Jörg Maurer im Interview über Jennerweins 10. Fall "Am Abgrund lässt man gern den Vortritt"

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Jörg Maurer im Interview über Jennerweins 10. Fall "Am Abgrund lässt man gern den Vortritt"

Jörg Maurer Am Abgrund lässt man gern den Vortritt

© Gaby Gerster

23. März 2018 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten


Jörg Maurer im Interview – über seinen Jubiläums-Jennerwein „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“, Carpaccio vom menschlichen Hals, Totenscheine und die jodelnde Sennerin, die ihn täglich weckt.


Herr Maurer, laut dem Titel Ihres neuesten Hörbuchs lassen Sie „am Abgrund gern den Vortritt“. Meinen Sie, dass nach dieser Aussage noch irgendwer mit Ihnen eine Bergtour machen wird?

Das hat sowieso noch niemand getan. Das heißt: getan schon, aber man hat nichts mehr von ihm gehört. Das heißt: gehört schon, aber wie halt! Nämlich nicht im Feuilleton, sondern im Polizeibericht.

Es ist für Kommissar Jennerwein der zehnte Fall. Wie behält man da den Überblick?

Genau deshalb gibt es zu diesem Hörbuch-Jubiläum ein besonderes Schmankerl: eine Bonus-CD, mit der man ins gesamte Jennerwein-Universum eintauchen kann. Neben Ausschnitten aus den ersten neun Fällen lernt der Hörer den Kurort und seine besonderen Bewohner besser kennen. Und er erfährt so einiges über die Tücken beim Hörbuch-Einlesen.

Lassen Sie uns ein wenig auf die vergangenen Jahre blicken: Was hat sich durch Jennerwein in Ihrem Leben verändert?

Ich glaube, ich habe mich langsam aber sicher in Kommissar Jennerwein verwandelt. Letztens war ich zu einer Party eingeladen. Ich wurde misstrauisch beäugt. Der Gastgeber sagte: „Kommt Herr Maurer denn nicht?“

Sehen Sie die Welt eigentlich auch mit anderen Augen, seit Sie sich Kriminalgeschichten ausdenken? Wittern Sie hinter jeder Bargeldabhebung in der Kreissparkasse einen Schwarzgeldskandal und hinter jedem Parkspaziergänger, der sein Gesicht unter einem Regenschirm verbirgt, einen Serienmörder?

Ja, ich gehe seitdem ganz ungern im Park spazieren. Und eine Sparkasse besuche ich schon lange nicht mehr. Ich verstecke mein Geld in den Bergen, wie das Bestattungsunternehmerehepaar Grasegger.

Im Werdenfelser Land gehen Gerüchte um, Jörg Maurer sei mit wachsendem Erfolg etwas dekadent geworden. Stimmt es, dass Sie sich jeden Morgen von einer jodelnden Sennerin wecken lassen, damit Sie in Schreibstimmung kommen?

Aber Herr Steinleitner, wie reden Sie denn von meiner Frau!

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

Krautspätzle, Richard Wagners Vorspiel zu Lohengrin, Gemälde von Botticelli, einige Stellen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, …

Und was inspiriert Sie beim Hörbuch-Einsprechen?

Wenn der Soundtechniker oder die Regisseurin lachen müssen. Dann weiß ich, dass ich den richtigen Ton getroffen habe.

Sie haben ja alle zehn Hörbücher selbst eingesprochen. Da wird es doch wohl eine Anekdote geben!

Na klar, gleich bei meinem ersten Hörbuch „Föhnlage“ bin ich voller Erwartung und gut gekleidet ins Studio gekommen. Nach ein paar Minuten meinte der Soundtechniker: „Da raschelts!“ Wir haben dann herausbekommen, dass es mein neues Hemd war, und mir blieb nichts anderes übrig, als die Aufnahme mit freiem Oberkörper zu beenden. Ich hoffe, man hört’s nicht.

Darf ich aus Ihrem neuesten Hörbuch zitieren: „In gleichförmigem Abstand von ein oder zwei Sekunden ertönte ein Tropfen und Schmatzen, es klang, als wenn jemand Quark auf den Boden pfefferte. Es waren jedoch nur die Plastikschlapfen von Hilfspfleger Benni Winternik, der mit seinem saftig klatschenden Fllapff! den Krankenhausgang herunterkam.“ Das klingt für mich so, als wäre das der Mörder! Ist das so?

Interessant! Sie verbinden Quark-Schmatz-Geräusche mit einem Mörder? Der kommt doch auf leisen Sohlen daher!

In „Am Abgrund lässt man gern den Vortritt“ möchte Jennerwein Urlaub machen. Am Zug, der ihn nach Schweden bringen soll, begegnet er einem Kollegen aus dem Allgäu. Verraten Sie uns, um welchen Kollegen es sich handelt?

Ich bin selbst ziemlich erschrocken, als mein Kommissar Jennerwein plötzlich Kommissar Kluftinger gegenübergestanden ist. Aber die Figuren machen ja oft, was sie wollen! Und ich muss mir dann die passenden Adjektive einfallen lassen.

Jennerwein wird dann gezwungen, seinen Urlaub abzubrechen, weil die Bestattungsunternehmerin a.D. Ursel Grasegger ihren Mann vermisst. Außerdem bekommt sie ein verstörendes Carpaccio in einer Pizzaverpackung zugeschickt. Was hat es mit diesem Carpaccio auf sich?

Es ist ein sauberer Querschnitt durch einen – vermutlich menschlichen – Hals, produziert durch einen sogenannten „Berkel meat slicer“. Ja, der heißt wirklich so.

Jörg Maurer Am Abrgund laesst man gern den Vortritt - die Berkelmaschine

Foto: © privat

Ein menschliches Hals-Carpaccio ist Horror. Was essen Sie an einem Tag, an dem Sie so eine Szene geschrieben haben?

Natürlich nichts. Auch danach habe ich mehrere Wochen keinen Bissen hinuntergebracht. Ich bin völlig abgemagert. Zur Erholung bin ich dann an den Tegernsee gefahren. Und was sehe ich in einem Restaurant? Eine Tafel mit der Aufschrift „Prosciutto von unserer Berkel-Maschine“. Sofortige Abreise.

In Jennerweins verschlungenem zehntem Fall spielt auch Ignaz Graseggers Ex-Freundin eine Rolle. Die liegt im Krankenhaus und redet wirres Zeug – von dem Südtiroler Ort Klausen, davon, dass im Krankenhaus merkwürdige Dinge passieren und von falsch ausgestellten Totenscheinen. Ist das Krankenhaus in dem beliebten Kurort, in dem Sie ja teilweise selbst leben, ein gefährlicher Ort?

Krankenhäuser sind auf der ganzen Welt gefährliche Orte. Aber eigentlich sind alle Orte gefährliche Orte, besonders Kurorte.

Schon ziemlich bald, nachdem er die Ermittlungen aufgenommen hat, vermutet Jennerwein, dass Ignaz Graseggers Verschwinden mit Schwarzgeld und einer Erpressung zusammenhängen könnte. Herr Maurer, was kann man gegen eine Schwarzgelderpressung machen?

Stabile Seitenlage, kalte Umschläge. Und viel trinken.

Gut, Sie machen Ihrem Nachnamen alle Ehre und mauern. Wir hätten da trotzdem eine Theorie, wir haben nämlich einen Hinweis in Ihrem Hörbuch gehört: „Bergtour zu den Gunggel-Höhen, am Schöberl-Eck auffällige Tanne in S-Form, Südseite, eine Handbreit graben, Täschchen blau.“ Was ist dort versteckt?

Ich weiß von nichts. Die Stelle ist mir sowas von unbekannt!

In der Liebfrauenkirche des Südtiroler Orts Klausen und auf dem dortigen Friedhof erlebt Jennerwein dann eine geradezu Der-Name-der-Rose’sche Gewaltszene: Er wird von einem Fremden niedergeschlagen, der dem Kommissar Augenblicke vorher eine geheime Botschaft entrissen hat. Was hat es mit der Botschaft auf sich – und: Wird Jennerwein diese Attacke überleben?

Fragen über Fragen. Aber ich muss jetzt Schluss machen. Ein Begräbnis vorbereiten.


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Jörg Maurer
Jörg Maurer

Jahrelang betrieb er die Kabarettbühne „Unterton“ in München. Heute lebt er in Garmisch-Partenkirchen und schreibt die Krimis um Kommissar Jennerwein.
Zur Biografie von Jörg Maurer

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