im Kopf des von mir erschaffenen Mörders und begehe auf möglichst clevere Art und Weise einen hinterhältigen Mord, vorsichtig darauf bedacht, dass mir keiner auf die Schliche kommt. Auf Seite 40 wiederum schlüpfe ich in die Figur des Polizisten, der am Tatort eintrifft und keine Ahnung hat, wer dieses Blutbad angerichtet hat. Er will den Kerl um jeden Preis erwischen – obwohl im Täter derselbe Mensch steckt wie im Polizisten selbst, nämlich ich.
Wenn mir eine von mir ausgedachte Person auf die Nerven geht, kann ich sie mit ein paar Sätzen um die Ecke bringen – oder ich mache sie zum Mörder und lasse sie auffliegen und im Gefängnis landen. Ich kann völlig frei entscheiden, wer gut ist und wer böse, wer überlebt und wer stirbt. In meiner Geschichte bin ich das Schicksal, das über alles bestimmt, und das ist mitunter ein großes Vergnügen.
Dabei lege ich eine nicht unerhebliche kriminelle Energie an den Tag. Damit mir das Morden im Kopf möglichst glaubwürdig gelingt, gehe ich so vor, wie auch ein Mörder vorgehen würde: Ich bereite mich seriös auf die Tat vor. Tatsächlich bin ich überrascht, dass ich nicht längst verhaftet worden bin, zum Beispiel wegen „strafbarer Vorbereitungshandlungen“ zu Mord, was mir eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren einbringen könnte.
Würde die Überwachung der E-Mails und der Telefone so funktionieren, wie es sich manche unserer Politiker wünschen, hätten längst zwei Polizisten vor meiner Tür gestanden und freundlich, aber bestimmt gesagt: „Frau Brand, könnten Sie bitte mitkommen?“ Würde die Polizei meinen Laptop beschlagnahmen, würde sie feststellen, dass ich mir in den letzten Monaten die Finger wundgegoogelt habe mit Sucheingaben wie: „Mord, der aussieht wie Suizid“, „Suizid, der aussieht wie Mord“, „Mord durch Aufhängen an den Füßen“ oder „Wie mache ich eine Leiche unidentifizierbar?“.
Auch mein reger Nachrichtenaustauch mit Kriminalexperten macht mich höchst verdächtig: Weil das Internet mit meinen Fragen oft überfordert ist, habe ich mir Freunde zugelegt, die es besser wissen. Meine Lieblingshelfer sind ein Fahnder und ein Rechtsmediziner. Sie decken mich ein mit weisen Ratschlägen, mit Fachliteratur und realen Bildern zum Thema – die Art von Fotos, bei denen ich reflexartig den Laptop zuklappe, wenn ich die E-Mail ungeschickterweise in einem Café öffne. Ich habe bei meinen Recherchen als Krimiautorin gelernt, wie man aus der Thujahecke im Nachbarsgarten einen tödlichen Giftcocktail herstellen kann, der ein brutales Sterben verspricht. Und ich weiß dank dem Rat zweier Mediziner, wie der nahezu perfekte Mord aussieht. Was ich an dieser Stelle natürlich nicht verrate.
Gut möglich, dass Sie nun denken, ich sei kein netter Mensch. Ich sei nicht nur morbide, in mir schlage gar ein kaltes Mörderinnenherz. Tatsächlich wäre ich nicht die erste Krimiautorin, die es nicht beim Morden im Kopf belässt, sondern auch im realen Leben zur Waffe greift. Die US-Autorin Nancy Crampton-Brophy etwa publizierte eine Glosse mit dem Titel „Wie man seinen Mann ermordet“ – jetzt ist sie wegen Mordes angeklagt, weil sie ihren Gatten umgebracht haben soll.
Im Zweifel für die Angeklagten lässt sich aber sagen: Kriminelle Krimiautoren sind die Ausnahme. Was mich selbst anbelangt, kann ich Ihnen versichern: Obwohl ich mir bereits zahllose Morde ausgedacht habe, werde ich mein Bestes tun, meine mörderischen Pläne im realen Leben nie in die Tat umzusetzen. Tatsächlich bin ich nämlich ein friedliebender Mensch. Manche nennen mich gar ein sonniges Gemüt. Ich bin im Streiten gänzlich unbegabt und kann wortwörtlich keiner Fliege etwas zuleide tun. Einzig die Sache mit der morbiden Ader kann ich nicht abstreiten, in diesem Punkt bekenne ich mich schuldig.
Allerdings plädiere ich auf mildernde Umstände, denn zu meiner Verteidigung kann ich anführen, dass die Veranlagung familiär bedingt ist: Mein Vater war Bestatter. Doch allein mit der Berufswahl meines Vaters lässt sich meine Faszination für das Böse nicht erklären. Woher sie kommt, ist schwierig zu eruieren. Womöglich haben mich die schrecklichen Verbrechen in den 1980er Jahren geprägt, als in der Schweiz etliche Kinder verschwanden und manche tot und andere nie mehr gefunden worden sind. Ich erinnere mich, wie ich als Dreikäsehoch in die Gesichter auf den Vermisstenanzeigen blickte – lachende Kinder so alt wie ich – die von einer auf die andere Sekunde spurlos verschwunden waren.
Das war für meinen Kinderkopf verstörend, unfassbar und faszinierend zugleich; dass etwas sein konnte, das nicht sein durfte in einer heilen Welt. Die wahren Verbrechen um die verschwundenen Kinder wurden mir denn auch zur Inspiration für meinen im April 2021 erschienenen Thriller „Der Bruder“. Oder aber ich wurde als Jugendliche durch den Mord in der Berner Gemeinde Kehrsatz „kriminalisiert“. Der Fall war in Bern ein mediales Dauerthema und teilte die Gesellschaft in zwei Lager: Die einen, die an die Unschuld des verhafteten Ehemanns des Opfers glaubten, und die anderen, für die er der Täter war.
Es war der erste Kriminalfall, bei dem ich im Gerichtsaal saß, während ich die Schule schwänzte. Noch ahnte ich nicht, dass ich fast dreißig Jahre meines Lebens als Kriminalreporterin unterwegs sein würde. Heute kann ich nicht mehr zählen, wie viele Gerichtsprozesse ich mitverfolgt habe, wie vielen Mördern ich begegnet bin. Zweifelsohne ist mir meine Erfahrung als Gerichtsreporterin beim Schreiben von Krimis von großem Nutzen. Fast jeder meiner Romane ist entweder durch einen wahren Kriminalfall inspiriert oder ein reales Verbrechen fließt als Nebenfall in das Buch ein.

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