Axel Milberg im Interview: Düsternbrook. Tipp | BUCHSZENE

Axel Milberg hat einen Erinnerungsroman geschrieben. Olaf Petersenn traf ihn zum Interview und erfuhr Spannendes über den Literaten im Schauspieler und seine Arbeit an dem Roman „Düsternbrook“.

Axel Milberg im Interview über seinen Bestseller „Düsternbrook“, in dem er von seiner Kindheit erzählt

20. August 2019 | Interview: Redaktion

Titelbild Düsternbrook

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Axel Milbergs Lektor Olaf Petersenn über ihre persönliche Verbindung

Es gibt Menschen, bei denen man spürt, dass sie ein erzählerisches Talent haben. Das betrifft vor allem diejenigen, denen man noch nicht persönlich begegnet ist, sondern sie nur zu kennen meint, weil man sie schon so oft gesehen und gehört hat. So ist es mir mit Axel Milberg gegangen, den ich neben seinen Film- und Fernsehrollen auch als Hörbuchsprecher (zur Rezension der Hörbuchfassung von „Düsternbrook“) und Vorleser kannte, bevor ich ihn das erste Mal traf. Da ich die prägenden Jahre meines Zivildienstes, Studiums und Berufseinstiegs in Kiel verbrachte, sind mir der gebürtige Kieler Milberg und sein „Tatort“-Alter-Ego Borowski ohnehin grundvertraut und höchst sympathisch. Als jemand, der Mankell genauso eindrucksvoll und eigenartig sprechen kann wie Pepys und Feuchtwanger, hat er darüber hinaus meinen größten Respekt. Der Eindruck, dass er es versteht, das Material seines Lebens zu nutzen, um daraus spielerisch, klug und packend einen Roman zu machen, hat nicht getrogen. Wie er dazu kam und was er zu erzählen hat, lesen Sie im von Olaf Petersenn geführten Interview.

Herr Milberg, an welche Bücher erinnern Sie sich am intensivsten?

Ich habe Karl May und Kafka gelesen, Storm und Roald Dahl. Es waren Abenteuer, die meine Sicht auf mein Leben verändert haben. Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren, Enid Blyton und Poe. Intuitiv glaubte ich Kafkas Erzählungen vollständig zu verstehen, selbst da, wo sie als rätselhafte Gleichnisse gedeutet werden. Wilde und Shaw, Sartre und Camus waren wie Freunde.

Haben Sie sich immer schon gewünscht, einmal selbst einen Roman zu schreiben?

Ich wollte tatsächlich eine Zeit lang Schriftsteller werden. Ich schrieb Gedichte und Aphorismen und hatte begonnen, Nabokovs Ada zu einem Drehbuch umzuschreiben. Damals war alles noch recht ichbezogen. Wenn ich heute schreibe, ist das Interessante das, was ich beobachtet habe. Begegnungen, Abschiede, im Kleinen die Welt, dabei habe ich immer im Blick, dass es für jeden Leser interessant sein muss. Nicht speziell für mich. Das Allerpersönlichste ist das Allgemeine, was uns am meisten verbindet. Davon bin ich überzeugt.

Wann schreiben Sie am liebsten?

Am Liebsten schreibe ich nachts, frühmorgens oder sozusagen dazwischen. In abgerungenen Pausen. Auf dem iPad-Touchscreen, nicht auf einer externen Tastatur. So kann ich auch in der Finsternis schreiben, wenn meine Frau im Bett neben mir schläft. Ich finde den normalen, wilden Alltag nicht störend, sondern hilfreich für mein Schreiben. Darüber bin ich selbst am meisten erstaunt.

Welche Bedeutung haben Bücher für Sie?

Dass ich viel gelesen habe, macht mich extrem misstrauisch, was die Originalität meines Stils angeht. Ich bilde mir aber ein, inzwischen durch epigonale Übungen mäandert zu sein. Ich habe das Gefühl, wie ich jetzt schreibe, kann es nicht anders sein. Die Texte haben ihren speziellen Klang, sie sind quasi fertig, ich schreibe sie nur noch rasch auf – ihr Inhalt bringt dabei seine notwendige Form mit. Das Daran-Feilen geschieht in den folgenden Wochen und Monaten und würde wahrscheinlich nie aufhören, wenn man mir das Blatt nicht entreißt. Ich höre innerlich die Texte, sie werden beim Erfinden gesprochen, und daher freue ich mich auf die öffentlichen Lesungen.

Warum wollten Sie keine Autobiografie schreiben?

Eine Autobiografie finde ich bei einem Schauspieler eitel. Bei einem Politiker mag es über die Zeitgeschichte Neues zu berichten geben.

Was bedeutet Ihre Herkunft für Sie?

Die Kindheit und die ersten fünfundzwanzig Jahre sind besonders aufregend. Bei jedem, denke ich. Weil so vieles zum ersten Mal passiert. Deswegen vergeht auch die Zeit in diesen Jahren scheinbar so langsam. Die Tage sind angefüllt mit Neuem, mit lauter Erfahrungen, die man zum ersten Mal macht. Reisen, Gerüche, Konflikte, das Entdecken eigener Talente, neue Sportarten u.v.m., die Sexualität, wie die anderen auf einen reagieren, wohin man gehört. Oder ob man weiterwandern muss.

Erinnern oder Erfinden? Was ist wichtiger – interessanter?

Das Erfinden ist dabei der größere Genuss. Das Erinnern ist der Vorhang, durch den ich in die erfundene Welt husche. Was erinnern wir zu welchem Zwecke? Die Erinnerung ist keineswegs neutral. Die Erinnerung gibt einem eine Rolle im Leben: Täter, Opfer der Umstände, sie kann unsere Mutlosigkeit oder das versäumte Leben rechtfertigen. „Schuldig“ sagen wir und deuten auf andere. Erinnern wir aber anders, kann es uns beflügeln! Dabei aktiviert das Spielerische die Fantasie, die mir erzählt, wenn nicht so, dann anders. Ins Grausame, ins Komische gewendet oder ins Sentimentale. Dieses innere Sehen von verschiedenen Möglichkeiten ist der Arbeit des Schauspielers nahe. Genauso wie der Wechsel der Perspektiven. Ich kann ich sein, aber auch der andere, Beobachter oder Beobachteter. Und so weiter.

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