Was, wenn zwei einander lieben, aber irgendwann feststellen, dass in der Generation ihrer Großeltern zwischen ihren Familien etwas Furchtbares geschehen ist? Ira Loh über ihren Roman „Auf doppeltem Boden“.

Ira Loh im Interview über ihren Roman „Auf doppeltem Boden“ – es ist ihr literarisches Debüt

8. September 2021 | Jörg Steinleitner

Auf doppeltem Boden

Frau Loh, Ihr Roman „Auf doppeltem Boden“ beginnt mit einer dramatischen Szene: Zwei junge Männer werfen zum Spaß eine junge Frau ins Wasser eines Münchner Sees, und diese taucht nicht mehr auf. Bei der gemeinsamen Rettungsaktion lernen sich Ihre Protagonisten Katharina und Jens kennen …

… und da zeigt sich schon, wie unterschiedlich die beiden sind: Jens packt an, freut sich, dass sie die Frau gerettet haben. Katharina wird auf ihre Art „polnisch“, melancholisch, denkt an ihre gestorbene Großmutter. Diese war für die Zwanziger Jahre in Polen eine sehr emanzipierte Frau, bis sie nach Deutschland geflohen ist.

Da ist uns Jens, der Anpackende, doch viel sympathischer als die zögerliche, sinnierende Katharina, oder? Sie müssen noch viel streiten, die beiden, bis sie sich annähern können. Was macht ein Jens, wenn sich Probleme nicht positiv lösen lassen? Wie soll Katharina jung werden, wenn sie sich mit der Last der letzten Generationen herumschlägt?

Zunächst entwickelt sich die Liebe zwischen Katharina und Jens euphorisch. Dies, obwohl Jens noch in einer anderen Beziehung steckt. Die beiden sind sehr gegensätzliche Menschen: Katharina studiert Geschichte, Philosophie und Germanistik und geht gern ins Detail. Jens hat seinen ersten Job in der IT und als Betriebswirt und hat eine luftigere Haltung zum Leben. Sie sind Psychotherapeutin. Deshalb die Frage: Ziehen sich solche Gegensätze wirklich an?

Stabiler sind Paarbeziehungen, wenn es viele Übereinstimmungen gibt. Spannender und gewinnbringender ist es, wenn es einem Paar gelingt, Gegensätze auszuhalten. Die Partnerschaft wird zur täglichen „Dehnübung für die Psyche“. Das fängt bei der Frage an, wie viel Zahnpasta auf die Bürste soll und endet bei der Frage, ob und wie viele Kinder man will – noch lange nicht.

Ihr Roman spielt in den 90er-Jahren. Sie nutzen diese Zeit als lebendiges Hintergrundbild für Ihre Handlung. Was zeichnet für Sie diese Jahre aus? Waren wir „andere Menschen“?

Die 90er waren politisch die Kohl-Ära, modisch waren die Schulterpolster gerade überholt, musikalisch war viel Pop oder Alternativ-Pop zu hören. Ich persönlich verbinde mit den 90ern eine Hemmung. Nichts war so schlimm, dass ich dagegen in Aktion treten musste, nichts war so gut, dass ich mich identifiziert und angeschlossen hätte. Jens ist ein Vertreter dieser Ziellosigkeit, ihm bleibt, wie Katharina das ausdrückt, nur der Kleinste aller Heldenträume: die Karriere.

Jens zieht, so scheint es zunächst, die Liebe zu Katharina vor, obwohl seine Ex Claudia ihm in ihrer Unternehmerfamilie einen sozialen Aufstieg ermöglicht hätte. Katharina und er führen gebildete Gespräche über Literatur, Kulinarik und Philosophie. Sie zitieren viele Werke und Gedanken. Haben Sie dies alles im Kopf parat oder steckt da auch Recherche mit drin?

Ich habe zwei Diplom-Studiengänge abgeschlossen: Theologie und Psychologie. Das Theologiestudium beinhaltet viel Philosophie. Die philosophische Art des Denkens, auf die Meta-Ebene zu gehen, unabhängig von den Inhalten zu reflektieren, was strukturell passiert, ist mir geblieben. Katharina „profitiert“ davon, stellt Überlegungen zu allem an, sie nervt auch damit. Recherche war bezüglich der deutsch-polnischen Geschichte zur Zwischenkriegszeit und Kriegszeit notwendig. Die Ergebnisse haben mich, obwohl ich vorher dachte, dass ich bewandert wäre, überrascht. Ich wusste nicht, dass Wehrmacht und SS gleichzeitig in den Osten eingerückt sind und die Liquidierung der „slawischen“ Bevölkerung systematisch betrieben haben.

Je tiefer man in den Roman eindringt, umso klarer kristallisiert sich heraus, dass die Geschichte der Großeltern von Katharina und Jens eine Rolle auch in ihrer Liebe spielen wird: Katharinas Großmutter war Polin, ihr Ehemann wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten erschossen. Jens‘ Großvater war ein deutscher Soldat.

Das Spannende ist meines Erachtens, dass Jens‘ Großvater keine bedeutende Position während des Nationalsozialismus innehatte. Er war ein deutscher Soldat, der schuldig wurde und dies in der Nachlese mit seinen Leiden während des Krieges aufwiegt. Wir wissen, dass unsere Großväter (oder Väter) Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, nur der eigene hat mehr gelitten als verbrochen. Subjektiv stimmt das. Hätten – so frage ich mich – nicht gerade diejenigen, die keine Schlüsselpositionen innehatten, uns Kindern und Enkeln lebendiges Zeugnis geben können? Mehr als die öffentliche Erinnerung hätte uns beeindruckt, wenn der eigene Vater oder Großvater uns in die Augen geschaut und erzählt hätte: „Es war fürchterlich, was wir im Osten angerichtet haben. Wir haben Dörfer abgebrannt, wir haben gelyncht und gruppenweise massakriert, bevor wir überhaupt auf nennenswerten Widerstand gestoßen sind. Wir sahen es als Taten des Muts. Wir wollten Herrenmenschen sein.“      

Die Darstellung der Zärtlichkeiten und Erotik zwischen den Liebenden gelingt Ihnen sehr gut: Sie beschreiben romantisch, aber nicht kitschig; es ist genau, aber nicht zu gegenständlich. Fällt es Ihnen leicht, solche Szenen zu entwerfen?

Vielen Dank für das Kompliment! Es ist nicht leicht, Erotik zwischen konkreter Beschreibung und Erleben oszillieren zu lassen. Unabhängig von den Liebesszenen würde ich den Roman inzwischen sprachlich enger an die Kandare nehmen. In Seminaren wurde mir ersichtlich, dass wir – schreiberisch – jungen Autor*innen noch eher der Verlockung erliegen, ein Adjektiv zu viel einzufügen. Bei der Nachlektüre meines Romans lasse ich diesen jungen Duktus durchgehen. Es ist ein herzliches Buch. 

Aus Ihren Beschreibungen spricht eine große Liebe zu München und seinem Umland. Sie lassen Ihre Figuren am Feringasee und im Englischen Garten, in Haidhausen, Schwabing und Bogenhausen unterwegs sein. Hätte Ihr Roman auch in einer ganz anderen Stadt spielen können?

Hätte der Roman in einer anderen Stadt gespielt, wäre er anders geworden. Ich lebe seit gut zwanzig Jahren in München, mag das Urbane und das Landhafte dieser Stadt. Für die Münchnerinnen sind die Orte wiedererkennbar, mit Formulierungen habe ich das versucht, was andere vom Fotografieren kennen: den Ort, die Stätte zu erfassen. Ich bin auch nach Polen gereist, habe Kozienice, Jadwigas (Katharinas Großmutter) Heimatstadt gesehen und mich sehr vertraut gefühlt. „Hier also ist Jadwiga aufgewachsen“, dachte ich. Ich mag den Ort, um Jadwigas Willen. Dabei ist alles erfunden.

„Auf doppeltem Boden“ ist Ihr literarisches Debüt. Eigentlich sind Sie Psychotherapeutin. Wie vertrug sich die Arbeit an dem Roman mit Ihren sonstigen Verpflichtungen? Wie lange haben Sie an ihm geschrieben und hatten Sie bestimmte Schreibrhythmen oder -zeiten?

Wenn ich sage, dass ich vier Jahre an meinem Debütroman geschrieben habe, sagt das wahrscheinlich wenig aus. Ich schreibe in Pausen, die länger als eine halbe Stunde sind. Als Psychotherapeutin übe ich das viele Stunden am Tag: Ich tauche in die Wirklichkeit anderer ein, leuchte die Veränderungsmöglichkeiten aus, gehe dann auch wieder weiter. Auch beim Schreiben brauche ich keine lange Anlaufzeit, die Handlung und die Figuren sind mir im Hintergrund parat, Dialoge verfolgen mich, Sätze stellen sich ein. Diese notiere ich dann schnell im Smartphone, sie sind sonst weg; immer das Gefühl, dass ich die schönsten Worte und Sätze verloren habe, weil ich mir sicher war, sie fielen mir später auch noch ein. Ich kann aber nicht stundenlang schreiben, brauche dafür etwas kreative Kraft, die bei längerem Sitzen erlahmt. Außer im Zug. Zugfahrten deuchen mich inzwischen immer zu kurz. Mein Mann unterstützt mich und nimmt mir vieles ab. Unsere beiden Kinder sind schon volljährig, als sie kleiner waren, hätte ich nicht schreiben können. 

In einem Erstlingsroman steckt meist mehr Herzblut und mehr von einer Autorin oder einem Autor selbst Erlebtes als in späteren Werken. Könnte dies auch bei „Auf doppeltem Boden“ so sein? Gibt es Teile der Geschichte, die Sie selbst direkt erfahren haben?

Ich glaube, dass ich mit diesem Roman auf den Spuren meines Vaters bin. Er war einer jener, die keine verantwortliche Funktion während der NS-Zeit innehatten, wurde im Alter von siebzehn Jahren in den Krieg eingezogen, als schon der Rückzug angesagt war. Er war nie in der Hitlerjugend, im Feld war er Koch, kam nach der Kapitulation in russische Kriegsgefangenschaft. Von ihm erbettelte ich als Kind das Lernen russischer Zahlen, in meiner Jugend las ich bevorzugt die Werke russischer Schriftsteller. Es gab und es gibt eine Sehnsucht, den Osten zu besuchen. Mein Vater hat in Polen und Russland seine Jugend verloren, hat später „natürlich“ nicht viel berichtet. Es gab noch etwas zu erzählen, was er ausgelassen hat.

Wie geht es jetzt weiter mit der Schriftstellerin Ira Loh?

Im Moment schreibe ich die Geschichte der zweiundzwanzigjährigen Psychologiestudentin Luise, die dabei ist, die Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater in der Psychotherapie zu überwinden. Viele im fiktiven Dorf Dinkelbruck haben von den inzestuösen Handlungen gewusst.

Es wird ein personal erzählter Roman in vier Perspektiven, auch der Vater Luises bekommt eine eigene Stimme. Luise wird auf der Landstraße überfahren, ist schwer verletzt, Fahrerflucht. Angesichts der Überlegungen, ob jemand aus Dinkelbruck Luise überfahren haben könnte, schauen die Figuren – beim jeweils anderen – genauer hin, werden durch die Geschehnisse dazu gezwungen, auch bei sich selbst (Mit-)Schuld einzugestehen.


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