Im Interview und auch in seinem Buch „Leben & Kunst“ erzählt Janosch, auf welchen Umwegen er zu einem unserer bedeutendsten Künstler wurde.

Er wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf und wurde doch ein ganz Großer – Janosch im Interview

29. Juli 2022 | Interview: Jan Skral

Wie Janosch zu Janosch wurde

Wie kommt man an ein Interview mit dem großen Künstler Janosch?

Wir von BUCHSZENE.DE sind große Janosch-Fans. Wie gerne hätten wir den brillanten Künstler anlässlich seines 91. Geburtstags am 11. März 2022 interviewt. Aber Janosch hat noch nie gerne Interviews gegeben und heute möchte er gänzlich in Ruhe gelassen werden. Aber es gibt ein fabelhaftes Buch über Janosch: „Leben & Kunst“, in dem ein ausführliches Gespräch Janoschs mit dem Journalisten Jan Skral abgedruckt ist. Wir haben uns – mit Erlaubnis des Merlin Verlags – Janoschs schönste Sätze aus diesem Interview herausgepflückt und mit neuen Fragen versehen. Aber lesen Sie selbst:

Herr Janosch, wie wurden Sie zu dem, der sie heute sind?

Ich wurde geboren morgens um 5 Uhr 25, sofern die Uhr stimmte, denn meine Großmutter hatte nur einen schlechten Wecker aus Blech, – bei ihr in einem Eimer, denn in diesem Haus gab es kein Wasser und nur manchmal Licht. Die kleine Blechwanne war an diesem Tag kaputt. 5,5 kg Lebendgewicht, so viel wie eine gut genährte Gans; meine Großmutter hatte eine Waage, weil sie mit Geflügel und Gemüse handelte. In diesem Haus wohnten 12 Familien in 2 Stockwerken auf jeweils 25 qm mit immer 5-13 Personen in jeder Wohnung, alle zusammen wie eine große Familie.

Was waren Ihre ersten beruflichen Schritte?

Ich fing mit 13 an, in einer Schlosserei und Schmiede zu arbeiten, meine beste und allerwichtigste Zeit im Leben, denn man brachte mir den wichtigsten Satz meines Lebens bei: Es gibt nichts, was nicht geht. Ich kann heute sagen: es gibt wirklich nichts, was nicht geht. Davon habe ich mehr gelebt, als vom zufälligen Glück.

Wie ging es weiter?

Als ich 15 war, kam mein Vater aus dem Krieg und wir kauften uns eine Ausweisung – als Pole bekam man sie nicht offiziell – und bezahlten mit einem Goldring. Dann der Abtransport nach Deutschland; unterwegs holte ich mir eine ganz schwere Infektion mit chronischer Gelbsucht, die nie kuriert wurde, weil das Krankenhaus mich damals nicht aufnahm, – man hätte es bezahlen müssen. Mein Vater gab mir Schnaps dagegen, und wir soffen beide um die Wette – das habe ich ja überlebt. Ich wollte Förster werden, – weil ich immer ein Außenseiter war, man hat mich dazu gemacht – bekam aber keine Lehrstelle, weil man eine Schulbildung und Arbeitsschuhe braucht. Ich musste also eine Arbeit nehmen, wo man ein Paar Schuhe bekam – in einer Baumwollspinnerei in Oldenburg. 1948. Maschinenputzen, Garn herumfahren und ein ganz verfluchter Krach.

Wo wohnten sie?

Wir wohnten im Stall und schliefen im Stroh. Im Moor. Es gab keine Straße. Ich musste in der Nacht meist bei Nebel losgehen und die Eisenbahnstation finden. Orientierung an den Bäumen.

In der Fabrik fühlten Sie sich nicht wohl?

Ich wollte aus der Fabrik raus oder wenigstens Meister werden, weil diese Zahnräder offen liefen und nicht selten jemand mit den Fingern dazwischen kam. Also fuhr ich mit 19 auf eine Textilschule (Krefeld), um mich für einen Lehrgang anzumelden. 1950. Ging nicht, man musste eine Schulbildung haben und obendrein eine vorgeschriebene Lehrzeit. Nun gab es dort in einer Baracke aber einen Lehrgang für Musterzeichnen. Ich wusste nicht einmal, was das sein könnte. Lehrer war Gerhard Kadow, einst Klee-Schüler am Bauhaus und vermutlich ein guter Mensch; denn obwohl ich unbegabt war, ließ er mich dort hinsetzen und zeichnen lernen. Und ich wusste nichts, – nichts. Im Kopf Ameisen. Ich hatte 50 Mark im Monat, 35 kostete die Zimmermiete, der Rest musste für das Essen und alles weitere reichen; ich kam damit aber gut zurecht, denn ich arbeitete nachts als Nachtwächter in einer Fabrik.

Fortan zeichneten Sie?

Kadow lehrte viel über Klee. Ich konnte Klee nicht begreifen, er schien mir ein Kritzler zu sein, und ich brauchte noch fast 10 Jahre, um ihn dann über alles zu verehren. Ein Magier mit Zugang zum Zwischenreich.

Wie kam es dazu, dass Sie Geschichten erfanden und mit dem Schreiben begannen?

Ich hatte damals keine große Auswahl, durch das Leben zu kommen. Ich hätte eine Arbeit annehmen müssen – undenkbar. Das Wichtigste für mich war immer die Freiheit – soweit sie möglich ist. Machen können, was ICH will. Ich lebte damals in Schwabing herum, wollte also Maler werden, versuchte es an der Akademie und fuhr nebenbei auf einem alten Motorrad und einem Anhänger Zeitungen von einer Druckerei aus. Am Abend saß ich verzweifelt in den Kneipen, damals war die NACHTEULE unsere Heimat. Und da waren diese Mädels immer hinter echten Künstlern her. Schriftsteller rangierten ganz oben, da hatte – ich glaube – ein Sohn von Wedekind so ein Fotomodell in den Fingern und lebte mit ihr ein verkommenes Traumleben in einer feudalen Dachwohnung, jeder neidete es ihm. Und ich beschloss, auch Schriftsteller zu sein. Idiotische Idee, wenn ich mir das heute vorstelle.

Sie lernten dann aber jemanden kennen, der Sie auf gewisse Weise weiterbrachte.

An meinen Tisch in der NACHTEULE saß einmal Mädchen mit einem mageren, halbwüchsigen Jungen und erklärte ihm, WIE man schreibt. Und ich hörte ihr zu. Sie war besoffen und lebte offensichtlich mit einem Schriftsteller zusammen, sonst hätte sie das alles nicht so formulieren können, dass ich es begriff. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, aber ich ging nach Haus und schrieb dann genau so, wie sie das gesagt hatte, in dieser Nacht meine erste Geschichte, die hieß: WIE ICH LITT. Darin litt ich also als Maler, dessen Bilder keiner kaufte. Und ich schickte diese Geschichte an die ZEIT, weil mir ein Fotograf gesagt hatte, die ZEIT sei die beste Zeitung und dort säße ein gewisser Leonhard, der sei sehr großzügig, seine Fotos würde er auch immer nehmen. Er brachte die Geschichte. Jetzt war ich Schriftsteller.

Und heute – sind Sie ein Künstler?

Ich weiß es nicht und das war mir niemals eine Frage. Wozu muss ich das wissen oder entscheiden? Ich bin ein Aufschreiber. Ich schreibe auf, was ich da sehe, wenn ich mich umschaue. Oder ich kritzle und male vor mich hin. Da ich nur spärlich lesen und schreiben kann, kritzle ich mir sozusagen die Bedeutung von etwas in Ermangelung des Wortes hin.

Sind Ihre Werke biographisch?

Ich meine ja. Selbst wenn ich ein Wasserglas beschriebe, wäre es immer biographisch – du kannst dich ja letztlich nicht verbergen.

Was ist für Sie Glück?

Das Wort sagt nicht genau aus, was gemeint ist. Ich würde unterscheiden zwischen Glück als Gefühl und Glück aus günstigen äußeren Umständen, – also ein Ereignis. Mein Glücksgefühl hat mit den äußeren momentanen Umständen nichts zu tun. Du kannst im Gefängnis sitzen und mit einmal überkommt dich eine große Seligkeit. Vielleicht sind es Hormone oder Ausschüttungen einer Drüse, die dieses erzeugen. Vielleicht kann ein Yogi dieses Gefühl erzeugen. Durch Atmung oder was. Ich glaube, man kann es entstehen lassen. Wenn ich mich auf den Kopf stelle und nachher hinsetze, stellt sich ein solches Glücksgefühl ein.


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