„Bin ich zu blöd für John Irvings brillante Schreibkunst?“, fragt sich Jörg Steinleitner und bittet Benedict Wells um Rat

„Bin ich zu blöd für John Irvings brillante Schreibkunst?“, fragt sich Jörg Steinleitner und bittet Benedict Wells um Rat

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik


Komik


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Gänsehaut


Unterhaltung


13. Juni 2016 | Jörg Steinleitner


Es schmerzt mich, dies zu schreiben: Ich komme schlecht rein in diesen neuen Roman von John Irving. Der Lesesog, der Flow lässt auf sich warten. Dabei erzählt John Irving mit überbordender Farbenpracht die Geschichte zweier ungewöhnlicher Helden: des Waisenjungen Juan Diego und seiner Schwester Lupe, die auf einer Müllkippe in Mexiko aufwachsen. Aus Juan Diego wird einmal ein berühmter Schriftsteller. Seine Schwester kann Gedanken lesen. Aber irgendwie kommt ihre Geschichte nicht so richtig ins Rollen. Oder bin ich, der Kritiker, einfach zu blöd, um Irvings Schreibkunst zu begreifen? Eine Spurensuche mit einem begeisterten Pro-Irving-Plädoyer von Benedict Wells.

„Straße der Wunder“ stürzt mich in ein Dilemma – ich möchte Irving mögen!

Ich bin selbst Schriftsteller und mag es nicht, wenn schlecht über die Bücher von Kollegen geschrieben wird. Glauben Sie mir: Ein Verriss tut jedem Schriftsteller weh, auch einem äußerst erfolgreichen. Man sollte immer das Positive hervorheben, finde ich. Auch ein weniger gelungenes Buch zu schreiben kostet übermenschliche Kraft und viel Lebenszeit.

Jetzt kommt mir die Aufgabe zu, über John Irvings „Straße der Wunder“ zu schreiben. Und ich stehe vor einem Dilemma: 393 der 771 Seiten habe ich gelesen, also über die Hälfte, und ich bin immer noch nicht drin in der Geschichte der beiden Waisenkinder Juan Diego und Lupe. Ich weiß schon, es gibt Bücher, da braucht man wirklich lange bis sie einen haben. Aber 393 Seiten?

Kann Benedict Wells mir helfen? Irving veränderte immerhin sein Leben

Dabei möchte ich Irving mögen! Benedict Wells, den ich für einen der talentiertesten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit halte, hat mir kürzlich in einem Interview anvertraut, dass er seinerzeit als Fünfzehnjähriger wegen Irving beschlossen hatte, Schriftsteller zu werden. Ich hatte noch nie etwas von Irving gelesen und freute mich – auch wegen Wells – auf die Lektüre seines neuen Buch. Und jetzt das! Was tun?

Ich schreibe Wells eine Mail und frage ihn, was er von „Straße der Wunder“ hält. Er antwortet mir: „Das neue Buch von Irving habe ich noch nicht gelesen. Meine Lieblingswerke waren und sind ‚Gottes Werk & Teufels Beitrag‘, ‚Das Hotel New Hampshire‘, ‚Garp und wie er die Welt sah‘ und ‚Owen Meany‘. Diese Bücher liebe ich, weil sie leidenschaftlich und mitreißend erzählt sind, weil sie vor großartigen Charakteren, verrückten Ideen, Humor und Tragik überschäumen, weil alles möglich ist und man trotzdem jede Seite glaubt. Irving kann einem in diesen Geschichten alles verkaufen, auch Anarchisten, sprechende Bären, Bomben, Huren, footballspielende Transvestiten, Einäugige, Liebe, Trauer oder einen kleinwüchsigen Messias mit Fistelstimme. Ob das im neuen Buch auch so ist, weiß ich natürlich nicht, aber in diesen vier Romanen ist es so. Es sind für mich Wunderwerke des Erzählens.“

Religion und Viagra, Müll und Mexiko, Menschen und ihre Schwächen

Nachdem ich Wells‘ Zeilen gelesen habe, fühle ich mich noch schlechter: Bin ich zu blöd, um Irving, um ein „Wunderwerk des Erzählens“ zu verstehen? Obendrein steht im Mittelpunkt des Romans ein Schriftsteller, denn aus dem hochbegabten Müllkippenkind Juan Diego wird im Laufe der Geschichte ein erfolgreicher Autor.

Na klar erkenne ich die Sprachgewalt und Farbenpracht in und mit der Irving schreibt. Den Bilderreichtum. Die überbordende Fülle an Wissen über Mexiko, die Philippinen, die Welt. Über das Leben der Müllkippenkinder und das Leben überhaupt. Über Religion und Viagra. Über Menschen und ihre Schwächen. Aber ich muss mich unglaublich konzentrieren, um der Geschichte zu folgen. Es entsteht kein Sog, kein Flow. Es ist so schade. „Die Straße der Wunder“ und ich, das wird nichts mehr.

Aber ich darf nicht aufgeben. Ich vertraue Benedict Wells. Wenn er wegen Irving so ein fabelhafter Schriftsteller wurde, dann muss dieser Irving selbst doch auch ein fabelhafter Schriftsteller sein. Ich werde weitere Irving-Romane lesen. Ich will es wissen. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

John Irving

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