Mario Nowak ist Ermittler in Wien, Würstelbudenfan und Hauptfigur der skurrilen Hörspielserie „Sie nannten ihn Johnny“, mit deren Machern wir uns im Interview unterhalten. Marios Problem: Der Senf ist weg!

Die Krimi-Hörspiele von „Sie nannten ihn Johnny“ leben von herrlichem Wiener Flair

21. Juni 2021 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Sie nannten ihn Johnny

Herr Andratsch, Herr Schreyer, Sie haben das Hörspiel „Sie nannten ihn Johnny“ herausgebracht. Das hat auch etwas mit der Corona-Krise zu tun – richtig?

Philipp Schreyer (PS): Die Situation der Künstlerinnen und Künstler der darstellenden Künste war während der Pandemie denkbar schlecht. Die Theater hatten geschlossen, Lesungen fanden zunächst gar nicht, später dann digital statt, und zeitweise entstand bei einigen Kunstschaffenden, wobei der Begriff hier sehr weit gefasst ist, der Eindruck, die Politik würde die Sparte der Kunst völlig vernachlässigen. Ich habe für viele oder fast alle Reglementierungen des öffentlichen Lebens von Seiten der Politik großes Verständnis, aber im Theater hätte man weitsichtiger agieren müssen. Wir hatten keine hinreichenden Daten zur Verbreitung des Virus in Theatern, auf deren Grundlage vorausschauende Beschlüsse hätten gemacht werden können – aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Wir sind froh, dass sich das Leben in den nächsten Monaten wieder vermehrt in die Öffentlichkeit des Theaters verschieben wird und wir wieder mehr Kunst sehen und erleben können. Da das in den letzten Monaten nicht möglich war, haben wir das Medium des Hörspiels gewählt: Wir haben uns gefragt, was über der Pandemie stehen könnte, was unabhängig von Inzidenzen oder Schließungen und Lockdowns existieren und gleichzeitig, medial aber auch inhaltlich, die gegenwärtigen Umstände rezipieren könnte. Und da sind wir schnell aufs Hörspiel gestoßen. Es ist zeitlos, nicht fix verortet, kostenlos und natürlich auf Abruf zu konsumieren: Sozusagen das ideale Medium der Kunst unserer Tage.

Im Mittelpunkt von Johnny steht der Großstadtkommissar Mario Nowak. Mario lebt ihn Wien. Was können Sie noch über ihn verraten?

Jakob Andratsch (JA): Mario Nowak ist ein Sonderermittler in Wien. Er ist ein durchschnittlicher Typ, einer, den man am Abend oft am Würstelstand antrifft oder einsam durch die verlassenen Gassen schleichen sieht. Aber auch ein Arbeitstier, den sein Spürnäschen auch in seiner Freizeit nicht in Ruhe lassen kann: Für Mario ist alles ein Rätsel, die ganze Welt, und erst, wenn er alle Rätsel gelöst hat, wird er zufrieden sein. Oder ein mächtiger Mann sein, wie Freud sagen würde. Und um bei Freud zu bleiben: Auch Mario Nowak ist ein Wiener Original, eines, nach dem mal ein prächtiges Gebäude am Ring benannt werden wird, oder könnte. Ein ehrlicher und grantiger Wiener, der zudem viel von seiner Mamma spricht.

Daneben gibt es Bronco, Nora Kowalski und Fränkie von der Würstelbude. Was zeichnet diese drei für Johnny zentralen Figuren aus?

JA: Bronco ist sein etwas jüngerer Partner. Hier wurde, insbesondere in humoristischem Sinne, ein klassischer Antagonist gezeichnet. Darüber hinaus begegnen sich in Mario und Bronco verschiedene Mentalitäten, die zum Stadtbild von Wien gehören: So besteht eine natürliche Konkurrenz des Wieners Mario Nowak gegenüber dem Deutschen Thorben Bronckhorst, so sein richtiger Name. Das ist uns gut gelungen, das ist auch nah an der Realität. Denken Sie nur an die vielen deutschen Studierenden, die jedes Semester zum Studium nach Wien kommen. Die kommen eigentlich nur sehr schwer in Kontakt. Und Mario und Bronco wären vermutlich auch nie in Kontakt getreten, wenn nicht über die Arbeit. Das führt uns zur nächsten Figur, Nora Kowalski: Sie ist die Staatsanwältin und quasi die Chefin der beiden. Wir haben uns bei dieser Rolle bewusst dafür entschieden, eine souveräne Frau, die Mario und Bronco vorsteht, zu zeichnen, die jedoch am Abend auch des Öfteren zum Glas greift, und somit ein wenig ihren Status als Respektsperson einzubüßen droht. Und Fränkie, der Würstelstandbesitzer, bildet die mystische Komponente in Marios Leben, ist sein Anker und gleichzeitig sein Orakel: Der Würstelstand ist Mario ein zweites Zuhause, und daher ist Fränkie eine enge Bezugsperson für ihn. Auch da, wie Sie merken, sind wir nah an der Realität: Der Würstelstand gehört zur „Abendroutine“ jeder Wienerin und jedes Wieners, jeder hat seinen Würstelstand, seinen „Würstlinger“, wo das letzte Kaltgetränk am Heimweg konsumiert oder der schnelle Hunger gestillt wird.

Handelt die erste Episode wirklich davon, dass ein Verbrecher den ganzen Senf für die Würstel geklaut hat?

PS: Wir sind uns nicht sicher, ob es ein Verbrecher oder mehrere sind, wir wissen zunächst nur sehr wenig. Bis auf die Tatsache, dass den Würstelständen allmählich der Senf auszugehen droht. Das ist natürlich fatal für eine Stadt wie Wien.

Entwickelt sich Johnnys Kriminalfall dann noch extremer?

JA: Mario und Bronco haben ziemlich schnell ein paar Ideen, wohin sie dieser Fall lenken könnte, werden aber auch genauso schnell auf einen vermeintlichen Holzweg geführt. Wien ist eine große Stadt mit vielen wichtigen Leuten, die viele unterschiedliche Interessen haben. Wenn wir allein an die österreichische Innenpolitik der letzten Jahre denken, dann hätten wir eigentlich genug Stoff für 27 Staffeln „Sie nannten ihn Johnny“. Satire ist da ein gut geeignetes Mittel, um dem Fatalismus des politisch Denkenden in Österreich zu begegnen. Und gerade hier haben wir viel zu erzählen versucht, denn Mario und Bronco tauchen ganz tief ein in die korrupten Verirrungen der mächtigen Österreicherinnen und Österreicher. Den Rest müssen Sie sich anhören.

Kann man sagen, dass in „Sie nannten ihn Johnny“ viel getrunken, viel Würstel gegessen und auch viel „Schmäh“ geredet wird – dass es sich demnach um einen Krimi mit richtig viel Wiener Flair handelt?

PS: Ja, wir haben absolut den Anspruch, den Durchschnitt zu bedeuten und ein authentisches Stadtbild abzugeben. In Wien wird viel getrunken und es werden viele Würstel gegessen, das gehört zur Kultur der Stadt. Ganz Wien ist eine tiefe Pfütze, in die man leicht hineinsteigen kann. Ganz Wien ist eigentlich auch eine Versuchung: Die Verharmlosung von Alkohol spielt eine zentrale Rolle im Alltag, denn zu jeder Zeit und zu jeder Stunde wird ein Seiterl, also ein kleines Bier, legitimiert, zu jedem Anlass wird getrunken und es gibt immer die Möglichkeit, im Rausch durchs Leben zu gehen. Natürlich hat das in der Pandemie durch die monatelange Schließung der Gastronomie einigen gefehlt, da hat sich dann der Konsum ins Private verlagert. Aber den Wiener Flair haben wir eingefangen, und die Normalität kommt langsam retour.

Gibt es am Ende wenigstens die Andeutung eines Happy Ends?

JA: Natürlich dürfen wir nicht zu viel verraten, aber es wird einige spannende dramaturgische Wirrungen geben, die dem Anspruch, den Durchschnitt zu bedeuten, entfliehen. Wir erzählen eigentlich eine klassische kriminalistische Geschichte, die mit einem Bein im Raum der Satire oder der Komödie steht, es aber immer wieder dort hinauszieht und die Tür zuschlägt. Diese Tür geht im Lauf des Hörspiels immer wieder von selbst auf. Und ganz schließen können wir sie auch nicht. Aber die Geschichte, um die Frage final zu beantworten, ist erst am Ende, wenn sie auserzählt ist. Und würden wir das hier tun, wäre ein Anhören des Hörspiels überflüssig.

„Sie nannten ihn Johnny“ ist ja als Serie konzipiert, die jeden, der sie hört, süchtig macht. In welchem Rhythmus kommen die einzelnen Folgen heraus?

JA: Prolog, Episode Eins und Zwei erschienen ziemlich zeitgleich, nun wird im Wochenrhythmus veröffentlicht.

Und wie und wo kommt man an die Hörspiele ran?

PS: Man kann unser Hörspiel auf allen Plattformen hören, wo es Hörspiele gibt. Ergo Spotify, Apple Podcasts und viele weitere.

Wieviel kostet es, einer Folge zu lauschen?

PS: Nichts, sie brauchen nur einen Zugang zu einer dieser Plattformen, die teilweise auch kostenfrei sind.

Bitte erzählen Sie noch ein wenig von dem Team, das sich hinter Ihrem Projekt verbirgt – da sind ja doch einige hochkarätige Schauspieler am Start?

JA: Zunächst müssen wir die beiden Produzenten, Miles Effertz und Jakob Uhl, hervorheben, die nicht nur für die Produktion, sondern auch für die Musik und die Regie mitverantwortlich sind. Die beiden sind ein eingespieltes Duo, haben früher viel Livemusik am Theater gemacht, und zuletzt sogar den Kurzspielfilm „Qualitätshonig“, auch von Jakob Andratsch, musikalisch ausgestaltet. Den können wir übrigens auch sehr ans Herz legen, Sie werden epochale Westernmusik hören, komponiert und gespielt von diesen beiden. Die Zusammenarbeit mit Jakob Andratsch ist also nicht die erste, auch für Isabelle August und Marius Grabher nicht, die zwei große Rollen sprechen. Die beiden sind viel auf den Bühnen Wiens zu sehen gewesen und werden es auch wieder sein, zudem in einigen Filmen. Max Andratsch, der Cousin von Jakob Andratsch, ist nicht nur für sein Schauspiel- und Sprechtalent bekannt, sondern hat wie die Dramaturgin Susanne Keppel auch bei der Entwicklung der Geschichte mitgewirkt. Wir sagen oft, dass wir gerne in transformativen Zuständen und interdisziplinär arbeiten, und da kann die Bedeutung von Susanne Keppel nicht zu minder eingeschätzt werden, die den Text begleitet hat. Peter Appiano ist natürlich ein großer Name, der eine große Rolle spricht, und einiges an Qualität mit in den Cast gebracht hat. Ebenso wie Bernadette Mold, die man eigentlich aus der Oper oder dem Musical kennt, die eine wunderbare Sprecherin ist. Michael Roselieb ist auch ein, gewissermaßen, eher erfahrenerer Sprecher, da die Altersunterschiede nicht zu leugnen sind – was ja durchaus für die Vielfalt des Casts spricht. Lara Neversal ist auch eine sehr spannende und junge Sprecherin, die, ebenso wie Daniel Tespi, eine etwas zu kleine Rolle spricht, eigentlich. Dann haben wir unheimlich tolle musikalische Beiträge in unserem hörspieleigenen „Radio Wabe“, Jakob Uhl und Miles Effertz haben ein grandioses Thema und viele weitere Stücke komponiert. Zudem waren wir sehr glücklich darüber, Elsa Steixner dafür begeistern zu können, unserem Soundtrack ihre eigene Note beizusteuern. Und natürlich sind wir sehr dankbar für den eigens für unser Hörspiel komponierten Song der Wiener Band Jagaté. Alexander Winter und seine Produktionsfirma HIVER spielten auch eine nicht unwichtige Rolle, und dem Studierendentheater Wien, STUTHE, sind wir ebenso zu Dank verpflichtet. Zudem haben wir eine großartige Stuttgarter Künstlerin, Marie Wagner, für die Illustrationen gewinnen können.

Und wie geht es jetzt weiter?

PS: Jetzt hören wir gemeinsam Staffel eins zu Ende, und nach der Sommerpause werden wir uns mit Staffel zwei beschäftigen. Ein Lockdown, oder eine Welle, wird vermutlich den nächsten Winter in seiner Originalität noch beschneiden, da wird mit Sicherheit noch Zeit sein, die nächste Staffel zu produzieren.


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