Jürgen Seibold: Kinder. Thriller. Buchkritik | BUCHSZENE

Zwei neue Lehrer kommen an die Schule – und plötzlich verändern sich die Kinder: Sie werden aggressiv und abweisend. Jürgen Seibolds Thriller „Kinder“ erzählt von einem gruseligen Psychospiel.

Jürgen Seibolds Thriller „Kinder“ ist ein erschreckend realistischer Psychothriller

20. Mai 2020 | Stephanie Pointner

Titelbild Kinder

©Joe Theresakdhi shutterstock-ID 1675019830

Eltern nehmen Veränderungen an ihren Kindern wahr

Annette, Rainer und ihre Kinder Sarah, Michael und Lukas sind eine ganz normale Familie aus der Nähe von Stuttgart. Nach dem Ende der Sommerferien besuchen die drei Kinder wie gewohnt ihr Gymnasium, an welchem zwei neue Lehrer ihren Dienst antreten. Diese Lehrer sind das Ehepaar Moeller, das ganz neue und vor allem unkonventionelle pädagogische Methoden umsetzt. Nach einigen Wochen müssen die Eltern entsetzt feststellen, dass sich ihre Kinder verändert haben, zunehmend abweisend reagieren und zu aggressivem Verhalten neigen. Bei einem Elternstammtisch berichten auch andere Mütter über derartige Wesensänderungen ihrer Kinder. Schnell bildet sich ein Verdacht gegen das Lehrerehepaar.

Tod, Sex, Gewalt – dramatische Ereignisse an einem Gymnasium

Dieser Verdacht erhärtet sich, als sich immer mehr schockierende Geschehnisse am Gymnasium häufen. So kommt es zu einer Vergiftung, mehreren Schlägereien mit Körperverletzung, dem Suizidversuch eines Schülers und einem sexuellen Übergriff. Alle Beteiligten schweigen zu den Tathergängen und Auslösern und die Schüler scheinen etwas zu verbergen. Den traurigen Höhepunkt der Ereignisse stellt allerdings der Unfalltod eines Schülers dar. Während Annette und Rainer weiterhin von einer Beteiligung des Lehrerehepaars ausgehen, schlagen sich beinahe alle anderen Eltern, nach einem klärenden Gespräch, auf die Seite von Herrn und Frau Moeller.

Ein Elternpaar ermittelt und entdeckt Erschreckendes

Annette und Rainer beginnen daraufhin im Alleingang zu recherchieren und decken dabei ähnliche Fälle an Schulen auf, an denen das Ehepaar zuvor unterrichtet hat. Hierbei übersehen sie allerdings, dass das Ehepaar nicht allein agiert, sondern Teil einer großen, im Verborgenen handelnden Institution ist. Sowohl Annette als auch Rainer und ihre Kinder werden zum Spielball in einem perfiden Plan.

Jürgen Seibold übt in seinem Psychothriller Kritik an der Leistungsgesellschaft

„Kinder“ ist kein Psychothriller, der der Leser*in durch nervenzerreißende Spannung schlaflose Nächte beschert. Ganz im Gegenteil ist der Roman trotz eines Mordfalls eher nüchtern und unaufgeregt erzählt. Dennoch ist die Handlung mitreißend und fesselnd. Jürgen Seibold gelingt es, Kritik an unserer leistungsorientierten Gesellschaft mit einer schockierenden Handlung zu verknüpfen.

Hinter dem Handeln der Lehrer steckt eine ominöse Institution

Beim Lesen wird einem schnell klar, dass das Ehepaar Moeller von der Institution instrumentalisiert wurde. Die Intuition strebt danach, eine leistungsstarke Elite zu formen, die die Gesellschaft in eine bessere Zukunft führen soll. Herr und Frau Moeller sowie die anderen Mitglieder der Institution setzen alles an die Erreichung dieses Ziels. Hierfür schüren sie unter den Schülern eine Atmosphäre aus Druck und Neid und versuchen den Ehrgeiz und die Zielstrebigkeit der Kinder zu fördern.

„Kinder“ ist eine schockierende Geschichte über Psychoterror

Dabei ist ihnen jedes Mittel recht, und dass dies auf Kosten von Mitgefühl und Rücksichtnahme geht, ist ihnen dabei herzlich egal. Ganz im Gegenteil  begrüßen sie sogar die sozialen Reibungen und das Mobbing, da es ihrer Meinung nach zu einer Leistungssteigerung führt. Ich war beim Lesen oftmals schockiert, welche Methoden das Lehrerehepaar angewendet hat um die missgünstige Stimmung immer weiter anzuheizen und dadurch sogar den Tod von Kindern in Kauf nimmt. Aber auch die Methoden, die kritische Eltern mundtot machen sollen, grenzen an Psychoterror und sind wirklich erschreckend und zudem äußerst realistisch.

Das von Jürgen Seibold entworfene Szenario ist sehr realistisch

Obwohl der Thriller keine große Spannung bietet, sondern lediglich von den psychologischen Spielchen und sozialen Entwicklungen lebt, ist er unfassbar packend. Ich musste das Buch binnen eines Tages beenden. Die provokant aufgezogenen Themen Leistungsdruck, Mobbing, Missgunst, und die darin verpackte Gesellschaftskritik, beschäftigten mich noch Tage nach Beenden des Thrillers. Das von Jürgen Seibold entworfene, fiktive Szenario ist erschreckend realistisch und geht einem komplett unter die Haut. Allen voran die Tatsache, dass Kinder die Opfer sind und oftmals keinen Ausweg mehr sehen, hat mich sehr beschäftigt.

Schüler werden nurmehr als Menschenmaterial angesehen

Aber auch die Kapitel rund um die Institution konnten mich überzeugen, da auch sie erschreckend reell sind. Der Vorsitzende betreibt bei den Mitgliedern Gehirnwäsche, um seine eignen Ziele zu erreichen, ohne selbst die Drecksarbeit zu machen. Alle empathischen und menschlichen Seiten werden ausgeblendet, da rein das Erreichen des Ziels zählt. Dadurch werden die Schüler auch nicht mehr als menschliche Wesen, sondern nurmehr als Material angesehen. Dies hat zur Folge, dass den Mitgliedern der Institution nicht einmal der Tod von Kindern nahe geht, da dieser einzig der Erreichung des Ziels dient. Besonders verstörend fand ich, dass alle Mitglieder austauschbar sind und wie mit abtrünnigen Mitgliedern oder jenen, die Fehler machen, umgegangen wird. Die Geschichte weist einige Parallelen zu Morton Rhues „Die Welle“ auf; es empfiehlt sich daher vor allem für interessierte Leser*innen von Romanen über Psychospiele.

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