Wie ist es, wenn man als deutsche Familie in russische Gefangenschaft gerät? Lassen sich Militärpolizisten hypnotisieren? Kolumnist Jörg Steinleitner beantwortet diese und viele andere unerhörte Fragen.
Russischkenntnisse sind für eine Reise nach Russland von Vorteil
Es lohnt sich Reiseführer zu lesen. Insbesondere, wenn man einen Urlaub in der Nähe russischer Militärzonen plant. Wenn man auf derlei Lektüre verzichtet, gerät man gerne einmal in Gefangenschaft. Im Übrigen war es auch nicht von Vorteil, dass wir unsere Reise ohne jegliche Kenntnisse der russischen Sprache und lediglich ausgerüstet mit einem zehn Jahre alten Navigationssystem antraten.
Natürlich kann man sich fragen, was ein nicht sehr mutiger Kolumnist samt Ehefrau und dreier, teils pubertierender Kinder („Vergiss es Papi, diese Reise machen wir nie wieder!“) in einer militärischen Sperrzone an der russisch-polnischen Grenze verloren hat. Soll der doch an die Adria fahren, der Trottel!
Wir träumten davon, an der Kurischen Nehrung zu plantschen
Aber da waren diese Geschichten, die Helenas Großmutter immer aus ihrer alten Heimat Ostpreußen erzählte: Oma Eli wuchs als Tochter eines kaiserlichen Revierförsters im – wie sie sagte – „Urwald“ der Rominter Heide auf. Regelmäßig spazierten Hirsche, Wölfe, Wildschweine, Biber und Rehe um ihr kleines Forsthaus. Sie trank als Kind am malerischen Marinowo-See Limonade, der liegt zwischen Schenkenhagen, Kleinschanzenort und Schönheide. Die drei Orte heißen heute kyrillisch, weshalb ich sie nicht schreiben kann. Großmutter Eli liebte es, an den weißen Sandstränden der Kurischen Nehrung zu plantschen.
So kam es, dass auch wir am Marinowo-See Eis essen und Hirsche sehen und an der Kurischen Nehrung plantschen wollten. Aber nun standen wir da auf einer Kreuzung und die dicke Militärpolizistin mit dem rosa Lippenstift rückte unsere Reisepässe nicht mehr heraus. Dabei war bislang alles so vorteilhaft gelaufen – sehen wir einmal über den Stinkefinger des tschechischen Autofahrers hinweg, der versuchte, uns von der Straße abzudrängen.
Wir waren in Ostpreußen, aber es fühlte sich an wie Afrika
Wir hatten die polnischen Städte Krakau, Lodsch und Goldap besucht und dann die polnisch-russische Grenze angesteuert. Die Kontrollen waren einschüchternd, aber nach eineinhalb Stunden erledigt. Wir befanden uns in Russland.
Direkt hinter dem Grenzübergang verwies ein Schild auf einen verwachsenen Forstweg. Ging es hier zu Großmutter Elis Heimatdorf? Stimmte das mit dem „Urwald“ also wirklich? Auch heute noch? Schon bald rumpelten wir durch Trakischken, Klein- und Groß-Rominten. Hier war Ende des Zweiten Weltkriegs die Front verlaufen. Die Dörfer sahen aus, als wäre das alles erst vergangene Woche vorbei gewesen. Mehr Hunde als Menschen, große Armut. Angesichts der Schlaglöcher und vom Regen ausgewaschenen Straßen wünschte ich mir das erste Mal in meinem Leben einen Geländewagen. Wir waren in Russland, aber es fühlte sich an wie Afrika.
Für die Verletzung der militärischen Sperrzone gibt’s Gefängnis
Der Fehler war dann vermutlich, dass wir den Präsidentenweg einschlugen. Plötzlich standen wir vor den Fundamenten von Görings Reichsjägerhof. Hätten wir auf die Karte gesehen, wäre uns klar geworden, dass wir in die militärische Sperrzone eingedrungen waren. Später las ich im Reiseführer, dass man dafür ins Gefängnis kommen kann. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte unsere Grenzüberschreitung durchaus noch gut gehen können, schließlich war außer uns kein Mensch im Wald zwischen Jagdbude und Budweitschen unterwegs. Nicht einmal Soldaten!
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