Es ist wie beim Cybersex

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Es ist wie beim Cybersex

17. November 2015 | Kolumne: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


Was die erste physische Amazon-Buchhandlung für uns bedeutet.

Vor kurzem wurde bekannt, dass Amazon in Seattle eine Buchhandlung eröffnet, in die man ganz körperlich hineinspazieren kann. Also nicht online, sondern „echtline“, wie es Kurt Nonnenmacher, Inspektionsleiter in meinen Anne-Loop-Krimis, sagt – und wie wir ihn kennen, würde er ein „Zefix“ hinterherschieben.

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Unsere erste Reaktion könnte jetzt natürlich sein, herumzumaulen à la: „Erst machen sie den stationären Buchhandel kaputt und dann kopieren sie ihn auch noch.“ Aber ist es denn wirklich so? Und was bedeutet es ganz konkret für Buchmenschen, wenn Amazon in den physischen Buchhandel einsteigt?

Zunächst einmal ist die ganze Sache ein gutes Zeichen. Schließlich werden insgesamt ja wesentlich mehr Echtline-Buchhandlungen geschlossen als eröffnet. Das ist eine erschreckende Entwicklung, denn auch wenn die Recherche- und Servicemöglichkeiten im Internet großartig sind, so geht doch nichts über das schöne Erlebnis, ein echtes Buch in die Hand zu nehmen und hineinzulesen. Man betascht und beschnuppert Bücher ja auch mal gerne. Jedes fühlt sich ein wenig anders an, jedes hat eine andere Farbe, ja sogar einen eigenen Geruch. Solche Sinnlichkeiten sind online nicht möglich. Und so bleibt der Bücherkauf im Internet immer nur ein Abklatsch von Echtline – es ist eben genauso wie beim Verhältnis zwischen echtem Sex und Cybersex.

Aber natürlich geht es den Strategen von Amazon rein gar nicht um die Erotik von Büchern, wenn sie nun in Seattle diese Buchhandlung eröffnen. Nein, es geht ihnen allein darum, noch mehr Bücher zu verkaufen; und anscheinend hat die Amazon-Marktforschung ergeben, dass es sehr viele Leute gibt, die gerne mit echten Büchern flirten!

Was wir bereits heute sagen können: Das Konzept von Amazon wird aufgehen. Die Echtline-Buchhandlung wird Erfolg haben. Im Gegensatz zu vielen anderen physischen Buchhandlungen wird man nämlich genau das richtig machen, was man auch online bereits richtig macht: Genau hinsehen, was der Kunde wünscht. Und viele Kunden wollen anscheinend Nutzerwertungen, Leseempfehlungen, Newsletter, Premiumkarten, weiß der Kuckuck.

Aus diesem Grund – und weil praktisch jeder Leser sie liebt, habe ich eine Bitte an alle Echtline-Buchhändler: Schaut euch doch in dieser Hinsicht etwas von dem Konzept aus Seattle ab. Achtet doch bitte mehr auf die Wünsche von uns, euren Kunden! Meinem Eindruck nach hängt es in vielen Buchhandlungen noch sehr stark vom Geschmack des Buchhändlers ab, welche Werke angeboten werden. Der Buchhändler aber hat vielleicht einen ziemlich speziellen Geschmack. Wer wird denn Buchhändler? – Also, die meisten, die ich kenne, sind wirklich ganz besondere Menschen.

Aber um Erfolg zu haben, muss ein Buchhändler seine Bücher an alle verkaufen. Da braucht es anscheinend Kundenmeinungen, Leser-die-das-lasen-lasen-auch-das-Listen, Newsletter, Premiumkarten und so weiter. Da sind Kompromisse gefordert, die vielleicht auch mal wehtun. Ein Buchhändler muss dann vielleicht ein paar mehr Bücher verkaufen, die er doof findet – einfach, weil seine Kunden sie gut finden. Es ist ja nicht so, dass man die Welt der Bücher in gute und schlechte einteilen kann. Lesen ist Geschmackssache. Und deshalb muss das Sortiment weg vom Geschmäcklerischen führen und hin zu uns Lesern.

Und schließlich muss der Buchhändler punkten, mit dem, was Amazon-Online nicht kann: Kaffee, Fanta und Bier ausschenken, Brote schmieren, Fuß- und Seelenmassage, menschliche Begegnungen, Live-Spektakel – Handstand, Kopfstand, Überschlag. Hört sich primitiv an? Ich finde: Wenn es dazu führt, dass die Vielfalt unserer wunderbaren Buchhändlerwelt erhalten bleibt, dann können wir gut damit leben.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
Zur Biografie von Jörg Steinleitner

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1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.
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