Ein Buch ist kein Klodeckel!

Home >> Magazin >> Kolumnen >>

Ein Buch ist kein Klodeckel!

15. Dezember 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner


Warum gehen die besten Freunde mit den liebsten Büchern so schlecht um?

Es ist schon toll, wie begeistert neuerdings und allerorten geteilt wird: Autos, Wissen, Links auf lustige Youtube-Videos. Teilen ist in. Als jemand, der zehn Jahre als Einzelkind aufgewachsen ist, weil der kleinere Bruder so spät erst nachzügelte, hat das Teilen für mich eine besondere Bedeutung; es war mit Schmerz verbunden, beherrschte ich es doch mangels geschwisterlicher Übung viele Jahre nicht besonders gut. Die Entwicklung gipfelte darin, dass ich in meiner Studenten-WG die H-Milch im Kleiderschrank versteckte, weil mein Mitbewohner das mit dem Teilen so verstanden hat, dass er die Milch, die ich kaufe, wegsaufen kann. Egal wieviel ich herbeischaffte, er soff alles leer. Bei fünf Litern am Tag begann ich die Milch zu verstecken. Es ging mir übrigens nicht ums Geld, sondern darum, dass ich meinen Schwarztee lieber mit Milch trinken wollte.

Kinder-fotografieren

Heute ist alles besser, die Kinder werden dank Facebook schon früh ans Teilen gewöhnt. Buttonmäßig besteht ein Drittel des Facebook-Lebens daraus. Teilen ist die Steigerung des Gefälltmirens. Diese Entwicklung ist wirklich begrüßenswert, sie – „Gefällt mir“. Der einzige Bereich, in dem ich mir nach wie vor schwer tue, ist das mit dem Bücherteilen. Man erinnert sich kaum mehr daran, aber zu antiker Zeit sprachen wir nicht vom Bücherteilen, wir nannten es „Verleihen“.

Das damit verbundene Ärgernis ist aber dasselbe geblieben. Vorsicht, ich schimpfe jetzt: Kann mir mal bitte einer erklären, was das für Buchliebhaber sind, die sich ein Buch ausleihen und es in einem Zustand zurückgeben, der vermuten lässt, sie hätten es als Klodeckel oder Kopfkissen verwendet, oder als schusssichere Weste in einem Kriegseinsatz?

Freunde, was ihr mit euren eigenen Büchern anstellt, ist mir egal! Meinetwegen könnt ihr sie untergetaucht in der Badewanne lesen, auf jede Doppelseite ein Marmeladenbrot mit Ketchup und Gyros kleben und es aufgeschlagen und mit dem Cover nach oben in der prallen Sonne liegen lassen. Wenn es nach mir geht, könnt ihr die Schutzumschläge zum Feuermachen verwenden, zum Einwickeln veganer Pausenbrote oder euch Sonnenhüte daraus basteln. Ihr dürft in den Büchern auch Telefonnummern notieren, sie zur Insektenjagd verwenden, in ihnen am Sandstrand von Ibiza schmökern und über sie nach Mandeln riechendes Sonnenöl kippen. Ja, das könnt ihr alles gerne machen.

ABER BITTE NICHT MEINEN BÜCHERN! HABEN WIR UNS VERSTANDEN?

Allen, die mich jetzt spießig finden, rufe ich entgegen: Findet mich doch spießig – ist mir schnuppe! Wisst ihr: Mein Vater sagte immer, es gäbe zwei Dinge, die ein Mann nicht verleihe – seine Frau und sein Rennrad. Ich sage euch: Er hat eine Sache vergessen.

Das Erstaunliche ist, dass sogar beste Freunde nicht davor zurückschrecken, Bücher zu misshandeln. Umso schlimmer wirkt sich dabei aus, dass man ja gerade mit seinen besten Freunden nur seine absoluten Lieblingsbücher teilen möchte. Mit der Folge, dass genau diese Glanzlichter einer jeden Bibliothek am ranzigsten aussehen.

Was tun? Es gibt tatsächlich Leute, die lesen deshalb nur noch eBooks. Das finde ich nicht gut, denn das Teilen ist ja an sich ein schöner Akt. Ich bin dazu übergegangen, Freunde, die mich mit ihrer Buchbehandlung ungut überrascht haben, unauffällig zu ihren Plänen und Lebensumständen zu befragen, bevor ich ihnen meinen neuesten Lieblingsschmöker mitgebe: Fahrt ihr demnächst ans Meer? Isst du eigentlich noch manchmal Gyros? Habt ihr auch so viele Mücken dieses Jahr? Falls ihr eine bessere Idee habt, gebt mir Bescheid. Ich bin ratlos. Denn eigentlich wollen wir doch alle das Gleiche: geniale Bücher lesen.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

Mehr zur Rubrik
Unser Kolumnist hat Angst vor Hunden und ihren Besitzern – das bereitet ihm Sorgen
Angst vor Hunde - Steinleitners Woche Kolumne

Steinleitners Woche | 6. Februar 2019 | Jörg Steinleitner

Wenn ein Mensch Angst vor Hunden hat – darf er dann erwarten, dass sich Hundebesitzer diese Angst zu Herzen nehmen? Jörg Steinleitner macht sich anhand eines ganz konkreten Erlebnisses Gedanken.

Gibt es Außerirdische? Leben woanders intelligente Wesen? – Saunagespräche mit Uschi und Erika
Titelbild Steinleitners Woche Außerirdische und Saunagespräche Teil 2

Steinleitners Woche | 16. Januar 2019 | Jörg Steinleitner

Erika und Uschi, die Saunafreundinnen unseres Kolumnisten, stellen im jüngsten Saunagespräch logische Verbindungen her – zwischen Professor Boerne, Hawaii und fliegenden Weltraumwürsten. Achtung: Hier ist nichts erfunden!

Auf geht’s ins neue Jahr – mit Heino, Jürgen Drews, Hypnose und interessanten guten Vorsätzen
Titelbild Steinleitners Woche auf gehts ins neue Jahr

Steinleitners Woche | 2. Januar 2019 | Jörg Steinleitner

Wer erfolgreich ist, macht was richtig. Weswegen Jörg Steinleitner sich die guten Vorsätze von Prominenten für das neue Jahr genauer angesehen hat. Eine Kolumne mit eindeutiger Power-Empfehlung!

Gehackt! Eines Morgens erpresste mich ein Cyber-Krimineller mit Porno-Fotos – Steinleitners Woche

Steinleitners Woche | 19. Dezember 2018 | Jörg Steinleitner

Er habe mich gehackt, schrieb der Mann, und sei im Besitz intimer Fotos, die mich beim Betrachten von „Erwachsenen-Websites“ zeigten. Ob ich wolle, dass meine Familie, meine Kollegen davon erführen?