Angst und Schrecken in Dieselland. Kolumne | BUCHSZENE

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Der Spider und der Kanzler-Daimler – Steinleitner über Autos in Romanen und das Ende des Autos

Steinleitners Woche Kolumne 142

7. März 2018 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Sie ist vorbei, die Zeit der großen Auto-Romane, in denen das Auto für Freiheit, Jugend, Coolness stand. Steinleitners Woche über Cabrios, Sex, „On the Road“, Hunter S. Thompson und die Auto-Industrie.


Dieser schöne, offene Wagen aus den frühen 1970ern

Wir waren neunzehn und Duke holte mich mit einem Triumph TR6 zu Hause ab. Er fand, das Auto sei angemessen für eine Fahrt zur Abiturfeier. Duke hieß eigentlich nicht Duke, wir nannten ihn so wegen der Hauptfigur in Hunter S. Thompsons Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“, dessen Szenen wir zu jener Zeit im Rahmen unserer Möglichkeiten nachspielten. Wichtiger Bestandteil dieser Möglichkeiten war das Auto: dieser schöne, offene Wagen aus den frühen 1970er-Jahren. Für mich, der ich mich für Autos kein bisschen interessiere, ist der Triumph noch immer eines der coolsten Fahrzeuge, die jemals gebaut wurden.

Im Bundeskanzler-Daimler suchten wir die Freiheit

Ein bisschen wehmütig blicke ich auf diese Zeit zurück: Wir fuhren durch Europa im Triumph oder auch in einem von Dukes anderen Autos, einem Fiat Spider aus den Siebzigern oder einem riesigen Mercedes mit gewaltiger PS-Zahl (ich nannte ihn den „Bundeskanzler-Daimler“). Mit im Gepäck war immer mindestens einer der schönen Auto-Romane – John Kerouacs „On the Road“ gehörte natürlich auch dazu – wenn wir nach dem Gefühl grenzenloser Freiheit suchten. In einem coolen Auto unterwegs zu sein, verhieß Ende der 1980er und Anfang der 1990er noch Abenteuer ohne Gewissensbisse. Das hat sich nun erledigt – ähnlich wie Aids die Menschheit in Sachen Sex zur Vernunft gezwungen hat, bricht nun auch beim Auto endgültig die Zeit der Ratio an. Dass dies so ist, haben wir der vollkommen vernagelten Autoindustrie zu verdanken, die anscheinend gar nichts verstanden hat.

Es ist so bequem: Ich steige ein und bin in drei Stunden in Italien

Egal wie sehr für viele von uns das Auto noch als Untersatz eines Lebensgefühls und als Symbol für Freiheit, Mobilität und Individualität angesehen wird: Wir müssen uns vom Auto, so wie wir es kannten, verabschieden. Wir müssen vernünftig werden. Das Auto verschmutzt unsere Luft, es schädigt unsere Körper, es macht uns krank. Wir können so nicht weitermachen. Im tiefsten Herzen haben die meisten von uns dies auch längst begriffen. Aber am Auto hängt eben so viel. Nicht nur die Erinnerungen, es ist halt auch so praktisch, das Auto. Es steht vor der Tür, ich gehe raus, steige ein und fahre damit wohin ich will. Theoretisch kann ich jetzt in diesem Moment vom Laptop aufstehen, dreißig Schritte gehen, einsteigen – und in nicht einmal drei Stunden bin ich in Italien. Der große europäische Traum. Stattdessen erleben wir „Angst und Schrecken in Dieselland“.

Wir können so nicht mehr weiterleben – es gibt nur eine Möglichkeit

Wir können so nicht mehr weiterleben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig. Die deutschen Gerichte haben ein unmissverständliches Urteil gesprochen. Die Städte für Diesel-Autos zu sperren wird nur ein erster, kleiner Schritt sein. Der ganz andere Punkt ist, dass wir alle uns ändern müssen. Allerdings – eine kleine Chance gibt es noch: falls die Autoindustrie endlich kapiert, dass sie uns schnellstmöglich Autos anbieten muss, die nicht die Umwelt zerstören und uns krank machen. Aber momentan wird in den Autokonzernen offensichtlich nur gemauert. Die Entscheider glauben, einfach so weitermachen und noch über Jahre Millionen mit Motoren scheffeln zu können; mit Motoren, die Menschen töten. Und wenn es sein muss, dann eben in China. Doch mit dieser skrupellosen Einstellung befinden sie sich auf einem Irrweg. Wer mal in Peking war und den Smog erlebt hat, weiß: Das Auto, so wie es heute auf unseren Straßen herumfährt, ist nicht zu retten. Die coolen Schlitten, die in zukünftigen Romanen von grenzenloser Freiheit und Jugend erzählen werden, müssen völlig anders konzipiert sein. Es ist Zeit, dass sie endlich erfunden werden.

P.S.: Dass der Freund von Duke aus Hunter S. Thompsons Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“ Anwalt ist, war für Jörg Steinleitner eines der schwerwiegendsten Argumente, Jura zu studieren. Die Aufgabe dieses herrlich schmierigen Juristen in diesem herrlich wahnwitzigen Roman ist es, sich selbst und seinen Kumpel Duke immer wieder aus den brisanten Situationen zu retten, in die sie ihre Gesetzesübertretungen bringen. Dieses Buch ist für Leser unter achtzehn nicht geeignet.

P.P.S.: Hunter S. Thompsons Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“ wurde 1998 mit Johnny Depp verfilmt. Jörg Steinleitner findet: Das Buch ist wesentlich besser.

P.P.S.: Jörg Steinleitner schrieb selbst mal einen großartigen Auto-Roman. Gemeinsam mit Matthias Edlinger verfasste er die der Popliteratur zugerechnete Road-Novel „205.203 Zeichen“. Das Auto, das darin vorkommt, findet Steinleitner heute nicht mehr ganz so cool. Es ist ein BMW Z3. Aber es waren ja auch die 90er.

P.P.P.S: Ein recht frischer Road-Roman nimmt uns im Trabi mit in die Walachei – Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ sollte jeder mal gelesen haben, auch wenn es eigentlich ein Jugendbuch ist.

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Angst und Schrecken in Las Vegas - Hunter S. Thompson

Hunter S. Thompson

Angst und Schrecken in Las Vegas

ISBN 978-3-453-40137-2

253 Seiten, € 9,99

Heyne

205.293 Zeichen Jörg Steinleitner und Matthias Edlinger

Jörg Steinleitner, Matthias Edlinger

205.293 Zeichen

ISBN 978-3-929879-07-0

162 Seiten, € 8,00

Lagrev-Verlag

Erhältlich bei amazon

Tschick - Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf

Tschick

ISBN 978-3-499-21651-0

256 Seiten, € 999

Rowohlt

Jörg Steinleitner
Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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Jörg Steinleitner
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