Herr Brandt, wir sind begeistert von Ihrem „Andenken“-Buch über Ihren Vater. Es ist literarisch und doch fest in der Wirklichkeit verankert. Es unterhält und ist doch ein künstlerisches Ornament geworden, wie Sie es an einer Stelle als Ziel formulierten. Stand für Sie von Anfang an fest, in welcher Form Sie über Ihren Vater schreiben wollten?
Ich hatte schon sehr lange vor, irgendwann auch etwas über dieses Thema zu schreiben, also wie ich meinen Vater sah und wir zueinander standen. Aber ich konnte es erst tun, als ich die dafür passende Methode hatte, die adäquate Form. Im Herbst 2004 war mir plötzlich klar, wie es gehen konnte: Ich wollte keinen durchlaufenden Text schreiben, sondern das literarische Bild aus vielen kleinen Facetten aufbauen. Ich habe meine Erfahrungen mit der Bildenden Kunst, der Malerei übertragen auf die Literatur. So ist das mit dem Ornament gemeint. Hier war das Ziel der Weg.
Hatten Sie ein Vorbild?
Ich erinnerte mich zum Beispiel, wie Ellsworth Kelly in seiner Pariser Zeit zu Bildern gelangt ist: Er hat, was ihn im Straßenbild umgab – Fenster vielleicht, Gitter – als ornamentale Struktur verabsolutiert. Jetzt werfe ich so einen Blick im Geist, denn das alles ist ja Vergangenheit, auf meinen Vater und seine Welt. Ich sehe mir die formale Haut der Wirklichkeit an, und manches, was in anderen Zusammenhang als Nebensächlichkeit gewertet wird, entpuppt sich plötzlich als Hauptsache, jedenfalls für mich – getreu der Erkenntnis, dass die Wahrheit an der Oberfläche liegt.
Um einen neuen Zugang zu Willy Brandt zu finden?
Um mich der Wirklichkeit zu nähern, um zu Seiten vorzustoßen, die oft zu kurz kommen. Um keine Klischees zu pflegen und weiter zu tragen, sondern im Gegenteil zu dem Teil der Wahrheit vorzustoßen, der mir zugänglich ist. Ich wollte keine Biographie oder politische Analyse schreiben. Ich habe eine persönliche Kompetenz und ich muss meine Situation als Sohn nicht wegobjektivieren, sondern mitreflektieren. Es ein Buch über einen anderen Menschen, aber indem ich gucke, sind es dann schon zwei. Das aber ist die Konstellation, über die ich schrieb. Die Ornamente sind auch deswegen bewusst einfach gehalten, es gibt da keine Schnörkel, sondern eher minimalistische Strukturen: um den Blick frei zu halten, auf das, was mir wichtig erscheint und was nur ich so im Blick habe.
Sie erzählen viele kleine Begebenheiten und Beobachtungen.
Ja, mein Vater ist ein Mensch gewesen, der bekannt war. Es existieren reichlich Bilder von ihm, manche ähnlicher, manche bewusste Zerrbilder. Für mich waren sie nicht relevant. Ich habe auf keines der Bücher anderer zurückgegriffen, was gehen mich Biographien oder irgendwelche mehr oder minder inspirierte Analysen seiner Politik an? Mein eigenes Nachdenken über ihn und unser Verhältnis hat mit alledem nichts zu tun. Es nicht in falscher Richtung reaktiv werden zu lassen, sondern die literarische Form zu kreieren, die mir einen klaren Zugang über sinnliche Eindrücke und persönliche Erinnerungen erlaubte, schien mir ein gutes Verfahren.
Matthias Brandts „Raumpatrouille“ in der Kritik
Matthias Brandts „Raumpatrouille“ erzählt Geschichten aus dem Leben eines Kinds, das ein total normales und doch vollkommen außergewöhnliches Leben im Schatten des Kanzleramts führt. Es ist ein autobiografisches Buch voller liebevoll beobachteter Details aus den 70er-Jahren, aber keine Autobiografie. Eine heiter-gelassene Geschichten-Sammlung, auf ideale Weise geeignet als Entspannungslektüre für Menschen mit prall gefüllten Terminkalendern. Hier ist unsere Kritik.
Was bedeutet der Titel?
Dieses Wort Andenken hat zwei Bedeutungen: Es ist Ausdruck einer geistigen Zuwendung. Zugleich aber sind Andenken auch Gegenstände, die einen an etwas erinnern. Und in meinem Fall Instrumente der literarischen Arbeit.
Einige davon bilden Sie in Ihrem Buch ab – ein Polaroidfoto, das Andy Warhol von ihrem Vater gemacht hat, Passfotos aus einem Automaten, die Ihr Vater von sich selber angefertigt hat, eine Lackdose mit seinem Porträt, die man ihm im Kreml überreichte …
… ja, aber natürlich handelt es sich bei diesen Gegenständen nicht um Andenken, die bei mir am Ende noch herumstehen. Erst ich habe sie zu dem gemacht, was sie für das Buch sind. Sie verfügen über eine gewisse Schräglage, richtig befragt jedoch, verrieten sie mir etwas, was mich beim Schreiben weiterbrachte. Zu den gegenständlichen Andenken habe ich auch besondere Texte geschrieben, die einen zusätzlichen Ton ins Buch bringen. Und diese beiden Momente – die geistige Zuwendung und die materialistische Erdung durch den Weg über die Gegenstände – erlauben es mir, wie im Kubismus, gleichzeitig mehr als eine Blickrichtung zu wählen. Als ich diese Form gefunden hatte, ging das Schreiben eigentlich ganz leicht.
Ihr Buch liest sich auch sehr leicht und angenehm.
Das freut mich, schließlich braucht Ernsthaftigkeit nicht plump daherzukommen, aber ich habe darauf geachtet, mich nicht in zu vielen Pointen zu verlieren.
Sie stellen sich häufig selbst Fragen – als rätselten Sie über Ihr eigenes Verhalten und Denken in einer bestimmten Situation. Doch gerade diese Fragen beantworten Sie in Ihrem Buch dann nicht. Zum Beispiel fragen Sie sich, als Sie Ihren Vater von der Krankheit gezeichnet erstmals nach Jahren wieder sehen: „Wie hatte ich mir die Wiederbegegnung mit ihm vorgestellt?“ – Haben Sie diese Fragen für sich selbst beantwortet?
Wenn man ehrlich ist, lässt sich nicht jede seelische Situation zwischen Menschen auflösen, und dann ist das Fragezeichen am Ende eines Satzes oft besser als das Ausrufungszeichen. Es geht um Literatur, um Angemessenheit, nicht um Geschwätzigkeit. Wahrhaftigkeit, nicht Indiskretion. Die Wiederbegegnung mit meinem Vater fand vor dem Hintergrund einer jahrelangen Trennung statt, als er bereits sehr krank war. Ich hatte nicht vor, auch all das, was nur uns beide angeht, vor der Leserschaft auszubreiten.
Warum haben Sie so lange den Kontakt mit ihm abgebrochen? War es nur dieser eine Vorfall, als er in einem Interview sagte, seine Söhne seien mit ihm als Vater einverstandener, als es ihm selbst recht sei?
Es ist nie nur der eine Vorfall. Mein Vater und ich mussten immer aufeinander zugehen, das galt für beide. Wir mussten immer einiges tun dafür, dass wir uns verstanden. Unsere Leben waren so unterschiedlich. Ich war nie in einer Partei. Ich habe immer eine private Existenz geführt. Und er war immer ein Mensch, der in der Öffentlichkeit stand und Ämter übernommen hat. Das ging alles gut, so lange wir uns bewusst waren, dass es uns etwas abverlangt. Und dieses Interview, das er mir auch noch selber zuschickte, brachte für mich klar zum Ausdruck, dass er sich dessen nicht mehr bewusst war. Er war sich nicht mehr im Klaren, was das uns beiden abverlangte. Ich war entsetzt über diesen Loyalitätsbruch und habe nichts mehr von ihm wissen wollen.
Haben Sie je mit ihm darüber gesprochen?
Nein, als wir uns wieder trafen, war er sterbenskrank. Nun ging es um Anderes. Nicht mehr darum, wie wir beide aufeinander zugehen wollten.
Oft dürfen wir Sie dabei beobachten, wie Sie selbst darüber staunen, dass Sie ausgerechnet in dieses Leben als Sohn von Willy Brandt hineingeboren wurden. Sie beschreiben zum Beispiel eine Episode mit den Kindern von Robert Kennedy, in der Sie von Mitarbeitern Ihres Vaters zu einer Sightseeing-Tour geschickt werden und sich völlig überflüssig vorkommen, weil sie mit diesen fremden Kindern eigentlich nichts anzufangen wissen. Prägt es Ihr Leben noch heute, dass Sie als Sohn des Berliner Oberbürgermeisters und Bundeskanzlers in eine Funktion hineingeboren wurden?
Das wäre ja traurig. Ich lebe mein eigenes Leben, keineswegs im Schatten meines Vaters. Das war ja auch der Grund, aus dem wir uns lange Zeit so gut vertrugen. Wir konnten miteinander lachen, aber eben auch herzlich streiten, es war unverquält. Sicherlich gibt es gewisse entfremdende und verfremdende Elemente in so einer Kindheit und Jugend, die einem die Aufgabe stellen, selber einen Modus zu entwickeln, damit umzugehen. Allerdings frage ich mich: In welchem Leben eigentlich nicht? Der eine erlebt das im offenen Straßenkreuzer mit den Kindern von Robert Kennedy, der andere mit anderen Kindern in einem Ruderboot. Und beide stellen rasch fest: Ich bin hier auf der falschen Party. So was kennt jeder.
Die Präzision des Beschriebenen ist Ihnen wichtig?
Man kann über das Allgemeine nicht allgemein reden. Menschen sind immer speziell. Wenn ich über meinen Vater schreibe, dann lautet die Aufgabe: So genau und nah an der Sache dran wie möglich. Kein Geplapper mit sentimentaler Sauce. Wenn überhaupt, wird, was ich zu sagen habe, durch die Genauigkeit in der Darstellung des Besonderen allgemein, also interessant über den einzelnen Gegenstand hinaus. Das ist das konkrete Verfahren der Kunst, im Unterschied zu wissenschaftlichen Methoden der Generalisierung. Mich interessieren das Einzelne, die Unterschiede, die Valeurs, Brüche und Widersprüche.

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