Früher fühlte Frau sich mit fünfzig alt. Heute markiert die Lebensmitte einen Glückszustand. SPIEGEL-Autorin Susanne Beyer erklärt im Interview über ihr Hörbuch „Die Glücklichen“ wieso.

Susanne Beyer im Interview über „Die Glücklichen – Warum Frauen die Mitte des Lebens so großartig finden“

13. August 2021 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Die Glücklichen

Frau Beyer, was ist die besondere Situation der Frauen in der Lebensmitte, um die Ihr Hörbuch kreist?

Wie viel Zeit haben Sie? Da gäbe es so viel zu sagen. Um es auf einen einzigen Punkt zu bringen: Frauen in der Lebensmitte haben viel Erfahrung und oft sehr viel Kraft. Es wird Zeit, diese Erfahrung, diese Kraft auf allen Ebenen zu nutzen. Wir leben in einer Zeit großer Krisen: Pandemien, Klimawandel, Pflegenotstand – da braucht es möglichst viele Menschen, die sich mutig und im guten Sinne selbstbewusst diesen Problemen stellen. Und zwar nicht nur auf Karriereposten, sondern überall – wo sie gerade gebraucht werden, wo es ihnen Freude macht, dabei zu sein. Tatsächlich aber werden Frauen in der Lebensmitte oft übersehen, weil Weiblichkeit mit Jugend in Verbindung gebracht wird.

Sie beobachten, dass es Unterschiede gibt zwischen den heutigen Frauen um die fünfzig und zum Beispiel jenen eine Generation vorher.

Ja, die gibt es sicherlich. Wir sind alle, zumindest auch, Produkte der Zeit, in der wir leben. Frauen, die heute fünfzig sind, haben oft Mütter, die im Krieg klein gewesen sind. Diese Frauen sind zum Beispiel mit dem konservativen Weiblichkeitsbild der fünfziger Jahre aufgewachsen, mit strikten Moralvorstellungen. Auch weil diese Generationen dann Freiheiten erkämpfte, sind die heute Fünfzigjährigen moralisch nicht mehr stark gebunden. Frauen können sich heute mit fünfzig noch trennen, sie können Frauen lieben und dazu stehen. Ich erzähle in dem Hörbuch die Geschichte einer muslimischen, tiefgläubigen, geschiedenen Klein-Unternehmerin. Oder die der Geschäftsführerin eines großen Unternehmens, deren Mann den Haushalt führt oder einer Professorin, die eine offene Beziehung führt. Rollenmodelle lösen sich auf, das passiert nicht von hier auf jetzt, aber wir sind da mittendrin in einem hochinteressanten Prozess.

Sie berichten von einer älteren Kollegin, dass diese meinte, die Frauen ihrer Generation hätten seinerzeit nicht zusammengehalten. Ist denn heute der Zusammenhalt besser? Woran beobachten Sie das?

Naja, es waren damals zu wenig Frauen unter zu vielen Männern, da kann Zusammenhalt gar nicht gut funktionieren. Es gibt Studien dazu, dass es einen gewissen Anteil Frauen in einem Team braucht, damit es eben gut funktioniert. Die Geschichte der Frauenbewegung ist eine Geschichte guter Netzwerke. Ab einer bestimmten Gruppengröße merken Frauen, dass Zusammenhalt auch jede Einzelne stark macht. Aber Frauen, die heute aktiv im Beruf sind, sind nicht besser als Frauen, die zu früheren Zeiten aktiv waren, Frauen sind auch nicht besser als Männer. Wenn das gemeinsame Ziel verschwindet, verschwindet oft auch der Zusammenhalt. Aber das ist ein anderes Thema.

„Fünfzig ist das neue Fünfzig“, ist ein Satz in Ihrem Hörbuch, der sich lustig anhört. Was meinen Sie damit?

Sie kennen sicher diese Sprüche: Vierzig sei das neue zwanzig, Fünfzig das neue dreißig. Für mich sind diese Sprüche wie Trostpflaster: Sie legen nahe, dass es eigentlich schrecklich sein muss, fünfzig zu sein. Ich beschreibe im Hörbuch aber am Beispiel vieler Frauen, dass es herrlich ist, fünfzig zu sein. Viele Frauen beschreiben sich in diesem Lebensalter als bessere Variante ihrer selbst. Ich stelle in meinem Hörbuch ja 19 Frauen in 18 Geschichten ausführlich vor. Für jede ergibt sich ihr Glück aus sehr eigenen Gründen. Die eine freut sich daran, dass dies ein Alter ist, in dem der Geist noch einmal enorm wächst, die andere – die Politikerin Katarina Barley – freut sich daran, dass sie in diesem schwierigen öffentlichen Beruf für sich selbst das Gefühl gewonnen hat, authentisch bleiben zu dürfen.

Ihr Hörbuch ist so positiv. Sie sprechen von der Freude, vom Glück und von der Gelassenheit, die man in der Lebensmitte spürt. Können Sie das noch mehr konkretisieren? Was sind die Vorteile, fünfzig Jahre alt zu sein?

Da möchte ich an das gerade Gesagte anknüpfen. Ich freue mich, dass Sie sagen, das Hörbuch sei positiv. Es wäre das Schönste für mich zu erfahren, dass „Die Glücklichen“ tatsächlich glücklich macht. Die Lebensmitte kann wirklich eine wunderbare Lebensphase sein, aber das liegt nicht daran, dass plötzlich alles gut ist oder man plötzlich alles hat. Es ist hoffentlich ein positives Hörbuch, aber es ist kein affirmatives. Es ist ja auch alles andere als ein Ratgeber. Was ich sagen will: Niemand hat alles. Jeder und jede zahlt einen Preis für die Entscheidungen, die sie oder er trifft. Um zwei simple Beispiele zu nennen: Wer sich für die Kleinstadt entscheidet, freut sich vielleicht an der guten Nachbarschaft, vermisst aber manchmal die Anonymität der Großstadt, wer sich aus einer unglücklichen Beziehung gelöst hat, freut sich über einen Neuanfang, macht aber auch die Schmerzen einer Trennung durch. 50 zu sein – das bedeutet, das Leben in seiner Ambivalenz erfahren zu haben und diese im besten Fall akzeptiert zu haben. Und das wäre ein Schlüssel zum Glück.

Um Ihre These zu untermauern, sprachen Sie mit vielen prominenten und erfolgreichen Frauen und befragten Sie nach Ihrer Zufriedenheit in der Lebensmitte. Darunter Christiane Paul, Claudia Schiffer und Katarina Barley. Ist Ihnen eine Aussage ganz besonders in Erinnerung geblieben?

Da fällt es mir wirklich schwer, mich zu entscheiden. Jede hat fantastische Sätze gesagt. Aber gut. Die deutsche Schriftstellerin Jackie Thomae sagt: „Ich war immer eher eine Menschenfreundin, aber da ist, seit ich über vierzig bin, noch einmal mehr Verständnis dazugekommen.“

In der Philosophie und Geschichte erreichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit im Alter von sechzig Jahren, sagen Sie. Gilt das auch für andere Bereiche des Lebens?

Da würde ich gerne die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt zitieren: „Alles, was wir erfahren, nützt uns etwas für unser weiteres Leben und eröffnet uns neue Perspektiven“. Wenn wir das weiterdenken, bedeutet das: Dass wir, wenn wir das Glück haben, gesund zu sein, in sehr vielen Bereichen in dieser Lebensphase sehr weit gekommen sind.

Sie trafen auch die Olympia-Kanutin Birgit Fischer, die noch mit zweiundvierzig Jahren die Goldmedaille gewann. Welche Rolle spielt der Körper für das Glücksniveau in der Lebensmitte?

Wir neigen in der Leistungsgesellschaft dazu, uns einseitig zu belasten. Das Faszinierende bei Birgit Fischer: Sie ist die zweiterfolgreichste Olympionikin aller Zeiten, hat aber in ihrer aktiven Phase neben dem Sport noch Vieles andere gemacht, und darin sieht sie ihr Erfolgsrezept. Umgekehrt plädiert sie dafür, sich nicht geistig überzubelasten, sondern auf die Signale des Körpers zu hören, dem Bewegung eben guttut. Und sie sagt, dass Geist und Körper Pausen braucht: „Der Muskel und der Geist wächst in den Pausen“ – auch so ein schönes Zitat.

Zum Thema „Schönheit“ befragten Sie Claudia Schiffer. Kann man denn ein Supermodel beim Thema Lebensglück überhaupt ernst nehmen? Was ist hier auf ein normales Leben übertragbar?

Ein Model ihrer Kategorie zu sein, bedeutet hart zu arbeiten und klug vorzugehen. Claudia Schiffer hat es geschafft, die Machtverhältnisse der Branche umzudrehen. Nicht die anderen sagten ihr, was zu tun sei, sie selber hat die Bedingungen diktiert. Dazu gehört einiges, und das sollte man ernst nehmen, weil sie damit mit dem vorherigen Rollenmodell gebrochen hat. Sie ist in ihrem Beruf auch noch mit fünfzig tätig, wurde kürzlich vom Männer-Magazin „GQ“ zur Frau des Jahres gewählt. Sie ist ein Beispiel dafür, dass man nicht fünfundzwanzig sein muss, um in dieser Welt mitmachen zu können. Inzwischen gibt es Agenturen für ältere Models, und die sollten möglichst nicht operiert sein, weil die Abweichung vom Schönheits-Mainstream inzwischen etwas wert ist. Wir Frauen um die fünfzig haben also auch in dieser Hinsicht allen Grund, selbstbewusst zu sein.

Katarina Barley steht in Ihrem Hörbuch für „weibliche Macht“. Was können wir aus dem Beispiel der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments für uns herausziehen?

Zu einem politischen Leben gehören Niederlagen dazu. Politikerinnen verlieren in aller Öffentlichkeit. Katarina Barley hat viele aussichtslose Wahlen gewonnen, aber die letzte Europawahl war eine schlimme Niederlage für sie. Aber man überlebt das. Es kann einen sogar stark machen. Man kann aus Niederlagen viel lernen.

Es gibt ja das Klischee, Frauen seien weniger machthungrig als Männer und würden deshalb häufiger zurückstecken. Ist das so und – ändert sich da gerade etwas?

Ich glaube nicht, dass Frauen weniger machthungrig sind, ganz sicher aber sieht die Rollenzuschreibung vor, es nicht sein zu dürfen. Die britische Historikerin Mary Beard hat das fantastische Buch „Frauen und Macht“ geschrieben. Darin legt sie dar, wie stark tradierte Rollenbilder wirken. Sie plädiert dafür, Macht neu zu denken. Ich denke, wenn wir allein den Begriff Macht durch Verantwortung ersetzen, ist das, worum es geht, für Frauen sofort anschlussfähiger, denn Frauen hatten immer schon in der Geschichte viel Verantwortung. Ob sich etwas ändert? Im politischen Bereich faktisch kaum. Unser Wahlsystem erschwert Parität, der Anteil Frauen in den Parlamenten war in den vergangenen zwanzig Jahr gleich niedrig. Eine Kanzlerin zu haben, täuscht da über manches hinweg. Aber die Forderungen werden lauter, das zu ändern. Man muss nicht ihre Wählerin sein – aber das sich Kanzlerin Merkel bald 16 Jahre lang insgesamt dann doch bewährt hat, hilft natürlich auch.

Und jetzt zum vielleicht wichtigsten Thema des Lebens – der Liebe. Liebt eine Frau in der Lebensmitte anders – und wenn ja: Wie äußert sich das?

Sie liebt freier, bewusster. Sie muss nicht in einer Ehe verharren, die für beide nicht stimmt, sie kann sich lösen. Allerdings spielt in der Lebensmitte doch auch der eben genannte Begriff der Verantwortung eine Rolle. Ich denke nicht, dass die Freiheit darin bestehen sollte zu verletzen. Eine Frau in der Lebensmitte hat in der Regel viel Verantwortung: Oft für Kinder, oft für alte Eltern, oft für eine langjährige Bindung. Die neue Freiheit mit der Verantwortung zu verbinden, darin liegt die Herausforderung. Sie zu meistern, kann glücklich machen.

Um das Liebes-Kapitel zu bearbeiten, wählten Sie Anna Huthmacher als Testimonial. Warum gerade sie?

Anna Huthmacher ist der einzige Deckname im Buch. Ihre Geschichte ist intim, und es ging darum, Beteiligte nicht mit zu verletzen, indem man sie erzählt. Frau Huthmacher hat sich aus einer Ehe mit einer Frau gelöst, mit der sie ein Kind hat. Hier geht es um das eben Genannte: Verantwortung und Freiheit zu verbinden.

Auch in das Leben einer Altenpflegerin lassen Sie uns blicken. Was können wir aus Olga Schmidts Werdegang mitnehmen?

Wir reden zurzeit so viel über Karriere. Als liege nur hier ein Weg zum Glück. Auch Männer belastet es, dass die Karriere bald der einzige Maßstab ist. Natürlich ist es wichtig, dass Frauen Karriere machen können, wenn sie das wollen. Hier geht es um den Gleichheitsgrundsatz im Grundgesetz. Aber Olga Schmidt tut etwas ungeheuer Wichtiges in einem Beruf, in dem es nicht um Karriere geht. Und es macht sie glücklich, fürsorglich zu sein. Die Verletzlichkeit des Menschen ist Teil der Conditio humana – der Grundbedingung des Menschseins. Wir brauchen Menschen, die zum Beispiel in der Pflege Verantwortung übernehmen. Und das muss auch wertgeschätzt werden. In Fürsorge-Berufen sind zu 70 Prozent Frauen beschäftigt. Und sie sind vergleichsweise schlecht bezahlt, eben weil es Frauen sind. Das geht so nicht weiter.

Eng mit dem Thema Fürsorge und Zuwendung ist die Mutterschaft verknüpft. Früher war Mutterschaft ein zentraler Bestandteil der Weiblichkeitsdefinition. Inwiefern ist das heute anders?

Mutterschaft, das weiß ich selbst, ist eine Erfüllung. Aber man muss nicht Mutter sein, um ein erfülltes Leben zu führen. Wirklich nicht. Es ist übrigens auch ein Klischee, das Frauen in der Lebensmitte am Empty Nest Syndrom leiden, daran, dass die Kinder aus dem Haus sind. Viele genießen die neue Freiheit. Um es kurz zu sagen: Glück ist nicht an Mutterschaft gebunden. Und eine glückliche Gesellschaft zehrt von der Vielfalt der Erfahrungen. Und eine Variante ist es eben, als Frau ein glückliches Leben zu führen ohne Kinder.

Man hört immer wieder, Frauen müssten mehr leisten, um dieselben Erfolge zu erzielen. Würden Sie diese These bejahen?

Es fällt mir schwer, das so geradeaus zu bejahen. Ich arbeite mein ganzes Berufsleben mit Männern zusammen – es ist unglaublich, was die meisten von ihnen leisten. Aber ja, um auf derselben Ebene mitspielen zu dürfen, mussten sehr viele Frauen meines Alters erst einmal beweisen, dass es seine Berechtigung hat, überhaupt dabei sein zu dürfen. Und das bedeutete ungeheuer viel Einsatz.

Insgesamt neunzehn Frauen haben Sie für Ihr Hörbuch besucht. Welches Fazit ziehen Sie?

Dass eine neue Generation in der Mitte des Lebens angekommen ist, dass sie neue Chancen nutzen kann. Ihre Geschichten sind da. Sie müssen aber endlich erzählt werden, damit sich insgesamt eine neue Erzählung von Weiblichkeit ergibt.

Haben Sie einen Tipp für Frauen in der Lebensmitte?

Es wäre zynisch, Menschen, die arm sind oder krank zuzurufen: Nun seid glücklich. Aber falls Sie überhaupt die Voraussetzungen haben: Glück kann in gewissem Maße auch ein Vorsatz sein. Ein Kollege von mir hat neulich an einen wunderbaren Tagebucheintrag von Franz Kafka erinnert: „Es ist sehr gut denkbar, daß die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.“

Und was können und sollten die Männer tun?

Den Frauen zuhören. Sie können so viel lernen.

 

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