
Herr Walser, genau vor einer Woche haben Sie Ihr neues Hörbuch „Unglücksglück und Das geschundene Tier“ in einem Hamburger Studio aufgenommen. Nachdem die Sprachaufnahmen im Kasten waren, haben Sie nach einem Klavier verlangt. Wie kam es dazu?
Martin Walser: Der zweite Teil des Hörbuchs sind diese 39 Balladen von „Das geschundene Tier“. Als ich zu Hause die Aufnahme vorbereitet habe, ist es mir so vorgekommen, dass von einer Ballade zur anderen eine schwer nachempfindbare Pause entstehen könnte. Durch die Töne wollte ich sie verbinden und trennen gleichzeitig. So habe ich daheim ein bisschen am Flügel herumprobiert, mit welchen Tönen das zu machen ist. Und ich habe vorausgesetzt, dass im Studio ein Klavier sein würde, denn die letzte Aufnahme war in einem NDR-Studio und da stand ein wunderbarer Flügel. Jetzt waren wir aber in einem anderen Quartier. Dann hat aber diese wunderbare Tonmeisterin innerhalb einer halben Stunde ein Klavier hergeschafft. Und dann habe ich halt diese paar Töne draufgemacht und die Tonmeisterin hat sie dann entsprechend präpariert.
Es gibt nicht so viele Schriftsteller, denen bewusst ist, dass das Hörbuch ein eigenes Medium ist und nicht nur ein vorgelesenes Buch.
Martin Walser: Ja, wissen Sie, das war dieses Mal auch etwas anderes, als wenn ich einen Roman lese. Wenn der Autor seinen Roman liest, nimmt der Text eine „ursprüngliche Form“ an, weil der Autor das ja in der Stimme so drin hat, wie er es geschrieben hat, und es entsteht dann allmählich, weil er ja ziemlich lange liest, eine Atmosphäre. Eine Stimmung. Die ist unverfehlbar, die wird bei jedem Autor entstehen. Ich weiß nicht, ob sie bei jedem Schauspieler gleichermaßen entsteht. Da entsteht vielleicht ein Kunstwerk, aber beim Autor, das ist meine Meinung, entsteht noch etwas mehr. – Gut, und jetzt waren das aber Gedichte. Und da habe ich gemerkt: Das kann nicht nur vorgelesen werden, denn Gedichte verlangen einen anderen Ausdruck. Es wird vorgetragen werden müssen. Deshalb habe ich es dann auch vorgetragen und nicht bloß vorgelesen. Ich habe mich also diesen Sprachstimmungen überlassen. So ein Hörbuch muss insgesamt nicht bloß den Text bieten, sondern auch die Stimmung dessen, der das gemacht hat. Auch muss eine Art Conférence dazugemacht werden: Wann der jeweilige Text geschrieben worden war, manchmal auch unter welchen Umständen und so weiter. Das ist eine ganz andere Art der Produktion als bei einem Roman.
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Dass Sie das so wissen und spüren – hängt das auch damit zusammen, dass Sie ganz früher einmal Radio gemacht haben?
Martin Walser: Das weiß ich nicht. Das kann ich nicht sagen. Ich will auch nichts dazuerfinden. Aber ich weiß, dass, wenn ich jetzt viele Gedichte nacheinander lese, die zwar zeitlich so geordnet sind, dass sie auch eine Art Folge oder Erzählung abgeben, dass ich eine andere Stimmung ausdrücken muss, als wenn ich mich dem Roman überlasse. Der Roman erzählt sich . Diese Gedichte, die wollen aber doch jedes für sich eine eigene Lautqualität. Die sind ja vorgelesen oder vorgetragen viel mehr sie selber, als wenn sie bloß auf dem Papier stehen. – Wenn ich jetzt ein bisschen übertreibe: Die schreien ja geradezu danach, vorgetragen zu werden. Und das habe ich eben deutlich gemerkt, als ich sie zu Hause vorbereitet habe. Auch, dass es eine unmittelbarere Freude sein kann, solche Gedichte vorzulesen als eben Prosa. Da gibt es gar keinen Zweifel, und in anderen Ländern ist das ja noch ein bisschen mehr Brauch als bei uns, dass man Gedichte vorträgt. Ich werde jetzt auch zweimal aus diesem „Geschundenen Tier“ vorlesen. Aber ich kann mir noch nicht vorstellen, wie das geht gegenüber einem im Saal sitzenden Publikum.
Sie müssen eben auch einen Flügel auf der Bühne stehen haben und Klavier spielen.
Martin Walser: (lacht) Wissen Sie, der Unterschied ist, dass die Prosalesung bei uns sozusagen akzeptiert ist. Ich war einmal auf einem Literaturfestival in Toronto. Da waren aus allen Ländern Autoren da und da haben zwei – eine georgische und eine russische Autorin, glaube ich – die haben sich neben das Rednerpult gestellt, ohne Manuskript, ohne Buch und haben ihre ziemlich langen Gedichte auswendig vorgetragen. Und keiner hat die Sprache verstanden, aber wir haben alle verstanden, worum es geht. Das ist bei uns nicht mehr so drin. Wir sind also ein bisschen eine stumme Nation. Aber im Hörbuch kann man das noch einmal herauskommen lassen.
Was bereitet Ihnen mehr Freude: Das Bücher Schreiben, das Vorlesen oder gar das Komponieren?
Martin Walser: Na ja, komponieren – das ist übertrieben. Ich habe vier Töne ansteigen lassen und sich wieder senken lassen, jeweils gegliedert in Halbtöne. Das ist ein Tonelement und das macht halt Spaß so was. Und man darf das auch nicht vergleichen – das Schreiben oder Vortragen oder Vorlesen sind einander zu sehr verwandt als dass man da das eine dem anderen vorziehen könnte. Ich schreibe nach dem Gehör und nicht nach den optischen Vorstellungen. Ich beschreibe keine optischen Vorstellungen, sondern ich höre Sätze. Und wenn ich sie dann lese, dann kommen sie zu der Form, in der sie auch entstanden sind.
Das heißt, Sie lesen sich Ihre Texte auch selber laut vor, während des Schreibens?
Martin Walser: Nein, das nicht. Ich höre Sätze nicht akustisch, das ist wie bei einem Selbstgespräch: Das findet bei mir nicht in Bildern statt, sondern in Sätzen und diese Sätze haben eine rhythmische, hauptsächlich eine rhythmische Qualität und die schreibe ich dann nach – wenn ich einmal drin bin im Schreiben. Am Anfang kann das ja oft sehr mühselig sein, aber wenn ich mal drin bin, dann werden sie eben – das ist vielleicht paradox – dann werden sie zu akustischen, lautlosen Gebilden.
Ihr neues Hörbuch erscheint ziemlich genau zu Ihrem 80. Geburtstag am 24. März. Es dürfte Ihr rund 30. Werk sein. Freuen Sie sich darüber noch wie über ein schönes Geburtstagsgeschenk?
Martin Walser: Na ja, das hat mit dem Geburtstag … gut, ich gebe zu, dass ich vielleicht zum ersten Mal etwas terminiert habe. Wenn man schon weiß, was in unserem Klima und unserer Kultur mit solchen Daten gemacht wird – und da ich etwa sei acht Jahren diese Texte „Das geschundene Tier“ schreibe – da habe ich mir irgendwann letzten Herbst gedacht: Ja, das leg ich zum Geburtstag vor und da können die Leute sehen, wie es einem zumute ist – eben wie einem geschundenen Tier.
Ich habe auf Ihrem neuen Hörbuch auch das Mundart-Gedicht „Zletzschd“ [Zuletzt] gefunden, das handelt von einer Sprache, die tief in uns wurzelt und in der wir uns zu Hause fühlen, zu der wir hinabtauchen müssen, die wir aber niemandem weitergeben können. Wie sprechen Sie im Kreise Ihrer Familie? Konnten Sie an Ihre vier Töchter das Alemannische weitergeben?
Martin Walser: Eben, wie es in diesem Gedicht heißt: Ich habe es von diesem und von jenem und ich weiß noch genau, von wem ich es hab’, aber ich kann’s keinem mehr geben. Also meine Mutter konnte es mir noch geben, das Alemannisch war die Sprache meiner Mutter und so ist Alemannisch meine Muttersprache. Meine Mutter hat nie einen perfekten hochdeutschen Satz gesagt. Und wir sprechen halt so ein Mischmasch, so einen Gegendmischmasch, wie er jetzt üblich ist. Wir sprechen nicht Hochdeutsch. Keinesfalls. Aber „zletzschd“, das würden wir schon noch auch hier sagen. Doch den vollen alemannischen Klang, denn hätte in der Familie ja auch nur ich. Die Kinder sind ja schon in württembergische oder in bayerische Schulen gegangen.
Sie sagen das mit einem Bedauern?
Martin Walser: Natürlich, da geht schon was verloren. Aber das ist wie mit allem. Man mag es bedauern oder nicht, aber es geht ja andauernd etwas verloren. Das heißt nicht, dass die Welt ärmer wird, weil es entsteht ja auch andauernd was. Es entsteht Poetry Slam, Mischsprachen, Rap oder weiß der Teufel was, es wird dauernd lebendig Sprache produziert. Das kriegt man mit und das ist doch gut! Und dann darf man selber sich mit seinem Mitgekriegten, darf man irgendwann sich als Verlust verbuchen. Das ist nicht so schlimm.
Mindestens zwei Texte auf Ihrem Hörbuch – „Biographie“ und „Das geschundene Tier“ – befassen sich mit der Zunge. Warum ist Ihnen die Zunge so wichtig?
Martin Walser: Die Zunge ist – na, ich will jetzt nicht übertreiben – ich kann’s auch nicht ganz ausschließlich sagen – sie ist auf jeden Fall: Entweder der geistigste oder der zweitgeistigste Körperteil. Die Zunge ist ja das Empfindlichste. Sie wirkt wie reine Materie und dabei ist sie ungeheuer nervös. Man macht alles mit ihr. Außerdem hat sie ja noch eine metaphorische Bedeutung.
Ein kleines munteres Gedicht befasst sich mit einem anderen Körperteil – Großmutters Nase, die weiterzugeben das lyrische Ich „bestimmt ist“. Ein anderes handelt von einer Mutter, wieder eines von einem Bruder. Welchen Stellenwert hat die Familie in Ihrem Leben – auch unter dem Aspekt, dass Sie sehr früh bereits Ihren Vater verloren haben? Bitte verzeihen Sie mir diese private Frage, ich frage dies auch, weil ich selbst meinen Vater sehr früh verlor.
Martin Walser: Deswegen bleibt doch unsereinem alles fremd, was man rundum auch in kultureller Überbetonung mit Vater-Sohn-Konflikt illustriert sieht! – Vatermord und weiß der Teufel was es da alles gibt. Ich weiß nicht, was ich für ein Verhältnis zu meinem Vater gehabt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Aber so habe ich ein reines Liebes- und Verehrungs- und Anbetungsverhältnis. Und überhaupt nicht etwas Negatives. Und damit ist man ja schon ziemlich unnormal, weil als Sohn sollte man …, das kennen Sie ja, die ganzen Kulturgerüchte – von Ödipus bis sonst was … Und es kann ja gar nicht ausbleiben, wenn der Vater weg ist, dass dann die Familie, ohne dass das ein Kind weiß – aber es kriegt es mit –, dass man sich ein bisschen enger zusammen schließt als in einer glücklich, frei und unbeschädigt dahinlebenden Familie. Die Mutter passt mehr auf die Kinder und die Kinder passen mehr auf die Mutter auf, als wenn der Vater noch da wäre. Und dieses Gedicht an den Bruder, das ist ja an den mit 19 gefallenen Bruder. Da habe ich halt auch mal diese Zeilen gemacht.
Hat sich Ihre Einstellung zur Familie im Laufe Ihres Lebens verändert?
Martin Walser: Wissen Sie, das gilt ja nicht nur für die Familie, aber für die Familie gilt das ganz besonders: Dass man die Wichtigkeit eines Lebensumstands nicht misst und benennt und formuliert. Das merkt man halt im Lauf der Zeit, in wie viel Fragen und Entscheidungen man sich ganz von selber, unbewusst danach gerichtet hat, was die Familie dazu sagen würde. Die Mutter in dem Fall, die hat natürlich einen unendlichen Einfluss gehabt auf mich. Es war für mich sehr schwer zu schreiben und zu wissen, dass sie das nicht unbedingt billigen wird oder billigen kann. Ich bin erst – sage ich jetzt mal – rehabilitiert worden, als … Gut, mein erstes Buch, das waren so literarische Geschichten, die hat sie schlechterdings gar nicht lesen können. Ich weiß nicht, ob sie die je in die Hand genommen hat. Da hat sie auch nie etwas gesagt. Aber dann, der erste Roman „Ehen in Philippsburg“, das war mir schon klar, dass ich … Ich hätte ihr das nie in die Hand gegeben. Aber dann hat sie es gelesen und hat gesagt: Sie hat das nicht fertig lesen können. Ich glaub’, sie hat sogar die Seite gesagt: Bis dahin hat sie es gelesen. Gut, dann war das schmerzlich, aber sie hat weiter nichts dazu gesagt. Aber dann kam einmal – wir hatten ja damals eine Gaststätte in Wasserburg; da kam ein Pfarrer aus Regensburg und der hat das Haus besucht und mit meiner Mutter gesprochen und ihr gesagt, dass sie einen akzeptablen Sohn habe und er habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Von da an war ich gewissermaßen akzeptiert.
Was sagen Sie zur aktuellen familienpolitischen Diskussion – insbesondere zur Tendenz, den Eltern durch Ganztagsbetreuung die Verantwortung über ihre Kinder zu entziehen, damit sie selbst arbeiten können?
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