Ein abgetrennter Kopf in einem Postpaket. Eine Mordserie in Hamburg. Und eine Verlagserbin von interessantem Charakter. Bernd Richard Knospes Thriller „Abgründige Wahrheit“ ist spannend bis zur letzten Seite.

Bernd Richard Knospe gibt im Interview tiefe Einblicke in seine Arbeit an dem Thriller „Abgründige Wahrheit“

14. September 2021 | Interview: Bernhard Berkmann

Abgründige Wahrheit

Herr Knospe, in Ihrem Thriller „Abgründige Wahrheit“ erzählen Sie nicht nur dialogreich und lebendig, Sie spannen auch einen großen Bogen – von einem misslungenen Polizeieinsatz in den End-70er-Jahren zu zwei Leichen im Hamburg der Gegenwart. Gab es den „deutschen Charles Manson“, der in Ihrem Roman eine wichtige Rolle spielt, wirklich oder haben Sie den erfunden?

Von einem deutschen Charles Manson ist mir nichts bekannt, den habe ich für meinen Roman erfunden. Mich haben die Ereignisse rund um die echte Manson-Family, zumindest was ich davon seinerzeit als Kind mitbekam, gegruselt und stark beschäftigt. Damalige Berichte lasen sich ja schon wie ein Horror-Roman. Da ist wohl einiges sehr nachhaltig in meiner Fantasie haften geblieben.

Was ist dieser Matthew Walker – der deutsche Charles Manson – für ein Typ?

Ich habe diese Figur – wie natürlich alle anderen auch – sorgfältig entwickelt. Deshalb wollte ich Matthew Walker, wenn auch nur andeutungsweise, eine Vorgeschichte geben, und ihm trotz aller düsteren Eigenschaften nicht übermenschlich monströs erscheinen lassen. In seinem Verhalten stets unberechenbar, habe ich im letzten Drittel des Romans auch einen Zwiespalt aufgezeigt, in dem Walker steckt. Auf Einzelheiten kann ich leider nicht näher eingehen, weil ich dann zu viel von der Handlung verraten würde. Nur so viel: Plötzlich wird Walker mit dem klassischen Generations-Konflikt konfrontiert, in der entsprechenden Situation auf absurde Weise alltäglich.

Ihre Ermittler Anna Paulsen und David Nolte finden heraus, dass es von einer der Leichen, die sie in einer leerstehenden Fabrik gefunden haben – es ist eine Frau ohne Kopf und Hände – eine Spur zu den Verbrechen Matthew Walkers in den 70er-Jahren gibt.

Ja, genau, und gerade diese ersten Ermittlungsschritte werden von exakten medizinischen Details begleitet. Das ist kein Zufall. Für diese fachlich fundierten Beschreibungen konnte ich einen Unfall meiner Frau als Quelle nutzen. Als es in dem Roman um die Klärung der Identität des ersten Opfers geht, spielt ein komplizierter Bruch des Ellenbogens eine maßgebliche Rolle. Im Februar 2010, während extremer Glatteisbildung, hat sich meine Frau diese schlimme Fraktur zugezogen. Das ließ sich für meinen Roman perfekt verwenden. Solche Passagen, sofern man es damit nicht übertreibt, sind wichtig und notwendig. Weil sie den Leserinnen und Lesern das Gefühl vermitteln, dass der Autor genau weiß, worüber er schreibt. Mich jedenfalls hat als Leser gut platziertes Fachwissen immer beeindruckt. Nur meine Frau, die meine Romane übrigens immer als Erstleserin begutachtet, hat die Passagen über die komplizierte Ellenbogenfraktur, die sie ja selbst durchleiden musste, eher mit einem mulmigen Gefühl und einem Kribbeln im Ellenbogen gelesen.   

Neben diesen beiden Erzählsträngen gibt es noch einen dritten: Die Verlagserbin Daniela Michelsen beauftragt den Journalisten Eric Teubner damit, das Leben ihres verstorbenen Vaters zu erforschen und eine Biographie zu verfassen. Für den Autor Eric Teubner ist „Abgründige Wahrheit“ bereits der zweite „Fall“. Was ist Eric für ein Charakter?

Eric Teubner ist ein Anti-Held. Er ist ein Journalist und Autor, der sich in seine Fälle verbeißt und vergräbt, sich auch ein wenig in ihnen verliert. Er kämpft mit einem sich abzeichnenden Alkoholproblem und leidet immer noch unter der Trennung von seiner Lebensgefährtin Marie, die ihn im ersten Band „Blue Note Girl“ am Ende verlassen hat. Seitdem wirkt Eric in seinem Leben und in seiner Beziehung zu Frauen ruhelos, unentschlossen und verunsichert. Allein seine Arbeit scheint ihn noch zu tragen und zu motivieren, seine Interviews, die Hartnäckigkeit, mit der er das Leben eines anderen Menschen so lange durchleuchtet, bis eine facettenreiche Persönlichkeit sichtbar wird.                                 

Auch die Verlegerin, für die Eric arbeitet, ist keine ganz gewöhnliche Person.

Das stimmt. Sie ist ein Gegenentwurf zu jenen weiblichen Hauptfiguren, die mich beim Lesen einiger Thriller gelangweilt und sogar genervt haben. Nicht selten treffen sich auf den ersten Seiten eines Romans eine männliche und eine weibliche Hauptfigur, und man ahnt bereits, dass sich diese beiden nach dem Überstehen aller Ereignisse zum Happy End in die Arme sinken werden. Ja, und genau da habe ich angesetzt und mir vorgenommen, an die Figur der Verlegerin die üblichen Klischees nicht mal in Sichtweite herankommen zu lassen. Ich denke, sie ist eine starke Frau, die voller Überraschungen steckt und eine Menge aushalten muss. Bis zur letzten Seite. 

Welche Überlegungen haben Sie dazu bewegt, einen Autor wie Eric Teubner zum Helden einer Thrillerserie zu machen?

Ein Journalist und Autor geht andere Wege als Polizisten und Detektive. Er nimmt das Leben von Menschen ganz objektiv unter die Lupe und setzt es Stein für Stein zusammen. Für mich war es bei „Abgründige Wahrheit“, genauso wie übrigens auch beim ersten Eric-Teubner-Band „Blue Note Girl“, ein faszinierender Gedanke, eine Figur ins Zentrum eines Romans zu rücken, die während der gesamten Handlung nicht anwesend ist. Also lernt man einen Menschen – in „Abgründige Wahrheit“ den Zeitschriftenverleger Heinrich Michaelsen – ausschließlich über die Arbeit Eric Teubners kennen. Durch dessen Befragungen verschiedener Zeitzeugen, aus denen sich Teubner dann sein eigenes Bild über die Person macht. Ein Autor als „Ermittler“ bietet für solche Ansätze wunderbare und vielfältige Möglichkeiten. Und um ihn herum lassen sich jederzeit die klassischen Rollen eines Thrillers ansiedeln, zum Beispiel Angehörige der Mordkommission oder den guten alten Privatdetektiv. Oder natürlich eine Detektivin! Alles ist möglich, aber über den Blickwinkel des Autors im Roman bekommt das eine weitere Dimension.

Eric schläft mit Vicky, einer Kollegin aus der Redaktion, aber eigentlich liebt er eine andere …

Genau. Das liest sich ja zunächst eher vordergründig. Dennoch halte ich auch Vicky Fabian für eine besonders wichtige Figur, die aus einer anfänglich vermeintlichen Nebenrolle kontinuierlich an Bedeutung gewinnt. Stück für Stück erschließt sich ein tragisches Frauenschicksal. Zugleich wird ihr Bemühen erkennbar, aus dieser Rolle ausbrechen zu wollen, eine bessere Zukunft zu finden.

Und Eric?

Er zeigt sich in seinem Verhalten ihr gegenüber nicht von seiner besten Seite. Sein ambivalentes Verhältnis zu ihr ist auch davon geprägt, dass Vicky einst die Kollegin seiner großen Liebe Marie war, und somit eine Art letzter Zipfel zu Erics unbewältigter Vergangenheit.

Während die Ermittler Anna Paulsen und David Nolte nach einer Spur zu dem Doppelmord in der Fabrik suchen, geschieht ein dritter Mord. Die Leiche findet man im Eppendorfer Moor. Was spricht für die These, dass in Hamburg ein Serienmörder wütet?

Eine Menge natürlich, weil die Leiche im Eppendorfer Moor dieselben Merkmale aufweist, wie die Frauenleiche aus der Fabrik. Die Serienmorde in meinem Roman sollen aber mehr sein als nur das übliche Element der Spannung. Ein psychopathischer Killer, der sich mit grausamer Fantasie durch drei- bis vierhundert Seiten mordet, ohne dass die Mordserie an sich eine tiefere Bedeutung hat, das wäre mir zu wenig. Die Frage nach dem „Warum“ muss sich nachvollziehbar beantworten lassen. Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, für die Morde und die Art, wie gemordet wird, am Ende eine plausible Erklärung zu liefern. Alles soll im großen, abschließenden Finale einen echten Zusammenhang und damit einen Sinn ergeben. Lückenlos.   

Eines Tages bekommen die Ermittler den Kopf eines jungen Zeugen zugeschickt, der am Tatort in der Fabrikhalle war und vermutlich den Serienmörder gesehen hat …

So auf den Punkt gebracht, klingt das natürlich besonders brutal, aber ich fand die drastische Szene aus verschiedenen Gründen unvermeidlich. Sie ist dramaturgisch ein Wendepunkt, weil sie in der Mordkommission eine gravierende Veränderung einleitet. Und weil sie deutlich macht, dass der oder die Mörder wirklich keinerlei Gnade kennen. Gleichzeitig demonstriert die dunkle Seite ihre Überlegenheit besonders ausdrücklich. Das Böse ist dem Guten nicht nur immer einen Schritt voraus, es beweist bei diesem Mord auch eine abgründige Form von Humor, indem es eine gezielte Attacke der Polizei auf makabre Weise beantwortet.

Sie sind verheiratet: Macht sich Ihre Frau eigentlich manchmal Sorgen wegen der erschreckenden Phantasien, die Sie in Ihre Thriller einfließen lassen?

Das muss ich sie nachher gleich mal fragen. Aber meine Frau liest selbst gern Thriller, ist derart geschult immer meine erste und wichtigste Kritikerin. Und wenn ich ab und zu mal schaue, was bei ihr aktuell an Büchern auf dem Nachttisch liegt, dann sollte vielleicht doch lieber ich mir Sorgen machen.

Die Story von „Abgründige Wahrheit“ ist komplex. Machen Sie sich einen genauen Plan, ehe Sie mit der Niederschrift eines Romans beginnen? Wie gelingt es Ihnen, alle Fäden in der Hand zu behalten?

Also zunächst einmal: Ich liebe komplexe Stoffe. Als Buch ebenso wie als Film. Ich finde es außerordentlich reizvoll, wenn ein Stoff seine Geschichte von mehreren Punkten aus und auf mehreren Ebenen startet, wenn er interessanten Figuren Raum lässt, ihre Charaktere zu entwickeln. Ich finde es besonders spannend, wenn sich die Wahrheit und das ganze Ausmaß einer Geschichte auf verschiedenen Wegen erst am Ende wirklich offenbart. Sich die Lösung Schritt für Schritt und mit zahlreichen Wendungen und Überraschungen in einem packenden Finale ergibt.

Worauf legen Sie bei der Konzeption eines Romans wert?

Mir ist wichtig, dass ich interessante Figuren habe, eine wirklich gute und weit tragende Idee und dass ich von Anfang an weiß, wie alles beginnt und wie es endet. Wo ich hin will. Wenn ich diese Parameter festgelegt habe, dann bleibt das lange Zeit einfach nur als Gedankenspiel in meinem Kopf. Ich denke bei jeder Gelegenheit darüber nach und lass das alles in mir reifen. Und eines Tages spüre ich dann ganz plötzlich, dass ich mit dem Schreiben beginnen muss. Dann muss alles raus. Und dann lege ich los. Schreibe Kapitel für Kapitel. Vom Anfang zum Ende. Und notiere nebenbei nur noch die Personen, die so nach und nach in meiner Handlung notwendig werden. Zusätzlich zu meinen schon festgelegten Hauptpersonen. Jede Figur bekommt einen Namen, ein Alter, einige Eigenschaften und eine kleine Vita. Aber mehr halte ich nebenbei nicht fest. 

Wie die Geschichte der Verlegerin Daniela Michaelsen mit der Mordserie zusammenhängt, durchschaut man beim Lesen erst sehr spät. Aber könnten Sie zum Abschluss unseres Interviews eine kleine Andeutung machen?

Ich kann insofern eine kleine Andeutung machen, indem ich Danielas Rolle mit der vorherigen Frage bezüglich der Komplexität der Geschichte im Zusammenhang betrachte. Die Verlegerin ist die wahre Schlüsselfigur der Geschichte, eine ganz besondere Frau mit einem ganz besonderen Leben. Sie stößt den Teil des Romans an, den wir an der Seite von Eric Teubner und aus seiner Sicht erleben. Die Lebensgeschichte von Danielas Vater. Und niemand kann sich das Ausmaß vorstellen, was sich aus diesem scheinbar harmlosen Auftrag entwickelt. Vergangenes, das abgründig zusammenhängt, aber auch Entwicklungen in der Gegenwart, an denen Daniela unmittelbar beteiligt ist, und die einen ungeahnten, nicht weniger abgründigen Verlauf nehmen.   

Arbeiten Sie bereits am dritten Eric-Teubner-Krimi?

Tatsächlich sind Band drei und vier grundsätzlich fertig geschrieben. Der dritte Eric-Teubner-Roman ist derzeit in der finalen Phase des Lektorats. Die Abschlussarbeiten für Band vier stehen noch bevor, auch da gibt es noch viel zu tun.

Und was machen Sie heute – nach unserem Gespräch – noch?

Ich werde meine Frau fragen, ob sie sich möglicherweise Sorgen über die Bücher macht, die ich so schreibe.


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