Michel Houellbecq: Serotonin. Kritik und Verriss | BUCHSZENE

Ein depressiver Endvierziger irrt im SUV durch die französische Provinz und schwadroniert über den Niedergang der Landwirtschaft und „feuchte Muschis“. Jörg Steinleitner verreißt Houellebecqs „Serotonin“.

Michel Houellebecqs „Serotonin“ – verrissen von einem literarischen Fan des französischen Autors

15. Februar 2019 | Jörg Steinleitner

Serotonin

Michel Houellebecq

Serotonin

ISBN 978-3-8321-8388-2

330 Seiten | € 24,00

DUMONT

Romantik (2/5)

Komik (2/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (2/5)

Unterhaltung (2/5)

Serotonin

© Kletr shutterstock-ID:70151518

Auch in „Serotonin“ steckt der schmucklos trockene Houellebecq-Sound

Zunächst freute ich mich auf Michel Houellebecqs neuen Roman „Serotonin“. Nicht nur, weil der Titel cool klingt und das Cover eine ideale Mischung aus lässig und elegant darstellt. Auch, weil ich seinen letzten Roman „Unterwerfung“ für eines der wichtigsten und hellsichtigsten literarischen Werke unserer Zeit halte. Und beginnt man in „Serotonin“ zu lesen, so ist man auch gleich wieder drin in dem unverwechselbaren Houellebecq-Sound, dessen schmucklos aneinanderreihende, herzlose Trockenheit beim Lesen Freude macht.

Eine langweilige, abstoßende, insgesamt überflüssige Geschichte

Was der Leser*in dann allerdings blüht, ist traurig: eine meist langweilige, manchmal abstoßende und insgesamt überflüssige Geschichte. Im Mittelpunkt von „Serotonin“ steht ein Mann, Ende vierzig, der – wie der Autor selbst – für das französische Landwirtschaftsministerium arbeitete und, dank einer Erbschaft seiner Eltern, nun erst einmal nichts mehr tun muss. Er ist depressiv und nimmt deshalb das Medikament Captorix. Er fährt einen dicken SUV-Mercedes und lässt sich ziellos durch die französische Provinz treiben. Bei dieser Gelegenheit besucht er seinen einstigen Kommilitonen Aymeric. Der Landwirt und Großgrundbesitzer befindet sich in einer misslichen Situation: Um seinen Betrieb halten zu können, muss er immer wieder Grund verkaufen. „Es sind vor allem Belgier und Holländer und immer mehr Chinesen. Letztes Jahr habe ich fünfzig Hektar an ein chinesisches Konglomerat verkauft, sie waren bereit, noch zehnmal mehr zu kaufen und den doppelten Marktpreis zu bezahlen. Die hiesigen Landwirte können da nicht mithalten …“, erklärt Aymeric unserem Antihelden und Ich-Erzähler.

Der Autor weist auf den Untergang der Landwirtschaft hin

Weiter hinten im Roman liest man über den Niedergang der Landwirtschaft folgende Passage: „Heute gibt es etwas über sechzigtausend Milchviehzüchter; in fünfzehn Jahren werden meiner Meinung nach fünftausend davon übrig sein. Kurz gesagt: Was derzeit mit der französischen Landwirtschaft passiert, ist ein riesiger Entlassungsplan, der größte aktuell laufende Entlassungsplan, aber es ist ein geheimer, unsichtbarer Entlassungsplan, bei dem die Leute unabhängig voneinander verschwinden, in ihrer jeweiligen Gegend, ohne je ein Thema für BFM abzugeben.“

Kein einziger Erzählstrang, der zum Weiterlesen motivieren würde

Natürlich spricht Michel Houellebecq mit derlei Dialogen politische Themen an und positioniert sich in gewisser Weise im aktuellen Diskurs. Es gibt Rezensenten, die in „Serotonin“ deshalb eine Vorwegnahme der Gelbwesten-Proteste sehen (tatsächlich beschreibt der Autor eine Szene, in der Bauern zur Waffe greifen, um sich gegen die Vernichtung ihrer Lebensgrundlage zu wehren). Wer dies tut, misst dem Roman mehr Bedeutung zu als er verdient. Der französische Skandalautor wirft seinen Leser*innen mit literarischer Lieblosigkeit lediglich politisch-soziale Brocken hin. Verglichen mit der Dramaturgie von „Unterwerfung“, hat Michel Houellebecq in „Serotonin“ wirklich schlampig gearbeitet. Er bietet keinen einzigen Erzählstrang an, der zum Weiterlesen motivieren würde, dieser Roman ist vielmehr eine Aneinanderreihung miesepetriger Erlebnisse und misanthropischer, inbesondere frauenfeindlicher Gedanken. Und es ist im Erzählten eben gerade kein politisches Konzept von prophetischem Ausmaß zu erkennen wie es viele der hymnischen Besprechungen von „Serotonin“ nahelegen.

Der Arzt schwadroniert über die Wirkung eines Sexurlaubs in Thailand

Immerhin erfährt man in „Serotonin“ allerlei über die Krankheit Depression. Allerdings sind die Dialoge, die der Erzähler mit seinem verschreibenden Arzt, auch er ist ein hoffnungsloser Fatalist, nicht so witzig, wie sie womöglich gedacht sind. Denn ernst kann man diese Gespräche nicht nehmen. Ein Beispieldialog zwischen Arzt und Patient – es geht um die Option eines Sexurlaubs in Thailand als Antidepressivum. Der Doktor sagt: „Das Problem bei Ihnen ist das Captorix, mit Captorix kriegen Sie vielleicht keinen mehr hoch, das kann ich nicht garantieren, selbst bei zwei süßen kleinen sechzehnjährigen Nutten kann ich es nicht garantieren, das ist das Beschissene an diesem Mittel, und zugleich können Sie es nicht abrupt absetzen, davon kann ich Ihnen nur ehrlich abraten, außerdem würde es sowieso nichts bringen, es hat eine zweiwöchige Latenzzeit, aber wenn es passieren sollte, wissen Sie zumindest, dass es an dem Mittel liegt, im schlimmsten Fall genießen Sie die Sonne und futtern Garnelencurry.“

Klar kommt auch dieser Houellebecq-Roman nicht ohne „Muschis“ aus

An anderer Stelle drückt der Arzt dem Patienten einen Zettel mit den Telefonnummern einiger „Nutten“ in die Hand, weil ihm das womöglich eher aus der Depression helfen wird. Die Gedanken des Patienten kreisen eben auch vor allem um: „… Liebe – und eine ganz bestimmte Art von Liebe, ich brauchte im Allgemeinen Liebe, aber insbesondere brauchte ich eine Muschi, es gibt viele Muschis, Milliarden Muschis auf der Oberfläche eines Planeten von doch recht bescheidener Größe, wenn man mal darüber nachdenkt, ist es überwältigend, was es an Muschis gibt, es macht einen ganz schwindelig, ich glaube, jeder Mann hat diesen Schwindel schon einmal verspürt, andererseits brauchten Muschis Schwänze, oder zumindest hatten sie sich das eingebildet“ und so weiter. Es gibt Rezensenten, die „Serotonin“ als Liebesroman feiern bzw. als einen Roman, der das Ende der Liebe abbildet. Zweites ist sicherlich richtig: Unser Antiheld liebt an seinen Freundinnen vor allem ihre Geschlechtsorgane. Die Gefühle, die er unter dem Begriff „Liebe“ subsumiert, sind in erster Linie dem egomanisch erlebten Verlustschmerz zuzuordnen. Das macht uns die Hauptfigur nicht sympathischer und so stellt sich tatsächlich bereits nach 50 Seiten Lektüre die Frage, ob man sich dies alles antun muss.

Diesen Roman hat Michel Houellebecq einfach nur hingerotzt

In einer Hinsicht ist dieses Buch herausragend. Es ist herausragend böse: Der Ich-Erzähler stalkt seine Ex-Geliebte und phantasiert die Ermordung ihres kleinen Sohns durch sich (den Erzähler selbst) so realistisch, dass es einem bei der Lektüre schlecht werden könnte. Gerade in diesem Abschnitt offenbart „Serotonin“ einen Menschenhass, der durch nichts – vor allem aber durch kein einziges literarisches oder politisches Argument zu begründen wäre. Es ist eine überflüssige Gewaltphantasie. Genauso überflüssig wie das gesamte Werk. Michel Houellebecq ist ein großer Schriftsteller, aber diesen Roman hat er einfach nur ambitionslos hingerotzt. Schade.

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