Dieser schöne, offene Wagen aus den frühen 1970ern
Wir waren neunzehn und Duke holte mich mit einem Triumph TR6 zu Hause ab. Er fand, das Auto sei angemessen für eine Fahrt zur Abiturfeier. Duke hieß eigentlich nicht Duke, wir nannten ihn so wegen der Hauptfigur in Hunter S. Thompsons Roman „Angst und Schrecken in Las Vegas“, dessen Szenen wir zu jener Zeit im Rahmen unserer Möglichkeiten nachspielten. Wichtiger Bestandteil dieser Möglichkeiten war das Auto: dieser schöne, offene Wagen aus den frühen 1970er-Jahren. Für mich, der ich mich für Autos kein bisschen interessiere, ist der Triumph noch immer eines der coolsten Fahrzeuge, die jemals gebaut wurden.
Im Bundeskanzler-Daimler suchten wir die Freiheit
Ein bisschen wehmütig blicke ich auf diese Zeit zurück: Wir fuhren durch Europa im Triumph oder auch in einem von Dukes anderen Autos, einem Fiat Spider aus den Siebzigern oder einem riesigen Mercedes mit gewaltiger PS-Zahl (ich nannte ihn den „Bundeskanzler-Daimler“). Mit im Gepäck war immer mindestens einer der schönen Auto-Romane – John Kerouacs „On the Road“ gehörte natürlich auch dazu – wenn wir nach dem Gefühl grenzenloser Freiheit suchten. In einem coolen Auto unterwegs zu sein, verhieß Ende der 1980er und Anfang der 1990er noch Abenteuer ohne Gewissensbisse. Das hat sich nun erledigt – ähnlich wie Aids die Menschheit in Sachen Sex zur Vernunft gezwungen hat, bricht nun auch beim Auto endgültig die Zeit der Ratio an. Dass dies so ist, haben wir der vollkommen vernagelten Autoindustrie zu verdanken, die anscheinend gar nichts verstanden hat.
Es ist so bequem: Ich steige ein und bin in drei Stunden in Italien
Egal wie sehr für viele von uns das Auto noch als Untersatz eines Lebensgefühls und als Symbol für Freiheit, Mobilität und Individualität angesehen wird: Wir müssen uns vom Auto, so wie wir es kannten, verabschieden. Wir müssen vernünftig werden. Das Auto verschmutzt unsere Luft, es schädigt unsere Körper, es macht uns krank. Wir können so nicht weitermachen. Im tiefsten Herzen haben die meisten von uns dies auch längst begriffen. Aber am Auto hängt eben so viel. Nicht nur die Erinnerungen, es ist halt auch so praktisch, das Auto. Es steht vor der Tür, ich gehe raus, steige ein und fahre damit wohin ich will. Theoretisch kann ich jetzt in diesem Moment vom Laptop aufstehen, dreißig Schritte gehen, einsteigen – und in nicht einmal drei Stunden bin ich in Italien. Der große europäische Traum. Stattdessen erleben wir „Angst und Schrecken in Dieselland“.
Wir können so nicht mehr weiterleben – es gibt nur eine Möglichkeit
Wir können so nicht mehr weiterleben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig. Die deutschen Gerichte haben ein unmissverständliches Urteil gesprochen. Die Städte für Diesel-Autos zu sperren wird nur ein erster, kleiner Schritt sein. Der ganz andere Punkt ist, dass wir alle uns ändern müssen. Allerdings – eine kleine Chance gibt es noch: falls die Autoindustrie endlich kapiert, dass sie uns schnellstmöglich Autos anbieten muss, die nicht die Umwelt zerstören und uns krank machen. Aber momentan wird in den Autokonzernen offensichtlich nur gemauert. Die Entscheider glauben, einfach so weitermachen und noch über Jahre Millionen mit Motoren scheffeln zu können; mit Motoren, die Menschen töten. Und wenn es sein muss, dann eben in China. Doch mit dieser skrupellosen Einstellung befinden sie sich auf einem Irrweg. Wer mal in Peking war und den Smog erlebt hat, weiß: Das Auto, so wie es heute auf unseren Straßen herumfährt, ist nicht zu retten. Die coolen Schlitten, die in zukünftigen Romanen von grenzenloser Freiheit und Jugend erzählen werden, müssen völlig anders konzipiert sein. Es ist Zeit, dass sie endlich erfunden werden.
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