Herr Dakuna, Sie sind 53.000 Kilometer per Anhalter gereist, haben sich in 432 fremde Autos gesetzt und bei 135 unbekannten Menschen übernachtet. Wer sich so sehr in die Hände anderer Menschen gibt, der muss entweder sehr naiv oder unendlich mutig sein. Was sagen Sie dazu?
In meinen Augen bedeutet Mut etwas zu tun, bei dem man etwas zu verlieren hat. Mein Worst-Case-Szenario sah wie folgt aus: Ich strande ohne Geld irgendwo im Unbekannten. Und selbst dann hätten meine Eltern sicherlich Geld für einen Rückflug aufgetrieben, ich hätte mich anschließend in Deutschland beim Arbeitsamt gemeldet, wäre krankenversichert gewesen und hätte mit meinem abgeschlossenen Studium wohl schnell wieder Arbeit gefunden. Ein Worst-Case-Szenario, das für viele Menschen unsere Erde ein Best-Case-Szenario wäre. Vor diesem Hintergrund würde ich – als jemand der das Trampen nicht als gefährlich empfindet – meine Reise nicht als mutig bezeichnen. Eher als konsequent, da ich meinem Bauchgefühl folgte und genau diesem vertraute. Naiv? Sicherlich, aber ich habe gelernt, dass Naivität auch etwas sehr Positives sein kann.
Aber es ist ja nicht so, dass Sie nicht auch in gefährliche Situationen gekommen wären?
Tatsächlich wurde ich bei meiner Reise nicht mit Gefahr im Sinne von Raub oder Mord konfrontiert. Stattdessen entstanden diese wenigen gefährlichen Situationen durch unglaublich schlechte Straßenverhältnisse, oder unaufmerksame Autofahrer. In der Türkei hat sich unser Auto beispielsweise auf einer Autobahn gedreht, nachdem mein Fahrer versucht hatte, während der Fahrt einen Wasserkocher an seinen Zigarettenanzünder anzuschließen – er wollte Tee kochen.
Zu Beginn Ihres Buchs schreiben Sie ein wenig verständnislos von Menschen, die arbeiten, um später mal eine Rente zu bekommen. Was hat Sie dazu bewogen, diese Sicherheit über Bord zu werfen und loszutrampen?
Ich denke, dass Menschen primär in der Gegenwart leben sollten. Das bedeutet nicht, dass man nicht an seine Zukunft denken soll, sondern vielmehr, dass sie nicht der Hauptantrieb sein sollte. Vor allem dann nicht, wenn diese Zukunft noch Jahre entfernt liegt. Ich habe gelernt, dass dieser Zukunfts-Sicherheitsgedanke für mich individuell nicht sonderlich wichtig ist und ich stattdessen auf mein Bauchgefühl vertrauen sollte. Und so war die Entscheidung, meinen Job zu kündigen und aufzubrechen, zwar nach wie vor nicht einfach, aber sie wurde zu einer Entscheidung, die ich treffen konnte.
Die Reiseroute
Sie erzählen in „Anekdoten eines Beifahrers“ von berührenden Erlebnissen mit Menschen in aller Herren Länder. Gibt es ein oder zwei Erlebnisse, die Sie wirklich nie vergessen werden? Vielleicht sogar, weil sie Ihr Leben veränderten?
In der Tat sind es besonders Menschen und Begegnungen, die meine Reise und mein jetziges Leben geprägt haben. Um ein Beispiel zu nennen, kann ich kurz über Oha sprechen. Ein Mann aus Bosnien und Herzegowina, der im Waisenhaus aufwuchs und im Krieg zu einem Kindersoldaten wurde. Im Alter von 14 Jahren brachte er damals sieben Menschen um. Er ist nicht nur einer der Menschen, die mich beim Trampen mitgenommen haben, sondern er zeigte mir auch, dass man jedes auch noch so negative und niederschmetterndes Ereignis überwinden kann. Oha wurde damals durch die Musik gerettet – so beschreibt er es selbst – und leitet heutzutage eine Musikschule in Mostar. Hier gibt er Menschen die Gelegenheit, kostenfrei miteinander zu musizieren und eben dies zu lernen. Generell hat mir diese Reise – ohne hier zu viel vorwegzunehmen – eindrucksvoll aufgezeigt, wieviel Menschlichkeit in unserer Welt existiert. Und genau dieser Gedanke hat mir ein immer konkreter werdendes Bild von meiner eigenen Zukunft gegeben. Eine Zukunft, in der ich anderen helfen möchte. Sei es durch soziale Projekte, nette Gesten oder auch durch das Erzählen meiner Geschichten.
Sie haben an Autobahnraststätten, mitten in Städten und auf einsamen Bergen gezeltet. Was bedeutet einem nach so vielen Nächten draußen ein warmes Bett?
Ein warmes Bett und eine heiße Dusche sind zwei Dinge, die ich durch meine Reise sehr zu schätzen gelernt habe. Und diese Wertschätzung habe ich bis heute beibehalten – dennoch vermisse ich an manchen Tagen diese Nächte im Zelt. Zumindest die Nächte, an denen ich nicht mit einem +10° Schlafsack in Sibirien lag. Übrigens habe ich heutzutage einen enorm tiefen und festen Schlaf – sehr praktisch.
Das mit dem Waschen ist ja – wenn man so reist wie Sie – schon auch ein Problem. Haben Sie sich nicht manchmal unwohl gefühlt, weil Sie schon tagelang keine Dusche mehr abbekommen hatten?
Ehrlich gesagt hatte ich dieses Gefühl sehr selten. Ich glaube die längste Zeit ohne Dusche war fünf Tage – und das kam sehr selten vor. Man mag es kaum glauben, wie häufig man zu Fremden nach Hause eingeladen wird. Ansonsten lernte ich, mich mit einer „Katzenwäsche“ zufrieden zu geben, bediente mich gelegentlich an Seen und Meeren und nun ja … die Geheimwaffe schlecht hin: Babypuder als Trockenshampoo.
Ist zu zweit Reisen oder allein Reisen besser?
Auf die Frage, was „besser“ ist, gibt es keine Antwort. Jeder muss für sich selbst individuell herausfinden, wie er reisen möchte. Eine Aussage, die man so auch ohne Probleme auf das Leben anwenden kann. Ich war überwiegend allein unterwegs. Gelegentlich habe ich Personen kennengelernt, die mich dann für zwei, drei Wochen begleitet haben – ich habe also einen kleinen Einblick erhalten. Das Schöne am gemeinsamen Reisen ist – wie man es wohl erwarten würde – die Gesellschaft. Besonders beim stundenlangen Warten an den Straßen dieser Welt. Andererseits ist man allein natürlich flexibler, muss niemandem Rechenschaft ablegen und keine Kompromisse eingehen. Ich persönlich habe die Mischung aus Alleinsein und gemeinsam Reisen sehr gemocht. Dennoch habe ich mir des Öfteren gewünscht, bestimmte Momente mit jemandem teilen zu können.




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