Cordula Nussbaum: Lass Mal Alles Aus! Intervie | BUCHSZENE

Abschalten, loslassen, auftanken – dieser Dreiklang bleibt für viele ein Wunschtraum. Doch Coach Cordula Nussbaum macht im Interview über ihr Buch „Lass Mal Alles Aus!“ Mut auf eine Lebensänderung.

Im Interview über ihr Buch „Lass Mal Alles Aus! Wie du wirklich abschalten lernst“ gibt Cordula Nussbaum konkrete Relax-Tipps

17. September 2019 | Interview: Jörg Steinleitner

Titelbild Interview Lass mal alles aus

© R. Fastner

Frau Nussbaum, Ihr Buch „Lass Mal Alles Aus!“ ist eine Einladung zum „Abschalten“. Wieso fällt es uns so schwer, im Alltag Inseln der Ruhe zu finden?

Zum einen machen es uns die schönen neuen Kommunikationsmittel mit mobilem Internet schwer: egal wo Du bist – solange Du WLAN hast, bist Du „on“. Und das hat auch die Erwartungshaltung unserer Mitmenschen verändert. Kaum noch jemand ruft Dich auf dem Festnetz an – jeder versucht es sofort auf dem Handy oder per WhatsApp. Und manche Menschen machen dann richtig Stress, wenn Du nicht hingehst, oder nicht asap zurückrufst. Zum anderen sind auch mit den sozialen Medien viele neue Tummelplätze entstanden, in denen News im Sekundentakt gepostet werden. Und weil wir ein Grundbedürfnis nach Gemeinschaft haben, lesen wir dann hier mehr über die Aktivitäten unserer „Freunde“ als uns unterm Strich gut tut. All dies hat auch unsere Erreichbarkeits-Erwartung im Job verändert: viele Kollegen, Geschäftspartner und Vorgesetzte glauben, dass wir immer sofort springen sollten, wenn sie was von uns wollen. Und so verspüren viele Menschen privat und beruflich einen immer höheren Druck, jederzeit „on“ zu sein. Mal abschalten? Fehlanzeige!

Woran kann man merken, dass es an der Zeit wäre, in seinem Leben in Sachen Stressbewältigung etwas zu ändern?

Wenn ich nachts nicht mehr schlafen kann oder sehr lange brauche einzuschlafen, dann ist das definitiv ein Anzeichen für einen Overload. Selbst wenn ich könnte, schalte ich nicht mehr ab. Das ist Alarmstufe Rot! Ansonsten merken wir es, wenn wir uns fragen, ob wir gerade mehr Rückzug brauchen. Zeiten, in denen einfach mal Ruhe herrscht – zum konzentrierten Arbeiten, zum Ideen Spinnen oder zum Erholen. In der Hektik des Alltags gehen wir häufig über unsere Bedürfnisse nach Ruhe hinweg, bis wir es gar nicht mehr anders kennen. Mehr Achtsamkeit uns selbst gegenüber ist ein erster Schritt.

Ständig „on“ zu sein, mache krank, schreiben Sie in Ihrem Buch. Wie meinen Sie das?

Unser Körper und unser Geist braucht Ruhephasen. Das ist wissenschaftlich erwiesen und das kennen beispielsweise auch Leistungssportler. Wer immer nur trainiert, der wird nicht besser. Wer hingegen Training und Regeneration abwechselt, der kann die besten Ergebnisse liefern. Und das bedeutet für uns, auch mal aufzuhören, den Geist ständig mit (sinnlosem) Zeug zu füttern, digital und mental abzuschalten, um zu regenerieren.

Was ist der erste und wichtigste Schritt zu einem entspannteren Leben?

Als Coach erlebe ich ganz häufig, dass die Menschen zwar wissen, dass sie entspannen sollten – und das auch dürfen. Doch „irgendwas“ treibt sie in ein Dauer-On rein. Aus diesem Grund nehmen wir uns in „Lass Mal Alles Aus“ in Kapitel 6 unseren „inneren Drang“ vor, und schauen mal, was uns in den Stress reintreibt. Welche Ansprüche hast Du an Dich selbst, die verhindern, dass Du mal abschaltest? Ist es, weil Du es immer allen recht machen willst – und deshalb 24/7 für alle auch erreichbar sein willst? Oder willst Du einfach „Der Starke“ sein, der selbstverständlich auch noch die ganzen Kommunikationskanäle mit links händelt? Im zum Buch passenden neuen Online-Kurs legen wir dann übrigens diesen kleinen fiesen Saboteuren das Handwerk. Das Buch trägt seinen Teil dazu bei.

Aber ein wenig Stress schadet wohl keinem, oder?

Ja, klar (lacht). Stress ist ein guter Motor und kann uns auf eine positive Art zu Höchstleistungen motivieren. Positiver Stress beflügelt uns. Bedenklich wird es erst, wenn ich ständig negativen Stressfaktoren ausgesetzt bin, wie Konflikte, einen zu hohen Workload oder wenn mir Ängste das Leben schwer machen. Und selbst positiver Stress kann irgendwann kippen, wenn es einfach zu viel ist.

Wie kann man herausfinden, welches Stresslevel gut für einen ist?

Meine Kollegin Ursula Nuber hat in einem ihrer Bücher vor Jahren die sogenannten Taktungstypen vorgestellt: das Wiesel, die Katze und die Schildkröte. Ich habe sie gefragt, ob ich diesen Ansatz in mein Buch übernehmen darf, denn er zeigt perfekt, dass wir tatsächlich unterschiedliche Stresslevel verkraften können. Den Check können Sie gratis machen unter www.gluexx-factory.de/taktungstypen, mit Sofortauswertung und konkreten Tipps.

Auch Ihr Buch enthält viele Tests und Checklisten. Auf welcher Basis haben Sie diese entwickelt?

Bei einigen Checks, wie beispielsweise dem Erreichbarkeits-Check, habe ich auf meine langjährige Erfahrung aus dem Coaching und Training zurückgegriffen. Die Checklisten sind der gebündelte Erfahrungsschatz aus der Arbeit mit vielen tausend Menschen. Bei anderen Checks, wie dem Check zum Thema „Workaholic“ oder „Innere Saboteure“ habe ich mich auf die entsprechenden wissenschaftlichen Theorien konzentriert und auf deren Basis neue Checks entwickelt.

Eine interessante Idee, die Sie in „Lass Mal Alles Aus!“ vorschlagen, ist der „Termin mit dir selbst“. Das müssen Sie erklären!

Sehr engagierte Menschen und Menschen, die sehr hilfsbereit und unterstützend sind, erfüllen alle Anforderungen und Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden. Doch vor lauter Pflichterfüllung vergessen Sie einen Menschen: sich selbst. Und da können sie sich noch so oft vornehmen: „Heute Abend mache ich pünktlich Feierabend und gehe zum Sport!“ Sobald eine Aufgabe noch offen ist, oder ein Kollege fragt „Kannst Du schnell mal …?“ sind die guten Vorsätze vergessen. Ein kleiner Kniff, damit wir die Aktivitäten, die uns gut tun, auch wirklich machen, ist es, mein Vorhaben in meinen Kalender einzutragen. Als fixen Termin. Als „Termin mit mir selbst“. Erfahrungsgemäß fällt es uns dann nämlich plötzlich viel leichter, den Kollegen auf morgen zu vertrösten oder eine Aufgabe einen Tick schneller zu erledigen. Der Grund: Alles, was im Kalender steht, hat eine höhere Verbindlichkeit als reine „Kopf-Termine“.

Als eine andere Stressquelle sehen Sie – wie bereits erwähnt – die digitalen Geräte an, die uns umgeben. Sie schlagen vor, hier einige Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern, ein „sanftes digitales Detox“ …?

Unsere digitalen Geräte sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, und ich möchte sie auf keinen Fall verteufeln. Im Gegenteil – sie schenken uns so viel Freiheit, Unabhängigkeit und sparen Zeit und Geld. Dank Internet und Smartphones können wir ganz andere Lebensmodelle leben als unsere Großeltern. Der Punkt ist allerdings, dass bei vielen Menschen die digitalen Geräte die Herrschaft übernommen haben, und sie fast schon ein Suchtverhalten entwickelt haben. Mit dem Ergebnis, dass sie Stunden über Stunden in virtuellen Welten unterwegs sind. Und zunehmend ärgert das die Menschen. Sie wollen keine Sklaven der Geräte sein, sondern sie souverän nutzen. Dabei kann es helfen, dass ich mir mit Apps wie „Quality Time“ einen Überblick über meine tatsächlichen Screen-Zeiten verschaffe. Für manche meiner Klienten war das ein Schock – sie hatten ihre „On“-Zeiten komplett unterschätzt. Und wenn ich mich entscheide, dass ich meine Screen-Zeiten verkürzen will, dann kann ich Apps wie „Freedom“ nutzen, die nach einer von mir gewählten Zeit die Nutzung sperren, bis ich (wieder) genau den souveränen Umgang mit der Technik habe, den ich wirklich will. 

Was halten Sie von Work-Life-Blending, dem Vermischen von Beruf und Privatleben, wie es heute in vielen Berufen möglich ist?

Work-Life-Blending ist eine großartige Möglichkeit, unseren Beruf und unser Privatleben entspannt leben zu können, weil ich mich an keine starren Zeiten halten muss und auch an keine fixen Arbeitsplätze. Viele Unternehmen fördern momentan diese Szenarien, weil es den Mitarbeitern zugutekommt – und auch den Unternehmen.

Wer viele Mitarbeiter hat, die morgens nicht ins Unternehmen kommen, der spart Raum und Arbeitsplätze.

Microsoft hat in München damit 800 Schreibtische eingespart! Doch dieses Modell funktioniert nur, wenn die Mitarbeiter mit der Freiheit auch umgehen können, und nicht in die Selbstausbeutung abgleiten. Denn es ist verführerisch: wenn ich jederzeit und überall arbeiten kann, dann braucht es viel Selbstdisziplin – oder nennen wir es lieber Selbstliebe – damit aus dem „Können“ kein Zwang wird. Unternehmer und Freiberufler kennen das: ständig kannst Du „noch schnell“ was tun. Noch schnell eine Mail schreiben, noch schnell ein paar Gedanken in den Laptop hacken … und bis Du schaust, hast Du Deine Freunde versetzt, Chips statt Abendbrot in Dich reingestopft oder die Nacht durchgemacht. Wir dürfen also lernen, „New Work“ für uns passend zu machen. Und da sehe ich auch die Unternehmen in der Pflicht, den Mitarbeitern den Rücken entsprechend zu stärken. Aus diesem Grund runde ich jedes Kapitel mit einem „Appell an Führungskräfte und Unternehmer“ ab, denn all diese Themen müssen wir gemeinsam lösen.


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