Milchkaffee-Schwangere erobern Kreuzberg und Bohrmaschinen die Musikwelt. Sven Regeners neuer Frank-Lehmann-Roman „Glitterschnitter“ lädt einmal mehr ein in ein leider längst untergegangenes Berlin.

Sven Regeners „Glitterschnitter“ liest sich zäher als die vergangenen Frank-Lehmann-Romane

15. November 2021 | Jörg Steinleitner

Sven Regener

Glitterschnitter

ISBN 978-3-869-71234-5

469 Seiten | € 24,00

Galiani
Bestseller-Button Belletristik

Romantik (3/5)

Komik (3/5)

Weisheit (3/5)

Gänsehaut (1/5)

Unterhaltung (3/5)

Titelbild GlitterschnitterIch habe mich sehr, sehr, sehr auf „Glitterschnitter“ gefreut

Was habe ich falsch gemacht? Oder hat vielleicht doch auch Sven Regener etwas falsch gemacht? Diese beiden Fragen gehen mir durch den Kopf, wenn ich über seinen neuen Roman „Glitterschnitter“ nachdenke. Womöglich war es ein Fehler, dass ich mich so sehr auf diese neue Frank-Lehmann-Geschichte gefreut habe. Vermutlich ist es von allen Romanen der, auf den ich mich seit Erscheinen des letzten Sven-Regener-Werks am meisten gefreut habe. Und nun das:

Frank Lehmann, Karl Schmidt, Erwin Kächele, Raimi und Ferdi

Gut, auch in „Glitterschnitter“ begegnen wir der umwerfend sympathischen, weil wunderbar unperfekten Truppe um Frank Lehmann, den Künstler Karl Schmidt, den aus Württemberg stammenden Gschäftlesmacher und Kneipier Erwin Kächele, H.R. Ledigt, den Musikproduzenten Raimund und Ferdi, P. Immel und den anderen seit den 1980er-Jahren in Berlin Gestrandeten. Auch ist Kreuzberg immer noch angenehm irr und von Punks bevölkert. Personal und Kulisse stimmen also. Aber irgendwie fehlt es dieses Mal an der Geschichte. Und das macht die Lektüre ein wenig zäh.

Reicht es für den Erfolg einer Band, ihr eine Bohrmaschine zu verpassen?

Natürlich hat Sven Regener sich eine Story ausgedacht. Die geht in etwa so: Charlie, Ferdi und Raimund wollen mit der neu gebildeten Formation „Glitterschnitter“ einmal mehr musikalischen Ruhm einfahren. Dazu haben sie sich ein Klangarrangement ausgedacht, das zusätzlich zu Schlagzeug und Synthesizer eine Bohrmaschine integriert. Das damit verbundene Problem umreißen ziemlich eindeutig die zwei Fragen: Wer will das hören? Und: Wie kriegt man Publikum? Es entsteht ein ziemlich kühner Plan, der darin besteht, die Punks mit Dosenbier zu bestechen.

H.R. Ledigt baut eine IKEA-Musterwohnung auf – als Kunstwerk

Dazu gibt es noch eine Kunststory: H.R. Ledigt hat nämlich die phänomenale Idee, eine IKEA-Musterwohnung detailgetreu nachzubauen – als Kunstwerk. Was Wiemer, der ihn vermarkten soll, für schwer verkäuflich hält. Ihm wäre ein Gemälde lieber. Klar, dass das für heftige Diskussionen sorgt. Allerdings für nicht so heftige Diskussionen wie die Sache mit dem Milchkaffee.

Irgendwann kam die Zeit, da gab es Milchkaffee aus Schalen zu trinken

Sven Regener beschreibt ja die Zeit, an die sich alle vor oder in den 70ern Geborenen noch erinnern können: Irgendwann gab es Milchkaffee aus Schalen zu trinken. Muss man das in dem Etablissement namens „Intimfrisur“ nun auch anbieten? Wird Berlin das neue Wien? Muss eine Absturzkneipe in dieser neuen Zeit, die da anzubrechen scheint, ihr Getränkeangebot auf Schwangerengruppen anpassen? Also weg vom Dosenbier und hin zum café au lait?

Sven Regeners „Glitterschnitter“ ist Dialogtheater

Logisch kann man über diese Fragen intensive Auseinandersetzungen führen und dabei die absurdesten Argumente auffahren. Aber diesbezüglich übertreibt es Sven Regener dieses Mal. Weniger Milchkaffee-Diskussion wäre mehr gewesen. Überhaupt ist das gesamte Buch eher ein dialogisches Kammertheater, denn ein Roman. Die großen Erzähllinien treten in den Hintergrund und die Protagonisten labern im Kreis. Das ist ein wenig schade.

Meine Empfehlung an alle Sven-Regener-Fans ist eindeutig

Deshalb wäre meine Empfehlung an alle, die Fans sind und sich diesen Sven-Regener-Roman auf keinen Fall entgehen lassen wollen (und bitte auch nicht sollen): Ziehen Sie sich die Hörbuchfassung rein! Wenn Sven Regener Sven Regener liest, ist es einem nämlich völlig Schnuppe, ob da ein groß angelegter Erzählstrang durch den Roman führt oder nicht. Man hört einfach zu und freut sich. So einfach ist das.

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