Ungläubige Pastorin gründet Körperverletzungsagentur – Jonas Jonassons Roman „Mörder Anders …“

Ungläubige Pastorin gründet Körperverletzungsagentur – Jonas Jonassons Roman „Mörder Anders …“

Jonas Jonasson

© Sara Arnald

BUCHSZENE-Faktor:

Romantik

Komik


Weisheit


Gänsehaut


Unterhaltung


28. Juni 2016 | Jörg Steinleitner


Dieser Roman ist genau die richtige Lektüre für alle Freunde luftig-leichten Humors. Für alle Schwedenreisenden ist er ein absolutes Muss. Aber auch für alle anderen Länder ist diese Komödie gut geeignet. Es ist Urlaubslektüre bester Machart. Und doch muss man eines anmerken.

Man liest, man schmunzelt, und manchmal lacht man sogar laut auf

Vermutlich gibt es derzeit auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Schriftsteller, die das Humorhandwerk so beherrschen wie Jonas Jonasson. Die Leichtigkeit, mit der der Schwede Weltpolitik und gesellschaftliche Phänomene, zwischenmenschliche und religiöse Wahrheiten verdreht und dadurch Witz entstehen lässt, ist einzigartig. Auch sein neuestes Werk „Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind“ wird getragen von köstlich verrückten Einfällen und von einem Tonfall, dessen Heiterkeit unwiderstehlich ist. Und so geschieht bei der Lektüre dieses neuen Buchs zunächst auch, was man schon von der Lektüre des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ kennt: Man liest und schmunzelt, und manchmal lacht man sogar laut auf.

Hauptzweck der Firma: Reichtümer anhäufen und Spaß haben

Dieses Mal erzählt Jonasson die Geschichte eines Mörders, der auf Betreiben einer arbeitslosen, vom Glauben ab- und der Lüge zugefallenen Pastorin und eines Hotelportiers eine Körperverletzungsagentur gründet. Hauptzweck der Firma ist es, Reichtümer anzuhäufen und in Saus und Braus zu leben. Zunächst läuft alles prima: Mörder Anders vermöbelt im Auftrag zahlungskräftiger Kundschaft alle möglichen Leute und das Trio kassiert gehörig ab.

Doch dann findet der Mörder zur Bibel und zu Jesus – eine Katastrophe!

Doch eines Tages stellt sich der Körperverletzer die Sinnfrage, findet zu Jesus und zur Bibellektüre und das Unvermeidliche geschieht: Mörder Anders mag kein Bösewicht mehr sein. Die Krise ist da. Und die geldgierige Pfarrerin und der Hotelportier, der mit ihr zwischenzeitlich eine Liebesbeziehung eingegangen ist, haben ein Problem.

Köstliche Seitenhiebe auf die schwedische Gesellschaft und Politik

Wie die Story ausgeht, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Jonasson schlachtet mit großem Sinn für schönsten Literaturquatsch allerlei Bibelstellen aus. Verdreht sämtlichen Evangelisten das Wort im Mund. Und schickt seine Helden auf groteske Jagden, Fluchten, verstrickt sie in Lügen, kredenzt absurde Dialoge und Beischlafszenen und brät nebenbei der schwedischen Politik immer wieder mal gekonnt eins über: „In Schweden geht man nämlich davon aus, dass jeder, der mehr als zehntausend Kronen bar auf der Kralle hat, entweder ein Verbrecher ist oder Steuern hinterzogen hat, oder gleich beides.“ Oder an anderer Stelle: „In einem Land, in dem es 200 Jahre keinen Krieg gegeben hat, hatte man jede Menge Zeit, so gut wie alles zu reglementieren, was friedlicher Natur war.“

Das Trio kauft eine Kirche und landet damit in einer Sackgasse

Dieser Roman ist also genau die richtige Lektüre für alle Freunde luftig-leichten Humors. Außerdem ein absolutes Muss für alle Schwedenreisenden, denn es gibt kaum eine schwedische Stadt, die in diesem Buch unerwähnt bleibt. Aber auch für alle anderen Länder ist diese Komödie geeignet. Es ist Urlaubslektüre bester Sorte. Und dennoch muss, dies ganz zum Schluss, angemerkt werden, dass die zweite Hälfte der Geschichte das Humorniveau des ersten Teils nicht halten kann. Jonassons Erzählkunst wird hier Opfer der Dramaturgie der Geschichte. Denn das Trio kauft eine Kirche und ist fortan an einen Platz gebunden. Und mit einem Mal kann Jonasson das, was er so meisterhaft beherrscht, nicht mehr ausspielen: seine urkomischen Helden im Rahmen einer durchgeknallten Roadnovel von einem Abenteuer ins nächste zu schicken. Die Geschichte hängt in der Kirche fest wie in einer Sackgasse – und mit ihr leider auch die wirklich besonderen Protagonisten Mörder Anders, Pastorin und Portier. Aber Schwamm drüber: Lesen Sie das Buch trotzdem, es macht wirklich Spaß!

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Jonas Jonasson

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

ISBN 978-3-570-58501-6

416 Seiten, € 14,99

carl's books

Jonas Jonasson

Die Analphabetin, die rechnen konnte

ISBN 978-3-570-58512-2

448 Seiten, € 19,99

carl's books

Jonas Jonasson

Geboren 1961 im schwedischen Väyjö, arbeitete Jonas Jonasson zunächst als Journalist und gründete später eine Medien-Consulting-Firma. Nach 20 Jahren verkaufte er das Unternehmen, zog für eine Weile ins Tessin und…
Zur Biografie von Jonas Jonasson

Jonas Jonasson

Geboren 1961 im schwedischen Väyjö, arbeitete Jonas Jonasson zunächst als Journalist und gründete später eine Medien-Consulting-Firma. Nach 20 Jahren verkaufte er das Unternehmen, zog für eine Weile ins Tessin und…
Zur Biografie von Jonas Jonasson

Mehr zur Rubrik
In Leϊla Slimanis Roman „All das zu verlieren“ riskiert eine Frau und Mutter wegen ihrer Sexsucht alles
All das zu verlieren

Bestseller-Check | 15. Juli 2019 | Jörg Steinleitner

Adèle ist Ehefrau, Mutter und sexsüchtig. Ihre Krankheit bringt sie in dunkle Gassen, in die Hände gewalttätiger Männer und in Lebensgefahr. Leϊla Slimanis „All das zu verlieren“ im Bestseller-Check.

In Joël Dickers Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ rollt eine Journalistin einen alten Fall neu auf
Titelbild Das Verschwinden der Stephanie Mailer

Bestseller-Check | 24. Juni 2019 | Jörg Steinleitner

Drei Leichen im Haus und davor eine tote Joggerin. Die Polizei findet schnell einen Schuldigen. War er es wirklich? Joël Dickers „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist ein hochkomplexes Krimivergnügen.

Alex Michaelides‘ Debütroman „Die stumme Patientin“ ist Lektüre für Fitzek-Fans
Titelbild Die stumme Patientin

Bestseller-Check | 21. Juni 2019 | Tim Pfanner

Sie hat ihn mit fünf Schüssen getötet. Doch die Tagebucheinträge der Malerin Alicia zeugen von einer großen Liebe. Alex Michaelides‘ Thriller „Die stumme Patientin“ entspinnt ein Psychospiel.

In Tom Sallers Roman „Wenn Martha tanzt“ findet eine selbstbewusste junge Künstlerin ihren ganz eigenen Weg
Titelbild Wenn Martha tanzt

Bestseller-Check | 31. Mai 2019 | Jörg Steinleitner

Martha kann Musik sehen. Was fängt man 1919 mit einem solchen Talent an? Tom Saller schickt die Heldin seines Debütromans „Wenn Martha tanzt“ in die frisch gegründete Weimarer Bauhaus-Kunstschule.