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Jörg Steinleitner berichtet von einer Familien-Expedition nach Russland, ins einstige Ostpreußen

Reise nach Russland Kolumne Steinleitners Woche

21. Juni 2017 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten


Wie ist es, wenn man als deutsche Familie in russische Gefangenschaft gerät? Lassen sich Militärpolizisten hypnotisieren? Kolumnist Jörg Steinleitner beantwortet diese und viele andere unerhörte Fragen.


Russischkenntnisse sind für eine Reise nach Russland von Vorteil

Es lohnt sich Reiseführer zu lesen. Insbesondere, wenn man einen Urlaub in der Nähe russischer Militärzonen plant. Wenn man auf derlei Lektüre verzichtet, gerät man gerne einmal in Gefangenschaft. Im Übrigen war es auch nicht von Vorteil, dass wir unsere Reise ohne jegliche Kenntnisse der russischen Sprache und lediglich ausgerüstet mit einem zehn Jahre alten Navigationssystem antraten.

Natürlich kann man sich fragen, was ein nicht sehr mutiger Kolumnist samt Ehefrau und dreier, teils pubertierender Kinder („Vergiss es Papi, diese Reise machen wir nie wieder!“) in einer militärischen Sperrzone an der russisch-polnischen Grenze verloren hat. Soll der doch an die Adria fahren, der Trottel!

Wir träumten davon, an der Kurischen Nehrung zu plantschen

Aber da waren diese Geschichten, die Helenas Großmutter immer aus ihrer alten Heimat Ostpreußen erzählte: Oma Eli wuchs als Tochter eines kaiserlichen Revierförsters im – wie sie sagte – „Urwald“ der Rominter Heide auf. Regelmäßig spazierten Hirsche, Wölfe, Wildschweine, Biber und Rehe um ihr kleines Forsthaus. Sie trank als Kind am malerischen Marinowo-See Limonade, der liegt zwischen Schenkenhagen, Kleinschanzenort und Schönheide. Die drei Orte heißen heute kyrillisch, weshalb ich sie nicht schreiben kann. Großmutter Eli liebte es, an den weißen Sandstränden der Kurischen Nehrung zu plantschen.

So kam es, dass auch wir am Marinowo-See Eis essen und Hirsche sehen und an der Kurischen Nehrung plantschen wollten. Aber nun standen wir da auf einer Kreuzung und die dicke Militärpolizistin mit dem rosa Lippenstift rückte unsere Reisepässe nicht mehr heraus. Dabei war bislang alles so vorteilhaft gelaufen – sehen wir einmal über den Stinkefinger des tschechischen Autofahrers hinweg, der versuchte, uns von der Straße abzudrängen.

Wir waren in Ostpreußen, aber es fühlte sich an wie Afrika

Wir hatten die polnischen Städte Krakau, Lodsch und Goldap besucht und dann die polnisch-russische Grenze angesteuert. Die Kontrollen waren einschüchternd, aber nach eineinhalb Stunden erledigt. Wir befanden uns in Russland.

Direkt hinter dem Grenzübergang verwies ein Schild auf einen verwachsenen Forstweg. Ging es hier zu Großmutter Elis Heimatdorf? Stimmte das mit dem „Urwald“ also wirklich? Auch heute noch? Schon bald rumpelten wir durch Trakischken, Klein- und Groß-Rominten. Hier war Ende des Zweiten Weltkriegs die Front verlaufen. Die Dörfer sahen aus, als wäre das alles erst vergangene Woche vorbei gewesen. Mehr Hunde als Menschen, große Armut. Angesichts der Schlaglöcher und vom Regen ausgewaschenen Straßen wünschte ich mir das erste Mal in meinem Leben einen Geländewagen. Wir waren in Russland, aber es fühlte sich an wie Afrika.

Für die Verletzung der militärischen Sperrzone gibt’s Gefängnis

Der Fehler war dann vermutlich, dass wir den Präsidentenweg einschlugen. Plötzlich standen wir vor den Fundamenten von Görings Reichsjägerhof. Hätten wir auf die Karte gesehen, wäre uns klar geworden, dass wir in die militärische Sperrzone eingedrungen waren. Später las ich im Reiseführer, dass man dafür ins Gefängnis kommen kann. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte unsere Grenzüberschreitung durchaus noch gut gehen können, schließlich war außer uns kein Mensch im Wald zwischen Jagdbude und Budweitschen unterwegs. Nicht einmal Soldaten!

Was uns zum Verhängnis wurde, war, dass Helena unbedingt ein Haus fotografieren wollte. Auf ihren Wunsch hin drehte ich also eine Runde auf der Kreuzung. Und da trat die dicke Soldatin in Tarnuniform aus dem Gebäude. In der Hand hielt sie kein Maschinengewehr, sondern eine Damenhandtasche, letztere nicht in Tarnfarben. Frau Soldat war vermutlich gerade beim Shoppen gewesen. Ich versuchte noch schnell die Flucht zu ergreifen, aber ihr energisches militärisches Winken war nicht anders zu interpretieren, als dass sie etwas von uns wollte.

Sie fragte uns, ob wir Spione seien

Wir reichten ihr unsere Reisepässe und sie erläuterte uns mithilfe unserer Karte, dass wir uns in einer hochverbotenen Hochsicherheitszone befänden, die Grenze zum feindlichen Polen sei nur wenige Kilometer entfernt. Sie nahm unsere drei Kinder sowie die Badeschlappen im Kofferraum ins Visier, auch die Pfeile und den Bogen meines Sohnes, mithin Kriegswaffen, und erkundigte sich, ob wir Spione seien. Wir verneinten.

Mir war klar, dass uns nun fast nichts mehr retten konnte. Das Familien-Gulag vor Augen redete ich mit meiner charismatischsten Meditationsstimme – natürlich in deutscher Sprache – auf unsere Bändigerin ein. Sie schüttelte den Kopf und rief einen Vorgesetzten an. Der kam auch bereits nach einer halben Stunde und rief, ohne uns eines Blickes zu würdigen, einen weiteren Vorgesetzten an. Dann fuhr er wieder. Um einen weiteren Vorgesetzten zu holen, der aber nie kam. Das Wort „Chef“, welches unsere Gefängniswärterin verwendete, verstand ich. In der folgenden Zeit wurden dann noch sehr viele Vorgesetzte angerufen. Vermutlich war am Ende sogar Putin am Apparat. Wir aber blieben ganz ruhig. Immer wieder versuchte ich, unsere Handtaschen-Soldatin mit warmen, deutschen Worten zu hypnotisieren.

Ja, um zu illustrieren wie unspionesk wir waren, hieß ich die Kinder auf dem Dorfplatz Fußball zu spielen. Auch packten wir unsere Brotzeit aus und zeigten uns mampfend. Welcher James Bond würde dies tun?

Und dann stand da schon wieder ein Soldat

Tatsächlich zeigte unsere Zermürbungstaktik Wirkung. Irgendwann – es ging auf Mittag zu – bekam die Soldatin selbst Hunger. Und nach einem letzten Telefonat mit Putin oder einem anderen Chef durften wir weiterfahren. Stunden später suchten wir auf der Kurischen Nehrung nach unserer Behausung. Mangels Kenntnissen der kyrillischen Schrift ist das gar nicht so einfach. Ich drehte eine ratlose Runde auf dem Dorfplatz – und dann sah ich ihn: den energisch winkenden Mann im Tarnanzug. Aber das ist eine andere Geschichte.

P.S.: Man begegnet auf einer Reise durch die russischen Teile des ehemaligen Ostpreußen sehr wenigen deutschen Urlaubern. Dies wird ausgeglichen durch viele Kontakte mit uniformierten Ordnungshütern.

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Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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