Vor kurzem wurde bekannt, dass Amazon in Seattle eine Buchhandlung eröffnet, in die man ganz körperlich hineinspazieren kann. Also nicht online, sondern „echtline“, wie es Kurt Nonnenmacher, Inspektionsleiter in meinen Anne-Loop-Krimis, sagt – und wie wir ihn kennen, würde er ein „Zefix“ hinterherschieben.
Unsere erste Reaktion könnte jetzt natürlich sein, herumzumaulen à la: „Erst machen sie den stationären Buchhandel kaputt und dann kopieren sie ihn auch noch.“ Aber ist es denn wirklich so? Und was bedeutet es ganz konkret für Buchmenschen, wenn Amazon in den physischen Buchhandel einsteigt?
Zunächst einmal ist die ganze Sache ein gutes Zeichen. Schließlich werden insgesamt ja wesentlich mehr Echtline-Buchhandlungen geschlossen als eröffnet. Das ist eine erschreckende Entwicklung, denn auch wenn die Recherche- und Servicemöglichkeiten im Internet großartig sind, so geht doch nichts über das schöne Erlebnis, ein echtes Buch in die Hand zu nehmen und hineinzulesen. Man betascht und beschnuppert Bücher ja auch mal gerne. Jedes fühlt sich ein wenig anders an, jedes hat eine andere Farbe, ja sogar einen eigenen Geruch. Solche Sinnlichkeiten sind online nicht möglich. Und so bleibt der Bücherkauf im Internet immer nur ein Abklatsch von Echtline – es ist eben genauso wie beim Verhältnis zwischen echtem Sex und Cybersex.
Aber natürlich geht es den Strategen von Amazon rein gar nicht um die Erotik von Büchern, wenn sie nun in Seattle diese Buchhandlung eröffnen. Nein, es geht ihnen allein darum, noch mehr Bücher zu verkaufen; und anscheinend hat die Amazon-Marktforschung ergeben, dass es sehr viele Leute gibt, die gerne mit echten Büchern flirten!
Was wir bereits heute sagen können: Das Konzept von Amazon wird aufgehen. Die Echtline-Buchhandlung wird Erfolg haben. Im Gegensatz zu vielen anderen physischen Buchhandlungen wird man nämlich genau das richtig machen, was man auch online bereits richtig macht: Genau hinsehen, was der Kunde wünscht. Und viele Kunden wollen anscheinend Nutzerwertungen, Leseempfehlungen, Newsletter, Premiumkarten, weiß der Kuckuck.
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