Robert Habeck: Wer wir sein könnten. Kritik | BUCHSZENE

Wenn wir sprechen, verändern wir die Wirklichkeit. In seinem Buch „Wer wir sein könnten“, zeigt Grünen-Chef Robert Habeck, wie Populisten diesen Mechanismus ausnutzen und damit unsere Demokratie untergraben.

Robert Habecks „Wer wir sein könnten – Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“

21. Januar 2019 | Jörg Steinleitner

Wer wir sein könnten

Robert Habeck

Wer wir sein könnten

ISBN 978-3-462-05307-4

128 Seiten | € 14,00

Kiepenheuer & Witsch

Romantik (1/5)

Komik (1/5)

Weisheit (5/5)

Gänsehaut (4/5)

Unterhaltung (4/5)

Wer wir sein könnten

© Arthimedes shutterstock-ID:314533559

Habecks „Wer wir sein könnten“ ist eine Mogelpackung

Der Titel von Robert Habecks Buch „Wer wir sein könnten“ ist eine kleine Mogelpackung. Denn eigentlich geht es in diesem Text um unser Sprechen und Schreiben und nicht darum, wer wir sein könnten. Zur Verteidigung des Grünen-Chefs muss man allerdings anmerken, dass der Untertitel diese kleine Ungenauigkeit, die vermutlich der besseren Vermarktungsmöglichkeit geschuldet ist, ausgleicht. Der lautet nämlich: „Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“.

Wie Populisten durch ihr Sprechen Menschen entmenschlichen

„Wer wir sein könnten“ ist ein elegant geschriebenes Büchlein. Dass Robert Habeck vor seiner Politikerkarriere Schriftsteller war, spürt man in jeder Zeile. Dieser Autor kann wirklich schreiben! Schon allein deshalb macht es – sofern man sich für Sprache interessiert – Freude dieses Buch zu lesen. Aber auch die Grundthese, auf die sich Robert Habeck festlegt, ist richtig: Durch die Art unseres Sprechens, durch die Wahl unserer Formulierungen verändern wir die Wirklichkeit: „In der Politik ist Sprache das eigentliche Handeln.“ Deshalb, so Robert Habeck, ist es in politisch aufgewühlten Zeiten besonders wichtig, sich genau zu überlegen, wie man etwas sagt. Und sprachlichen Entgleisungen entgegenzutreten. Wenn man von „Flüchtlingsflut“ spreche, verwandle man Menschen in Dinge, nämlich Wasser, und in ein gefährliches Naturereignis. Mit derartigen Sprachbildern werden Menschen entmenschlicht und entindividualisiert. Das jedoch ist nur der erste Schritt, denn: „Die sprachliche Verrohung bereitet der gesellschaftlichen Verrohung den Weg. Was zuvor unsagbar war, wird real: Die Würde des Menschen wird antastbar.“

Populistisch zu sprechen, ist verlockend – kein Politiker ist davor gefeit

Robert Habeck zeigt bei seinen Ausführungen nicht nur auf die neue politische Rechte. Er räumt ein, dass auch Vertreter aller anderen politischen Richtungen sich regelmäßig sprachliche Entgleisungen erlauben: „Niemand ist vor sprachlichem Populismus gefeit. Mich eingeschlossen.“ Es gebe sprachliche Figuren des Populismus, die verführerisch seien. Sie seien deshalb populistisch, weil ihre Aussagekraft gering sei, aber im Streit der Wörter sehr wirksam. „Eine der rhetorischen Figuren ist die unzulässige Verallgemeinerung. Eine – oftmals unbewiesene – Behauptung, die ein Einzelfall ist, wird verallgemeinert. Ein Beispiel aus vergangenen Zeiten: Guido Westerwelle kannte einen Arbeitslosen, der angeblich in Florida von Hartz IV in Saus und Braus lebte. Woraus Westerwelle folgerte, dass Hartz-IV-Bezieher buchstäblich in der ‚sozialen Hängematte‘ liegen.“ Heute gebe es zahlreiche andere Beispiele: „Ich kenne einen Flüchtling, der hat drei Handys“ werde zu „Flüchtlinge leben in Saus und Braus“. „Eine Freundin meiner Nachbarin geht abends wegen der Flüchtlinge nicht mehr vor die Tür“ wird zu „Die öffentliche Sicherheit ist gefährdet“. In einem der letzten Kapitel von „Wer wir sein könnten“, entlarvt Robert Habeck einige typische sprachliche Figuren des Populismus: die unterstellte Alternativlosigkeit; die Unterstellung des Vorurteils, früher sei alles besser gewesen; die Einteilung der Gesellschaft in „Wir“ und „Die“.

Ein Plädoyer, sich politisch einzumischen – das ist „Wer wir sein könnten“ auch

„Wer wir sein könnten“ ist aber nicht nur ein Buch über gesellschaftliches Sprechen, es ist auch ein Plädoyer dafür, „sich politisch einzumischen. Die Jahre der Alternativlosigkeit seien vorbei, schreibt Robert Habeck. Sie seien abgelöst worden durch eine Zeit des politischen Rechtsrucks und der sprachlichen Ideologisierung. Was wir brauchen“, erklärt der Grünen-Chef, „ist eine Sprache, die Alternativen zulässt, die offen ist. Für eine Politik, die Vielfalt und Verschiedenheit als Stärke und Reichtum begreift.“

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