Kindern beim Lesenlernen helfen: Interview | BUCHSZENE

19 Prozent der Viertklässler können nicht richtig lesen. Deshalb engagiert sich Margret Schaaf bei den MENTOR-Leselernhelfern. Im Interview erklärt sie, wieso das wichtig ist und wie man Leselernhelfer wird.

Margret Schaaf macht im Interview Lust darauf, MENTOR-Leselernhelfer zu werden

30. August 2019 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Mentor-Leselernhelfer

© Trendsetter Images shutterstock-ID: 337103486

Frau Schaaf, 19 Prozent der Viertklässler in Deutschland können nicht richtig lesen. Das hört sich schlimm an.

Das ist in der Tat alarmierend und auch wir beobachten leider, dass unsere Leseförderung mit MENTOR stärker nachgefragt wird, weil immer mehr Kinder mit Lese- und Sprachdefiziten an den Schulen sind. Eine Einzelförderung für Kinder mit Leseproblemen können die Lehrer kaum mehr leisten. Das fangen unsere Lesementoren in Zusammenarbeit mit den Schulen auf, denn dort erreichen sie genau diese Zielgruppe.

Sie tragen die Problematik aber auch in die Öffentlichkeit.

Ja, denn Bildung und Erziehung sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht nur die Eltern und die Schule sind da in der Pflicht, sondern wir alle. Außerdem nehmen wir vermehrt Kontakt zu Verantwortlichen in der Politik auf, um immer wieder darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig die frühkindliche Förderung ist und darauf zu drängen, die Schulen angemessen auszustatten.

Sie sagen, dass Kinder, die nicht richtig lesen können, schwer benachteiligt sind. Könnten Sie bitte kurz erklären, was die Folgen sind?

Neben den Folgen, die eine fehlende Lesefähigkeit für jeden der Betroffenen hat, sind auch die Folgen für die Gesellschaft insgesamt erschreckend. Denn Lesen ist DIE Schlüsselkompetenz in unserer Gesellschaft. Nur wer lesen kann und die Bedeutung von Texten erfasst, kann einen Schulabschluss machen, sich eine eigene Meinung bilden und sein Leben selbst in die Hand nehmen. Lesen ist damit die Basis für Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe.

Aber Lesenkönnen bedeutet ja nicht nur, Texte verstehen und dem Unterricht folgen können. Was lernen Kinder so ganz nebenbei auch noch durchs Lesen und beim Lesen?

Viele erfolgreiche Menschen, wie Elon Musk oder Bill Gates geben an, dass ihnen das Bücherlesen den Weg nach oben geebnet hat. Die Gründe: Beim Lesen lernt man viel, bekommt neue Denkanstöße und entdeckt andere Sichtweisen. Außerdem haben Forscher nachgewiesen, dass viele Entwicklungsschritte eines Menschen mit dem Lesen verbunden sind. Kinder und Jugendliche entwickeln ihre Fantasie, Empathie und ihre Sprache. Ihr soziales Verhalten verbessert sich. Das Lesen ist die Grundlage allen Lernens.

Wie kann es sein, dass in einem so wohlhabenden und gut organisierten Land wie Deutschland so viele Kinder nicht richtig lesen lernen?

Die IGLU-Studie zeigt, dass der Lernerfolg von Kindern in Deutschland immer noch stark vom sozialen Status der Eltern abhängt. Als weitere Gründe für die Leseprobleme sehen aktuelle Studien die vermehrte Zuwanderung, die Inklusion und den Lehrermangel. Ebenso besorgniserregend ist aus meiner Sicht, dass in 30 Prozent der Familien nicht mehr gelesen bzw. vorgelesen wird. Diese Kinder kommen schon mit sprachlichen Defiziten in die Grundschulen. Dadurch werden die Aufgaben und Herausforderungen für die Lehrkräfte immer größer, das kann die Grundschule nicht alles auffangen.

Nun haben Sie mit Ihrem MENTOR-Verein tolle Fakten geschaffen. Wieviele Leseförderer haben Sie mittlerweile?

Unsere derzeit 84 Mitgliedsvereine und weitere 11 assoziierte Organisationen sind bundesweit in mehr als 300 Orten an rund 1.750 Schulen aktiv. Unsere Bestandsaufnahme für das vergangene Schuljahr ist zwar noch nicht ganz abgeschlossen, aber wir können sagen, dass gut 12.000 Lesementoren etwa 16.000 Kinder und Jugendliche fördern. Was bedeutet, dass viele mehr als ein Kind betreuen, also häufiger als einmal in der Woche in der Schule mit jeweils einem Kind arbeiten. Denn die Mentoren treffen sich einmal pro Woche mit einem Schüler zu einer Lesestunde und fördern ihn ganz individuell nach dem 1:1-Prinzip, und das mindestens ein Jahr lang. Viele Schulen hätten gerne mehr Mentoren. Wir arbeiten daran, noch mehr Menschen für dieses tolle Ehrenamt zu begeistern, sodass die Zahl stetig wächst.

12.000 Lesementoren und 16.000 Kinder – das ist unglaublich viel. Was sind das für Menschen, die ehrenamtliche Lesementoren werden?

Es sind in der Regel Menschen, die gerne lesen und denen es wichtig ist, Kindern Lesefreude zu vermitteln sowie sie dabei zu unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Auch suchen viele ältere Menschen, beispielsweise nach dem Ende des Berufslebens, nach einer sinnvollen Beschäftigung und möchten gerne ihre Erfahrungen weitergeben. Es ist überdies für Viele reizvoll, intensiv mit nur einem Kind zu arbeiten: Das Feedback, das die Lesementoren erhalten, ist sehr direkt und unmittelbar. Dieser direkte Austausch, das Voneinanderlernen macht einfach Spaß.

Was muss man können oder tun, um Lesementor zu werden?

Mitbringen müssen Interessierte zunächst nur zwei Dinge: Freude am Lesen und Freude an der Arbeit mit Kindern. Alles andere – die Einführung in die Rolle als Ehrenamtliche an einer Schule, Hilfestellungen, Materialien und Tipps zum Lesen mit Kindern – erlernen sie im Rahmen einer Einstiegsschulung, die der jeweilige MENTOR-Verein durchführt. Der örtliche MENTOR-Verein vermittelt und betreut die Ehrenamtlichen, auch während ihres Einsatzes. Uns ist die Qualifizierung sehr wichtig, damit die Mentoren auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe optimal vorbereitet werden.

Wenn man dann mal Lesementor ist – welche Verpflichtung hat man?

Mindestens ein Jahr lang einmal in der Woche eine Stunde mit dem Lesekind zu arbeiten. Ausgenommen sind dabei natürlich die Schulferien. Auch ist uns, wie erwähnt, die Qualifizierung ein großes Anliegen. Neben der Einstiegsschulung bieten unsere MENTOR-Vereine regelmäßige Mentorentreffen an und/oder Weiterbildungen zu verschiedenen Themen. Diese Zusatzangebote sind zwar nicht verpflichtend, aber als Hilfe und Unterstützung für die MENTOR-Arbeit aus unserer Sicht sehr zu empfehlen.

Das hört sich auch nach Arbeit an. Wieso machen diese fast 12.000 Lesementoren das?

Wir stellen fest, dass das MENTOR-Prinzip, also die 1:1-Leseförderung ohne Leistungsdruck, einfach überzeugt. Überdies gibt es bei uns keinen Lesekanon, wir schreiben also unseren Lesementoren nicht vor, was sie mit den Kindern lesen sollen. Für uns sind die Interessen sowie die individuellen Fähigkeiten des Kindes entscheidend. Das macht für viele den besonderen Reiz dieser Arbeit aus – Mentor und Kind entwickeln so eine Bindung, die letztlich wichtig ist für den Lernerfolg. Zudem ist es ein erfüllendes und überschaubares Ehrenamt.

Wenn ich nun Lesementor werden möchte – was kann ich tun?

Am besten schauen Sie sich zunächst auf unserer Webseite die „MENTOR-Karte“ an: mentor-bundesverband.de/vereine/vereine-kontakte. Dort können Sie feststellen, ob es einen MENTOR-Verein in Ihrer Nähe gibt. Sollte dem nicht so sein, beraten wir Sie gerne: Wie Sie Mitstreiter in Ihrer Kommune oder Region finden und ein eigenes MENTOR-Projekt auf den Weg bringen können.

Wenn Sie sich etwas ganz Konkretes wünschen dürften – was wäre das?

Bildung und Erziehung sind Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Daher wünschen wir uns, dass sich alle Erwachsenen einmal wöchentlich um einen Schüler mit Lese- oder Sprachdefiziten zu kümmern. Nur so können wir die Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe für alle Kinder und Jugendlichen in unserem Land gewährleisten.

Bitte verraten Sie uns zum Schluss noch eines: Gibt es Bücher, die sich besonders eignen, Kinder fürs Lesen zu begeistern? Welche sind das bzw. welche Eigenschaften müssen sie erfüllen?

Da kommt es nicht nur auf die richtigen Inhalte an, also die Interessenschwerpunkte der Kinder, sondern auch auf die Gestaltung der Bücher: Schrift, Schriftgröße, Zeilenabstand, Auflockerung der Seiten durch Bilder und Fotos, Seitenanzahl. Und Leseinteresse kann man selbstverständlich auch mit Comics oder Kinderzeitungen wecken.