Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht. Kritik | BUCHSZENE

Der kleine Jannis ist verschwunden. Sofort beginnt eine atemlose Suche. Mit dabei: Polizist Ben. Er ist Jannis‘ Vater und ein Mann mit Geheimnissen. Frau Bluhm liest Jan Costin Wagners „Sommer bei Nacht“.

Jan Costin Wagner startet mit „Sommer bei Nacht” eine neue Krimiserie

6. März 2020 | Frau Bluhm

Titelbild Sommer bei Nacht

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Frau Bluhm liest „Sommer bei Nacht” : 4 von 5 Blu(h)men


Ein Fünfjähriger verschwindet – alle Spuren verlaufen sich im Nichts

Nur einen kurzen Augenblick lässt Lea ihren Sohn Jannis aus den Augen, schon ist er spurlos verschwunden. Der Beginn eines Albtraums, sowohl für Jannis‘ Familie, als auch für die leitenden Ermittler Ben und Christian, denn alle Hinweise auf den Verbleib des Fünfjährigen verlaufen sich im Nichts. Schon kurz nach Aufnahme der Ermittlungen reichen ihre Verzweigungen bis nach Österreich und zu einem Jahre zurückliegenden Fall eines weiteren verschwundenen Kindes. Bald schon sind alle Beteiligten am Ende ihrer Kräfte und über allem liegt die immerwährende Frage: Wird Jannis gefunden? Und wenn ja: Wird er noch am Leben sein?

Mit „Sommer bei Nacht“ startet Jan Costin Wagner eine neue Serie

Mit „Sommer bei Nacht“ eröffnet der Frankfurter Jan Costin Wagner eine neue Reihe. Seine Erfolgsserie um den finnischen Ermittler Kommo Joentaa wurde vielfach ausgezeichnet und meiner Meinung nach ist auch dieser Krimi ein sehr guter Auftakt für weitere gute Leseerlebnisse. Gleich auf den ersten Seiten des Buches baut der Autor eine beklemmende Atmosphäre auf, die über die gesamte Geschichte hinweg nicht abreißen wird. Mit seinen sehr kurzen Kapiteln und den ständig wechselnden Perspektiven verstärkt Jan Costin Wagner diese Stimmung noch. Er schafft hier etwas Außergewöhnliches. Der verknappte Sprachstil, der mich normalerweise stören würde, weil man für keinen Protagonisten genug Zeit zum Kennenlernen hat, glückt bei ihm zur messerscharfen Beobachtung, die die Essenz eines jeden Charakters so genau an die Oberfläche trägt, dass man fast schon ein Psychogramm der jeweiligen Person erstellen könnte.

Dieser Krimi macht auch vor abartigen menschlichen Abgründen nicht Halt

Was dort bei den Menschen unter der Oberfläche schlummert ist keineswegs stereotyp gehalten. Ein jeder Charakter ist sehr authentisch aufgebaut und mit Stärken und Schwächen versehen. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Ermittler Ben, der liebender Familienvater und großartiger Polizist ist, aber in seiner Freizeit gerne auch mal Kinderpornografie zur Entspannung nutzt. Jan Costin Wagner macht auch vor tiefen menschlichen Abgründen nicht Halt. So entwickelt sich seine Geschichte über einen vermeintlich simplen Entführungsfall zu einer mehr als 300 Seiten langen Metapher über das Schwarz-Weiß-Denken.

Nur am Schluss des Krimis halte ich ein Detail für nicht so gelungen

So hoch der sprachliche Anspruch des Krimis auch ist, er ist leicht und zügig zu lesen. Sehr früh entwickelt diese Geschichte eine rasante Spannung, der man sich fast nicht mehr entziehen kann. Leider wird dieser Spannungsbogen zum Ende hin durch einen, für mich sehr unrealistischen, abrupten Vorfall unterbrochen und die Story zum Abschluss gebracht. Man hat fast den Eindruck, dem Autor wären die Seiten ausgegangen. Doch bis auf dieses kleine Manko gelingt Jan Costin Wagner hier ein toller Auftakt für eine Serie, die ich mit Sicherheit weiterverfolgen werde.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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