Jörg Maurer: Am Tatort bleibt man ungern liegen. Interview | BUCHSZENE

Im Interview über seinen Alpenkrimi „Am Tatort bleibt man ungern liegen“ gibt Jörg Maurer Geldanlagetipps, er verrät, was er als Putzfrau tun würde und wer ihn als „Sandalengesicht“ bezeichnete.

Jörg Maurer im Interview über seinen neuen Alpenkrimi „Am Tatort bleibt man ungern liegen“

14. Oktober 2019 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Am Tatort bleibt man ungern liegen

© Steve Cukrov shutterstock-ID: 106156229

Herr Maurer! Aufgebohrte Schließfächer, Sex zwischen Tresoren und kriminelle Schließfachinhalte – in Ihrem Kriminalroman „Am Tatort bleibt man ungern liegen“, spielt die KurBank von Jennerweins Heimatort eine finstere Rolle. Ist unser Geld bei der Bank noch sicher?

Wie kommen Sie denn da drauf? Überhaupt nicht! Aber das war doch noch nie so!

Welche vernünftigen Möglichkeiten, Geld sicher aufzubewahren, empfehlen Sie als Kriminalexperte?

In diesem Fall ist es von Vorteil, in Alpennähe zu wohnen. Da gibt es schroffzackige Steilwände, uneinsehbare Felsnischen und verschwiegene Hochwälder, in denen Barschaften gut zu verstecken sind, ohne dass man groß Angst vor Minuszinsen haben müsste. Auch Draghi und Lagarde kommen da nicht ran, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gute Kletterer sind.

Eines der Opfer Ihres neuen Krimis – es ist der Jennerwein-Band Nummer 12 – stirbt in einem Café des Kurorts, am helllichten Tag. Sie leben ja auch in diesem Kurort. Gehen Sie noch in Cafés oder ist Ihnen das längst zu gefährlich?

Eine alte Bauernweisheit sagt, dass man ein Café, in dem gerade ein Mord passiert ist, getrost betreten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dort einem erneuten Angriff zum Opfer fällt, ist äußerst gering. Also frage ich immer diesbezüglich nach, bevor ich meinen Kaffee bestelle.

Das Opfer im Café hat einen sündhaft teuren Panama-Hut auf dem Kopf, der in der weiteren Geschichte noch zu erstaunlichen Verwicklungen führen wird. Wir haben Sie noch nie mit Hut gesehen. Haben Sie eigentlich ein Hutgesicht?

Meine Mutter hat früher immer gesagt, dass ich ein Sandalengesicht habe.

Besser als ein Hausschuhgesicht. Aber tragen Sie Hüte? Kappen? Fahrradhelme? Schlafmützen?

Sie zwingen mich quasi zu dem Wortspiel, dass ich früher Kapp-arettist war. Zufrieden?

Einer der Höhepunkte der Geschichte befindet sich nicht auf einem Gipfel, sondern im norwegischen Meer – inklusive Seebestattung durch die Firma Grasegger und inklusive auch einer überraschenden Leiche. Aber nicht nur das: Sie schicken Jennerwein sogar auf ein Schiff! Wird er da nicht seekrank?

Nein. Wer in den Bergen seinen Mann steht, der versagt auch auf hoher See nicht. Ebenfalls eine alte Bauernweisheit, glaube ich.

Was hat der Berg, was das Meer nicht hat?

Wie lange ich auf diese Frage gewartet habe! Nach der Einsteinschen Relativitätstheorie läuft die Zeit nicht überall gleich ab, die Gravitationskraft etwa verlangsamt den Gang von Uhren. Auf einem hohen Berg vergeht die Zeit deshalb schneller als an der Meeresküste – die große Beliebtheit der Alpen rührt vielleicht daher. Es ist allerdings nicht gerade viel, etwa eine neunzigmilliardstel Sekunde, also ein winzig kleiner Augenblick, den man vom Gipfel älter, gereifter und weiser ins Tal zurückkommt. Aber ist nicht oft gerade ein kleiner Augenblick entscheidend im Leben eines Menschen?

Durch Ihren Krimi spuken zwei tragische Figuren der Literaturgeschichte – Don Quichotte und Sancho Pansa. Wie sind die da hineingeraten? Das müssen Sie erklären!

Das weiß ich selbst nicht so genau, wie die da reingekommen sind, auf einmal waren sie da. Ich habe meinen Schreibtisch nur ein paar Minuten unbeaufsichtigt gelassen. Als ich wieder zurückgekommen bin, waren sie auf dem Spielfeld.

Neben dem Kellner mit dem Panama-Hut, der bis zu seinem Tod seltsamerweise in einer teuren Villa residiert, überlebt auch die Putzfrau Alina Rusche diesen Roman nicht. Sie verkehrte in den Häusern der Reichen des Kurorts und auch in bereits erwähnter Bank. Wenn Sie Putzfrau wären, Herr Maurer, wie wäre das?

Ich würde in den Putzpausen einen Putzfrauen-Roman schreiben, der Titel lautete „Rein!“

Es gibt da auch noch die Figur Swiff in „Am Tatort bleibt man ungern liegen“. Der ist ein Nerd, der sich ziemlich gut mit Computern und Mini-Kameras auskennt. Sie schreiben ja erstaunlich souverän über all diesen Technikkram. Interessieren Sie sich auch privat für solche Dinge?

Ja klar. Früher musste man alles mühsam im Internet recherchieren. Heute geht man in die Staatsbibliothek, zeigt seinen alten Studentenausweis vor und lässt sich Bücher über neueste Technologien bringen.

Was ist Ihr modernstes technisches Gerät im Haus und inwiefern bereichert es Ihr Leben?

Ich habe zu Weihnachten eine kleine Drohne geschenkt bekommen. Sie hat sogar einige Bordwaffen, natürlich nur zur Selbstverteidigung. Ich habe sie aber ehrlich gesagt schon lange nicht mehr gesehen.

Ihr Plot ist ziemlich kompliziert. Haben Sie den bereits vor der Niederschrift komplett durchgeplant – oder ist diese verwickelte Geschichte während des Schreibens entstanden? In welchen Schritten entstehen Ihre Geschichten?

Ich arbeite nach dem Zellteilungsprinzip. Dabei fange ich mit dem Satz genau in der Mitte des Buches an. Beispiel: „Aber ist nicht oft gerade ein kleiner Augenblick entscheidend im Leben eines Menschen?“ Jetzt suche ich mir Sätze, die logisch vor und hinter diesen Satz passen, bis ich jeweils am Anfang und am Ende des Romans angelangt bin. Nach diesem bipolaren Prinzip wachsen schließlich auch DNA-Ketten, Eizellen, Pyramiden, Weltreiche, Fangemeinden, Vertriebswege und Seuchen. Warum also nicht Romane!

Ja, was man alles erfährt! Wie aber kommen Sie dann zu diesem Mittelsatz: „Aber ist nicht oft gerade ein kleiner Augenblick entscheidend im Leben eines Menschen?“

Das ist der schwierigste Teil beim konzentrischen Romanschreiben. Das dauert oft Monate. Dazu suche ich belebte Orte auf und versuche, zentrale Aussagen aufzuschnappen. Den Satz „Aber ist nicht oft gerade ein kleiner Augenblick entscheidend im Leben eines Menschen?“ habe ich letztes Jahr in der Kölner Fußgängerzone gehört, er ist zum Kernsatz und Motor meines neuen Romans geworden.

Und auch irgendwie zum Kernsatz dieses Interviews.

Ja, sehen Sie. Und jetzt schauen Sie mal aus dem Fenster. Was sehen Sie da?

Oha! Einen kleinen Flugkörper mit vier Beinen und einem Propeller. Er kommt näher. Ein bewegliches Rohr schwenkt in meine Richtung …

Herr Steinleitner, ich danke Ihnen für das Interview.

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