Karen Rose: Dornenherz Buchempfehlung Kritik | BUCHSZENE

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23. November 2018 | Von Frau Bluhm | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Eine Psychologin macht einen Ausflug und schaut plötzlich in den Lauf einer Pistole. Wenig später hat ein Scharfschütze den, der sie bedrohte, getötet. Frau Bluhm liest Karen Roses „Dornenherz“.


Karen Roses Thriller „Dornenherz“ ist der 19. Band der Cincinnati-Reihe


Titelbild Dornenherz

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Frau Bluhm liest „Dornenherz“: 4 von 5 Blu(h)men

 


Bei einem Ausflug schaut Psychologin Fallon plötzlich in einen Pistolenlauf

Dr. Meredith Fallon ist Kinder- und Jugendpsychologin mit Leib und Seele. Besonders für die Mädchen im Haus Mariposa in Cincinnati, die alle Opfer von Missbrauch wurden, gibt sie all ihre Kraft und Herzblut. Als eine ihrer Patientinnen, Mallory, endlich bereit ist, sich wieder unter Menschen zu wagen, feiern die beiden Frauen dies gemeinsam bei einem Mittagessen. Doch der Ausflug entwickelt sich zum Albtraum, als sich Meredith unversehens einem Pistolenlauf gegenübersieht. Der junge Andy Gold, der sie bedroht, scheint dies aber nicht freiwillig zu tun, denn als er die Pistole sinken lässt, um Meredith die Chance zum Entkommen zu geben, wird er kaltblütig von einem Scharfschützen erschossen. Die traumatisierte Meredith weiß sich nicht anders zu helfen, als Mordermittler und Ex-Affäre Adam Kimble um Hilfe zu bitten. Gemeinsam beginnen die beiden, die Hintergründe von Andy Gold aufzuschlüsseln, um zu erfahren, was, und vor allem wer, ihn zu dieser Tat bringen konnte.

Die Spuren führen bis tief in den Polizeiapparat hinein

Schnell wird klar, dass Andy nur seine Freundin Linnie beschützen wollte, die sich in den Händen von skrupellosen Menschenhändlern befindet. Adam beginnt zu ermitteln, während er versucht Meredith in Sicherheit zu bringen. Mit Hilfe von Freunden deckt er dabei Zusammenhänge auf, die sich bis tief in den Polizeiapparat hinein erstrecken. Adam kann niemandem mehr vertrauen, schon gar nicht sich selbst, denn auch der smarte Polizist trägt einen Rucksack an Problemen mit sich herum, von denen sein Umfeld nichts wusste. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn der Anschlag im Café tritt eine Lawine der Gewalt los, die zeitnah viele weitere Opfer fordert.

Karen Roses „Dornenherz“ ist klassischer Romantic Crime

Wenn man ein Liebhaber von Romantic Crime ist, kommt man an Karen Rose nicht vorbei. „Dornenherz“ ist bereits das 19. Buch in ihrer Reihe, deren Teile alle unabhängig voneinander gelesen werden können. Was ich großartig finde, ist die Protagonistenentwicklung, die innerhalb der gesamten Reihe stattfindet. Meredith Fallon beispielsweise tritt in einer Nebenrolle schon mal in Buch 8 und 9 auf, und auch Adam Kimble kennt man schon seit Buch 16. Die Verstrickung sämtlicher von Karen Rose erfundenen Charaktere über die ganze Reihe hinweg bedeutet dann natürlich, dass man in jedem weiteren Buch alte Freunde wiedertrifft und Personen, die vorher Nebenfiguren waren, plötzlich im Mittelpunkt stehen. Dies führt automatisch zu größerer emotionaler Anbindung an die Protagonisten und selbstverständlich zu mehr Spannung.

Die Entwicklung der Figur des Adam ist gelungen, nicht so bei Meredith

Wie aber schon gesagt, die Storyline in „Dornenherz“ kann auch unabhängig von den anderen Büchern gelesen werden. Karen Rose lässt sich viel Zeit, die Hintergründe ihrer Hauptfiguren Meredith und Adam zu entwickeln, was ihr in Adams Fall auch wirklich gut gelingt. Wer ihn von früher kennt, der erfährt endlich, was damals zu seinem völligen Zusammenbruch geführt hat; wer ihn erst in diesem Buch kennenlernt, der wird dennoch von seiner wirklich dramatischen und anrührenden Biografie gefesselt. Dabei geht Karen Rose insbesondere auf die seelischen Vorgänge ein, was der Figur Tiefe und Authentizität verleiht. Leider ist ihr dies bezüglich Meredith nicht so gut gelungen. Sie bleibt doch etwas flach und stereotyp. Auch die unweigerliche Beziehung, die sich zwischen beiden entwickelt, ist mir etwas zu oberflächlich und uninspiriert geschrieben.

Der mit seiner Tochter betende Killer jagt mir Schauer über den Rücken

Was die Seite der Bösen angeht, hat Karen Rose allerdings wieder einen Volltreffer gelandet. Da die Täter unerkannt von der breiten Öffentlichkeit agieren, leben sie nach Außen hin ein ganz normales Durchschnittsleben. Die Ambivalenz, die sich aus dieser Tatsache ergibt, hat die Karen Rose anhand sprachlicher Bilder so gut herausgearbeitet, dass einem beim Lesen oftmals ein kalter Schauer überläuft. Die Miene, die der eiskalte Killer vor dem Spiegel einübt, um anschließend mit seiner Tochter lächelnd das Tischgebet sprechen zu können, würde wohl keiner gerne sehen wollen.

Man rast durch „Dornenherz“, der Krimi ist wahnsinnig spannend

Obwohl ich persönlich nicht so wahnsinnig viel mit Thrillern anfangen kann, die sich um das organisierte Verbrechen drehen, bilden die Bücher von Karen Rose dabei eine große Ausnahme. Es gelingt ihr, hauptsächlich durch die oben schon erwähnte Anbindung an ihre Protagonisten, aber auch durch die sehr komplex aufgebaute und gut durchdachte Storyline, Krimis zu schreiben, die deutlich länger sind, als es für dieses Genre üblich ist. Dennoch könnte ich nicht behaupten, dass auf den aktuell 827 Seiten auch nur irgendeine Form von Länge entsteht. Man rast von Spannung getrieben durch die Seiten. Dadurch, dass sie ihre Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt (Meredith, Adam, Linnie und der Täter) erleben wir den Fall ganzheitlich und können gespannt beobachten, wie die vier Erzählstränge irgendwann zusammenlaufen. Doch obwohl man solch einen intensiven Einblick in die Wahrnehmung des Bösewichts hat, gelingt es Karen Rose, im Laufe des Thrillers gerade so viel nicht zu verraten, dass man am Ende überrascht und mit offenem Mund den Showdown erleben kann.

Die Nebencharaktere tragen viel zur Verdichtung der Storyline bei

Ich finde, Karen Rose spielt in diesem Thriller wundervoll mit dem Spannungselement der Unsicherheit. Da relativ schnell im Buch feststeht, dass ein Insider Informationen weitergibt, entsteht eine Aura des Misstrauens, sowohl bei den Ermittlern, als auch bei den Lesern. Dem entgegen stellt Karen Rose eine unheimlich enge und vertrauensvolle Beziehung unterhalb der Freunde und der Familie von Meredith und Adam. Gerade eigentliche Nebencharaktere, wie zum Beispiel Merediths Großvater oder Adams Cousin Deacon, bekannt aus den Vorgänger-Romanen, tragen viel zur Verdichtung der Storyline bei und geben dem Thriller Farbe und Form.

Viele Helden von Karen Roses „Dornenherz“ handeln nicht vorhersehbar

Das Beste an „Dornenherz“ ist die Tatsache, dass viele Protagonisten nicht vorhersehbar handeln. So erweist sich beispielsweise der grobschlächtige und finster aussehende Hacker Diesel als absolut sensibel und sanft, wohingegen Sozialarbeiterin Wendi ihre grobe Seite zeigen kann. Es sind dabei vielleicht gerade die Menschen, die mit Worten nicht umgehen können, denen es gelingt das Richtige zu sagen; manchmal sind es die scheinbar Bösen, denen es gelingt das Richtige zu tun. Überhaupt spielt dieser Thriller mit Gegensätzen aller Art, was ihn umso spannender und lesenswerter macht. Paradebeispiel dafür ist Adam selbst, der auf Grund der Vorkommnisse in der Vergangenheit sehr kalt und unnahbar scheint, sich aber innerhalb der Geschichte von „Dornenherz“ öffnen kann. Den Menschen hinter der Fassade zu entdecken ist spannend und rührend zugleich.

Karen Rose konzipiert ihre Krimis nach einem Muster

Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob die Romantic Crime von Karen Rose unrealistisch, vorhersehbar und stereotyp ist. Natürlich folgt jedes Buch, auch „Dornenherz“, einem bekannten Muster: Verbrechen passiert, zwei Leute verlieben sich, Tat wird aufgeklärt, und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende. Ja, auch hier ist es natürlich so – ist ja auch Romantic Crime. Meiner Meinung nach gelingt es Karen Rose aber trotz des eigentlich vorhersehbaren Plots, wahnsinnig viel Spannung in ihren Thriller zu bringen. Ich habe „Dornenherz“ sehr gerne gelesen und hoffe, dass sie nächstes Jahr genau an dieser Stelle weitermacht.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


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