Ulrich Woelk: Für ein Leben. Buchtipp | BUCHSZENE.DE

Eine junge Ärztin im Berlin der Wendezeit ist der Ausgangspunkt von Ulrich Woelks lebendig und mitreißend erzählten Roman „Für ein Leben“, der ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte abbildet.

Ulrich Woelks Roman „Für ein Leben“ ist klug und dabei unglaublich unterhaltsam

15. Juli 2021 | Jörg Steinleitner

Für ein Leben

Eine große Erzählung – privat und zeithistorisch zugleich

„Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann, Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die Fruchtbarkeit geraubt. Das war im Winter 1989/90, kurz nachdem die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gefallen war, politisch aber noch zwei deutsche Staaten existierten.“ Schon gleich mit dem ersten Satz seines Romans eröffnet Ulrich Woelk das interessante Panorama, das er auf den folgenden rund 630 Seiten mit Liebe zum Detail und literarisch elegant vor uns ausbreitet: Es ist einerseits ein sehr privates Panorama, in dem es so unterhaltsam wie dezidiert um Liebe und Sex geht; zum anderen aber ist es ein philosophisches und zeitgeschichtliches Panorama, denn Ulrich Woelk bettet das Erzählte ein in die Geschehnisse Nachkriegszeit.

Sie weiß nicht wie er heißt, nur dass er eine Valentino-Unterhose trug

Nikisha, genannt Niki, ist eine junge Ärztin im Berlin der Zeit kurz nach dem Mauerfall. Es ist eine chaotische Phase, den es gibt noch zwei Deutschlands – und Niki arbeitet zu viel. Clemens ist eigentlich ihr Patient. Mit akuten Schmerzen im linken Hoden landet er in der Notaufnahme und damit in den Händen der fünfundzwanzigjährigen, völlig übermüdeten Ärztin. Niki trifft eine Fehldiagnose, die dramatische Folgen haben könnte und verliert den Patienten zunächst aus den Augen: Sie weiß weder seinen Namen, noch seine Adresse. Und dass er bei der Untersuchung eine Valentino-Unterhose trug, lässt Niki lediglich darauf schließen, dass er vermutlich aus dem westlichen Teil Berlins stammt.

Wenn Ulrich Woelk erzählt, könnte man meinen, er hat alles selbst erlebt

Es sind diese scheinbaren Nebensächlichkeiten, die Ulrich Woelks Roman zu einer fesselnden Lektüre machen. Mit einem lockeren, melodiösen Erzählstil entwirft er die Lebensläufe seiner Figuren, die so exemplarisch wie besonders sind. Nikis Geschichte etwa: Die spätere Ärztin wird geboren in Afghanistan, weil ihre Hippie-Eltern dort mit ihrem T1-VW-Bus gestrandet sind. Niki wächst in Indien und Mexiko auf. Ulrich Woelk erzählt ihre Geburt in einem afghanischen Dorf so anschaulich und nah, so unterhaltsam und glaubwürdig, dass man meinen könnte, er hätte dies alles selbst erlebt.

John Lennon und Pastis, Plateauschuhe – und natürlich: die Liebe

Er parliert über John Lennon und Simone de Beauvoir, von weiblichem Selbstbewusstsein und merkwürdigen Männern; vom Wallfahrtsort Lourdes und von Pastis oder Café au Lait in französischen Bars; von Plateausohlen aus geflochtenem Sisal und einer Naturforscherin des 18. Jahrhunderts namens Jeanne Baret. Schließlich taucht auch ein gewisser Clemens wieder in der Geschichte auf. Er entpuppt sich als Schriftsteller … All diese kleinen und großen Erzählungen verknüpft Ulrich Woelk zu einem beeindruckenden großen Ganzen und kreist wunderbar nebenbei zwei spannende Fragen: Wie lieben wir – und was bedeutet dies für unseren Lebensweg?

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